Mexiko Ohne den Schein unter der Hand läuft nichts mehr

Es ist fast wie eine zweite Steuer: Korruption gehört zum Alltag in Mexiko. Einer Studie von Transparency Mexico zufolge gibt jede Familie im Durchschnitt rund acht Prozent ihres Einkommens dafür aus - Tendenz steigend.


Mexiko-Stadt - Die Summe betrifft nur die kleinen Aufmerksamkeiten im Alltag: Umgerechnet 1,6 Milliarden Euro haben die Mexikaner im vergangenen Jahr für die Bestechung von Polizisten, anderen Beamten oder Privatleuten ausgegeben. Nach einer Erhebung der Organisation Transparency Mexico waren das 42 Prozent mehr als 2005. Die Zahlungen für die Bestechung auf höherer Ebene, etwa einflussreicher Regierungsbeamter durch Unternehmen, sind damit noch gar nicht erfasst.

Mexico City: In vielen Berufen gehört Bestechung zum Alltag
AP

Mexico City: In vielen Berufen gehört Bestechung zum Alltag

Die Studie, deren Ergebnisse am Mittwoch in Mexiko veröffentlicht wurden, schätzt die Zahl aller Bestechungsvorgänge auf 197 Millionen, verglichen mit 115 Millionen zwei Jahre zuvor. Dies bedeutet fast zwei Bestechungsfälle im Jahr pro Kopf der Bevölkerung. Das für Korruption ausgegebene Geld verschlingt etwa acht Prozent des durchschnittlichen Einkommens einer Familie. Der durchschnittliche Betrag für eine Zahlung sank allerdings innerhalb von zwei Jahren von zehn auf acht Euro. Für die Erhebung wurden 17.000 Personen befragt.

Bei rund zehn Prozent aller Behördenvorgänge bewegt sich nur dann etwas, wenn Geld fließt. Dazu gehört die Ausstellung einer Baugenehmigung ebenso wie die Fahrgenehmigung fürs Auto analog zur TÜV-Plakette oder die Lizenz für Straßenverkäufer.

In vielen Berufen gehört Bestechung zum Alltag. So zahlt ein Busfahrer einem Polizisten jedes Mal 20 bis 50 Peso (zwei bis drei Euro), wenn er dabei erwischt wird, dass er Fahrgäste außerhalb der offiziellen Haltestellen ein- oder aussteigen lässt. Bei der Suche nach einem Parkplatz muss man vielfach einen privaten Parkwächter bezahlen, der einen Straßenabschnitt überwacht und Autofahrern freie Plätze zuweist. Dieser Parkwächter muss wiederum Polizisten bestechen, damit diese ihn gewähren lassen.

Die mexikanische Regierung sieht die Wurzel des Problems darin, dass die Bürger sich nicht weigern, ein gefordertes Bestechungsgeld zu zahlen. In Anzeigenkampagnen werden die Mexikaner aufgefordert, Korruption zu melden. Allerdings könnte es dabei wieder zur nächsten Bestechung kommen: Nach den Ergebnissen der Studie gehört die Bezahlung von Polizeibeamten zur Aufnahme einer Anzeige zu den häufigsten Bestechungsvorgängen.

Von Mark Stevenson, AP



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.