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SPEKULATION Michaels Geheimwelt

Binnen weniger Jahre machte das kalifornische Finanzgenie Michael Milken ein unglaubliches Dollar-Vermögen. Jetzt ist der Staatsanwalt hinter ihm her. *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Der New Yorker US-Staatsanwalt Rudolph Giuliani, 44, ist gehaßt und geachtet, weil er die Bosse der großen Mafia-Familien hinter Gitter gebracht hat. Nun ist Giuliani angetreten, einen illustren Zirkel der New Yorker Finanzwelt auseinanderzunehmen.

Gemeinsam mit Gary Lynch, Fahnder der Washingtoner Börsenaufsicht SEC (Securities and Exchange Commission) hat Giuliani ein Verfahren gegen die Wall-Street-Firma Drexel Burnham Lambert und gegen ihren in Los Angeles amtierenden Geldzauberer Michael Milken eingeleitet.

Die Fahnder werfen der Firma und dem Manager vor, Strafgesetze und Börsenvorschriften verletzt zu haben. Vor allem hätten sie gegen das nach dem amerikanischen Strafrecht geltende Verbot verstoßen, sogenannte Insider-Kenntnisse für eigene Aktien-Spekulationen zu nutzen - also Wissen zu mißbrauchen,

das durch die Tätigkeit in Firmen oder mit Firmen erworben wurde.

Obendrein habe die Bank für den inzwischen einsitzenden Finanzakrobaten Ivan Boesky Aktien von Unternehmen geparkt, die für Übernahmemanöver vorgesehen waren. Boesky, der damit seine eigenen Insider-Geschäfte verschleiern wollte, hatte der Bank für diese Dienstleistung 5,3 Millionen Dollar gezahlt.

Die SEC erhob gegen Drexel Burnham Lambert Zivilklage. Wenn Giuliani mit Strafverfahren gegen die Firma und gegen Milken folgt, müßte sich Amerikas Finanzwelt von einem exzentrischen Teil ihrer Vergangenheit trennen. Drexel Burnham Lambert und Michael Milken hatten eine Geldmaschine angeworfen, die das gesamte Unternehmens-Establishment in den Vereinigten Staaten erzittern ließ.

Ohne Michael Milken, 42, einen drahtigen Toupet-Träger mit Berkeley-Diplom, hätte es im Amerika der vergangenen drei Jahre die gigantischen Übernahmeschlachten etwa um TWA (durch Carl Icahn), MGM (durch Ted Turner) oder Eastern Air Lines (durch Frank Lorenzo) nicht gegeben. Und ohne diesen Mann wäre der Kreditmarkt der USA um glatte 160 Milliarden Dollar kleiner - Dollar, die vor allem den mittleren Unternehmen zugute kamen.

Milken, ein ausgewiesener Workaholic und engagierter Besitzbürger ("Ich habe ein Haus, eine Frau, eine Katze und ein Auto"), wurde bis zuletzt unter Experten als späte Wiedergeburt des legendären Bankiers John Pierpont Morgan bewundert, der im vergangenen Jahrhundert die Finanzmärkte umgekrempelt hatte.

Der anspruchsvolle Vergleich hinkt. Milken besitzt keine eigene Bank, und sein Dollarzauber dürfte das Fegefeuer einer anständigen Wirtschaftskrise kaum überstehen. Was den Erfolg anbetrifft, ist die Parallele zumindest kurzfristig nicht so abwegig: Milken soll sich mit der von ihm ersonnenen Geldmaschine inzwischen eine Milliarde Dollar Privatvermögen geschaffen haben.

Der aus Kalifornien stammende Geldkünstler begann seine Karriere als Student in Berkeley, wo er nebenher bei der Wirtschaftsprüfer-Firma Touche Ross arbeitete. Anschließend zog er an die Ostseite des Kontinents und besuchte die Wharton-School der University of Philadelphia. Wharton gilt neben der Harvard Business School als beste Kaderschmiede für den Wirtschaftsnachwuchs der Nation.

An Werktagen arbeitete Milken regelmäßig bei der Firma Drexel Firestone, einer der vielen Vorgänger-Unternehmen von Drexel Burnham Lambert. Er handelte dort mit festverzinslichen Papieren. Die Wochenenden nutzte er für sein Wharton-Studium.

Aus dieser Zeit ist bei Milken die Begeisterung für einen 15-Stunden-Arbeitstag geblieben. Vor allem aber brachte die Verbindung von Wharton-Studium und Drexel-Praxis dem besessenen Geldjünger die Idee seines Lebens.

Milken war aufgefallen, daß die übliche amerikanische Industrie-Finanzierung das etablierte Großunternehmen begünstigte - etwa nach dem Kalauer, eine Bank leihe jedem gern Geld, vorausgesetzt, er könne beweisen, daß er es nicht braucht.

