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UNTERNEHMEN Meuterei gegen den Steuermann

Die US-Kaffeehauskette Starbucks will die Welt erobern. Doch zu Hause wächst der Widerstand gegen die massive Expansion des Unternehmens.
aus DER SPIEGEL 41/2003

Dorosin. Jeremy Dorosin. Schon der Name klingt ein bisschen ätzend. Und genau das ist der Mann für die US-Kaffeehauskette Starbucks: ein »PR-Alptraum«, wie eine Firmensprecherin schon 1995 raunte. Seitdem tobt der Kalifornier seinen Hass auf das Unternehmen in Zeitungsanzeigen, Büchern, im Internet und ab Dezember auch auf Reklametafeln und Taxidachträgern aus. »Starbucked?« wird darauf zu lesen sein. »Mit Absicht erinnert der Begriff an das rüde 'F-Wort'«, sagt Dorosin. »Denn ebenso rüde sind Starbucks' Geschäftspraktiken.«

Anfangs ging es ihm nur um eine defekte Espresso-Maschine, die er bei der Kaffeekette gekauft hatte und erst nach langem Hin und Her umtauschen konnte. Doch seit vier Jahren archiviert der Hobby-Philosoph nun akribisch die Schmäh-Korrespondenz frustrierter Verbraucher auf seiner Internet-Seite Starbucked.com. Demnächst soll sein gleichnamiges Buch mit den abstrusesten Anekdoten erscheinen.

Und auch wenn Dorosin eher ein egozentrischer Fanatiker sein sollte - allein ist er mit seinem Ärger nicht mehr. Der Konzern, der sich seinen Firmennamen 1971 beim Steuermann in Herman Melvilles Roman »Moby Dick« entlieh, erlebt inzwischen eine Art Meuterei: Egal ob Globalisierungsgegner oder Öko-Verbände, Lokalpolitiker, Wirtschaftsvereinigungen oder »Fair Trade«-Aktivisten - die Kritik an Starbucks wird ausgerechnet auf dem Heimatmarkt in den USA immer lauter.

In San Francisco kam es erst jüngst zu Übergriffen auf sieben Kaffeehäuser. Fensterscheiben wurden zugeschmiert und mit »Zu vermieten«-Schildern versehen. Auf gefälschten Starbucks-Briefbögen war zu lesen, es sei nicht mehr zu garantieren, dass verwendete Kaffeebohnen den »selbst auferlegten Anforderungen an Qualität und soziale Verantwortung« entsprächen. Auch Vertreter der örtlichen Handelskammern schmunzeln über die Aktion, deren Urheber nach wie vor unbekannt sind.

Dem Imperium, das mittlerweile auf weltweit knapp 6800 Filialen angewachsen ist, wird vor allem seine aggressive Expansionspolitik vorgehalten: Alteingesessene Kaffeebars, so die Kritiker, würden aus ihren Vierteln vertrieben - obwohl Starbucks selbst als kleine Röst-Laube begann, 1971 im Hafen von Seattle.

Der Laden lief so gut, dass irgendwann auch der New Yorker Kopiergeräteverkäufer Howard Schultz davon hörte und bei Starbucks als Manager anheuerte. Anders als die Gründer wollte Schultz schnell wachsen. Nach jahrelangem Hickhack übernahm er das Unternehmen 1987, schwenkte auf Expansionskurs und schien Recht zu behalten: Die Yuppies der US-Metropolen konnten von seinen Short Latte oder Tall Frappuccino nicht genug bekommen.

Doch mittlerweile gerät Schultz' Angriffstaktik ins Stocken: Seine ehrgeizigen Pläne für den deutschen Markt etwa hat er schon im vergangenen Jahr korrigieren müssen: Statt der angepeilten 1500 Läden sind nur noch 180 geplant. Eröffnet sind bislang nur 25. In Japan, dem wichtigsten Markt außerhalb der USA, machte die Kette 2002 einen Verlust von 3,9 Millionen Dollar.

Vor allem die Heimatfront beginnt zu bröckeln: In einigen US-Bundesstaaten erwirkten Gemeinden bereits Gesetze, nach denen Gastronomie- und Handelsketten nur noch mit Zustimmung lokaler Geschäftsleute und Anwohner Läden eröffnen dürfen. Marsha Garland von der Handelskammer San Francisco kämpft in ihrem Bezirk North Beach inzwischen so erfolgreich gegen Starbucks, dass Kommunen aus dem ganzen Land anfragen, wie man sich der »Ver-Starbuckung« widersetzt.

Noch härter trifft den Röst-Multi ein anderer Vorwurf: »Starbucks ist nach wie vor für die Verarmung von Millionen von Kaffeebauern mitverantwortlich«, schimpft Melissa Schweisguth von der Menschenrechtsorganisation Global Exchange. Das Unternehmen beziehe weniger als ein Prozent Kaffee aus »fairem Handel«.

Die Anwürfe wirken umso schärfer, als Starbucks sich seiner sozialen Geschäftsphilosophie rühmt. »Wir versuchen, die Lebensbedingungen von Erzeugern zu verbessern - durch den Kauf von Starbucks-Kaffee helfen Sie dabei«, ist in naturfarbenen Faltblättern zu lesen. Die Kette verdränge auch keine Konkurrenten. »Starbucks bereichert die Gemeinden, in denen wir präsent sind«, so eine Managerin.

Die Kritiker beeindruckt das kaum. »Dieser grüne Riese mit dem Yuppie-Ambiente, der den Eindruck vermittelt, mit jeder Tasse Kaffee der Welt einen Gefallen zu tun, zieht immer mehr Hass auf sich«, sagt der Betreiber des Web-Forums Ihatestarbucks.com. Er nennt sich nur »Bill«. Seine Furcht vor den Juristen des Kaffeehauskonzerns ist bislang noch größer als sein Ärger. JOCHEN SIEGLE

Jochen Siegle
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