Dieser Zunftregel folgend, hatten die beiden ordensähnlichen Finanzhäuser Standard & Poor's und Moody's eine Rangliste für die Bonität von Unternehmen erfunden, die von AAA bis C reichte, AAA für allerbestens, C für ganz mies. Wer dabei mit BB abschneidet, also gemessen an deutschen Schulnoten zwischen drei und vier liegt, gilt schon als ziemlich unsicherer Geselle, bei C ist alles aus.

Die Anleihepapiere (Bonds) der so bewerteten Unternehmen erhalten am

Kapitalmarkt die gleichen Testate. Unternehmen mit klaren B-Raten können kaum Bonds auflegen, weil niemand sie kauft. Bonds von Unternehmen, die aus der besseren in die schlechtere Bewertung rutschen, galten als Junk (Abfall)-Bonds und waren nur noch mit hohen Abschlägen zu verkaufen.

Milken mißfiel bei diesem Bewertungssystem, daß es seine Kriterien allein aus der Vergangenheit bezog, also aus den guten (oder schlechten) Geschäften von einst. Neue Unternehmen ohne Vergangenheit hatten deshalb keine Chance, preiswert über den Anleihemarkt an Geld zu kommen. Sie mußten sich mit teuren Krediten finanzieren. Das nölige Industrie-Establishment, folgerte Milken, behalte einen ewigen Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Dynamischen, Jungen. Das amerikanische Pioniersystem werde dadurch ausgehebelt.

Milken ging nun an die Statistik. Er stellte fest, daß Unternehmen mit schlechten Moody's- oder Standard & Poor's-Noten nur in verschwindend wenigen Fällen wirklich zahlungsunfähig geworden waren. Mit dieser Erkenntnis zog er zu den großen institutionellen Anleihekäufern, den Versicherungen, Portfolio-Firmen und Pensionsfonds, um ihnen seine Ideen zu präsentieren.

Statt auf die Vergangenheit von Unternehmen zu sehen, erklärte Milken, sei auf die Zukunft, statt auf große Konzerne auf mittelgroße Firmen zu achten, die Kreditbedarf haben. Für sie sollte eine neue Form von Anleihen aufgelegt werden, Anleihen, die einen deutlich höheren Zinsertrag bringen. Damit würde jeder Bondskäufer, der sein Portefeuille mischt, für das statistisch eingrenzbare Risiko einer Pleite mehr als entschädigt. Mittlere Unternehmen aber könnten sich dann genauso wie Exxon oder General Motors der im Vergleich zu normalen Bankkrediten preiswerten Bondsfinanzierung bedienen.

Die neuen Papiere, eine Mischung von Finanzierungs- und Hoffnungswert, nannte Milken verschämt High-Yield-Bonds (Hochprofit-Anleihen), im Sprachgebrauch der Wall Street aber hießen sie bald genauso wie die abgesunkenen Papiere einst gut bewerteter Firmen: Junk-Bonds.

Milkens Idee zündete augenblicklich, weil viele Beteiligte daran schnell verdienten: die von den Abfall-Bonds finanzierten Firmen, die Bondsverkäufer, die Bondskäufer, der Bondserfinder und die amerikanische Volkswirtschaft. Statt bisher 900 konnten nun mehr als 2000 Unternehmen über den Anleihemarkt finanziert werden. Schon 1986 gab es mehr Firmen, die sich über Junk-Bonds finanzierten als über konventionelle Anleihen.

Herrscher am Junk-Bonds-Markt wurde Milkens Arbeitgeber Drexel Burnham Lambert, einst ein mittelgroßes Wall-Street-Haus, nun die heißeste Adresse der Straße. Michael Milken selbst, dem Range nach nur einer von vielen Vizepräsidenten, wurde de facto zum Herrn der Investment-Bank. Die hatte natürlich auch nichts dagegen, daß ihr Spitzenmann schon 1978 mit einer kleinen Truppe nach Los Angeles zog. Dort, sagte er, herrsche bei den Geldmanagern mehr Offenheit für Revolutionäres. Inzwischen besitzt Milken Teile des Bürogebäudes, in dem er die Westküsten-Niederlassung von Drexel Burnham Lambert dirigiert, selbst. Über einen Familienfonds wickelt er Geld- und Beteiligungsgeschäfte jenseits der Bank ab. Der einmalige Sonderstatus wurde ihm bislang nicht geneidet. Jeder war mit Michael Milken zufrieden, denn jeder verdiente an ihm und mit ihm.

Das brachte dem Junggenie einen täglich engmaschigeren Kreis von Freunden und Vertrauten, ein Beziehungsgeflecht, das in der Finanzszene »Michael Milkens Geheimwelt« genannt wird. Durch diese Welt verführt, tat Milken bald schon den Schritt ins Übergroße.

Im März 1985 hielt der Drexel-Mann im hochfeinen Beverly Hills Hotel zu Los Angeles eine seiner rituellen Junk-Bonds-Konferenzen ab. 2000 Geldmenschen waren der Einladung gefolgt. Etwas abseits von der Hauptveranstaltung, im Bungalow Nr. 8 des Hotels, versammelte Milken jene Investoren, die sich als Übernahmekünstler für Großunternehmen profiliert hatten oder die sich auf unkonventionelle Art rasch ein Imperium bauen wollten.

Auf dem bei Insidern als »Predators Ball« (Raubtier-Treffen) bekanntgewordenen Meeting war die inzwischen weltbekannte Horrorgarde der Unternehmensjäger erstmals vollzählig erschienen: Ron Perelman, Irwin Jacobs, Saul Steinberg, Carl Icahn, T. Boone Pickens, Asher Edelman aus den USA, Sir James Goldsmith aus England und Rupert Murdoch aus Australien. Außerdem, zwecks Entertainment, ein ausgesuchtes Bukett von Edeldamen. Ebenfalls anwesend im Bungalow war der damalige Eigentümer des Beverly Hills Hotels, der Meisterspekulant Ivan Boesky von der Wall Street.

Die Herren verständigten sich darüber, das unternehmerische Amerika, repräsentiert von den Cadillac- und Golfclub-Gentlemen im Board der Konzerne, in offener Feldschlacht umzugestalten. Im Verständnis der Raubtier-Konferenz hieß das: die Aktien der Konzerne durch Übernahmeangebote zu erjagen und dann ans profitable Ausschlachten der Firmen zu gehen. Michael Milken und seine Junk-Bonds waren die Waffen, auf die sie gewartet hatten.

Die Masche war so simpel wie die ganze Junk-Bonds-Konstruktion selber: Der Unternehmensjäger gründet eine Holding-Gesellschaft für die Eroberung eines bestimmten Konzerns. Die Holding-Gesellschaft legt Junk-Bonds auf, die Milken an seine Geheimwelt der Investment-Manager

weiterverkauft. Diese Anleger, Investment-Banker oder andere Anlage-Firmen, refinanzieren sich dann beim Publikum durch den Verkauf eigener Zertifikate.

Der Unternehmensjäger startet nun die Übernahmeschlacht mit großzügigen Kursangeboten an die Aktionäre seines Opfers. Sobald er einen größeren Teil der Papiere im Sack hat, wirft Miken seine Junk-Bonds-Maschinen an. Der Unternehmensjäger ist nun zahlungsfähig.

Einzelpersonen wie Icahn, Goldsmith oder Pickens gerieten dank Milken in die Lage, Milliarden aus der Tasche zu ziehen, um Unternehmensgiganten wie etwa Phillips Petroleum, US Steel oder Texaco anzugreifen.

Nach gelungener Übernahme zahlen die Räuber ihre Anleiheschulden schrittweise aus den Erträgnissen der Unternehmensverwertung zurück. Entweder gelingt es - wie Icahn bei der Fluggesellschaft TWA -, das Unternehmen profitabel zu machen; dann fallen enorme Kursgewinne auf dem Aktienmarkt an. Oder das übernommene Unternehmen wird in Teile zerlegt; dann gibt es schöne Gewinne aus dem Verkauf der Stücke.

Drexel Burnham Lambert und der Vizepräsident Michael Milken verdienten in jeder Phase des Krieges mit. Auch Milkens gesamte Geheimwelt-Mafia sahnte ab. Die Zahl der Interessenten am Konzernschlachten war also groß.

Rudolph Giuliani, der mäßig bezahlte US-Staatsanwalt in New York, kann gegen diese Art von Finanzfeuerwerk, bei dem keine produktiven Werte geschaffen, sondern nur Vorhandenes umgewälzt wurde, nichts machen. Doch je bunter es bei der Unternehmensjagd zuging, desto weniger konnte es ausbleiben, daß die Beteiligten sich unbemerkt am Insider-Wissen bereicherten - daß sie also Aktien übernahmereifer Unternehmen vor der Veröffentlichung des Übernahmeangebots kauften und später zu den durch die Übernahmespekulation hochgetriebenen Kursen verkauften. Und das ist, die amerikanischen Gesetze sagen es, im sonst so großzügigen Amerika verboten.

Wer sich aus Insider-Wissen bereichert hat, das wiederum verrät den Mannen um Giuliani und Lynch ausgerechnet der Gastgeber jener Zusammenkunft im Bungalow Nr. 8 des Beverly Hills Hotels: Ivan Boesky, die Schlüsselfigur des New Yorker Insider-Skandals von 1986/87. Boesky schmachtet gegenwärtig komfortabel im kalifornischen Luxusgefängnis Lompoc.

Giuliani und Lynch sind deshalb zuversichtlich, die Revolutionäre Milken und Drexel juristisch aushebeln zu können. Die Konkurrenz an Wall Street, denen Michael Milkens Ein-Mann-Show zunehmend auf den Geist ging, teilt diese Zuversicht.

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