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Flick-Konzern Mick und Muck

Konzernherr und Milliardär Friedrich Flick gibt einen Teil seiner Macht an seine Enkel ab; von einem Hotel am Bodensee aus lenkt er weiterhin die Konzern-Unternehmen.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Der alte Herr mit dem eisgrauen Haar schüttelte vor seinen beiden Enkeln mißmutig den Kopf und brummte: »Juristen hält man, Jurist wird man nicht.«

Mit dieser hausgemachten Lebensregel wollte vor Jahren Deutschlands mächtigster Großindustrieller, der Düsseldorfer Konzernschmied und Milliardär Friedrich Flick, 89, seine beiden Enkel Gert-Rudolf, 29, und Friedrich Christian, 27, für ihre künftige Führungsrolle im größten Privatkonzern der Bundesrepublik präparieren. Dieser Rolle, so meinte der Alte, sei das Studium der Rechte nur abträglich. Doch die Flick-Brüder schlugen den Rat aus: Sie wurden Juristen mit Staatsexamen und Promotion.

Jetzt übernimmt das Juristen-Duo einen Teil der Verantwortung in Flicks Familienreich: Gert-Rudolf (Kosename: Muck) gehört seit Mai letzten Jahres der Konzernleitung an; Friedrich Christian (Kosename: Mick) erklimmt Anfang September zu seinem 28. Geburtstag den Sessel eines persönlich haftenden Gesellschafters bei der Friedrich Flick KG, der Zentrale des privaten Geld-Imperiums im vornehmen Düsseldorfer Stadtteil Oberkassel.

Die beiden Erben kontrollieren somit, zusammen mit ihrem Onkel Friedrich Karl, 45, eine Unternehmensgruppe, die -- von einer Handvoll Elitemanagern im Mittelbau der Konzernspitze zusammengehalten -- als wertvollstes Stück deutschen Industriebesitzes gelten darf. Großvater Friedrich hinterläßt eines der am besten organisierten Unternehmen in Europa, mit über sechs Milliarden Mark Umsatz und über 300 Beteiligungen im In- und Ausland, von der Stuttgarter Daimler-Benz AG bis zum Düsseldorfer Papiertrust Feldmühle und der Rüstungsfabrik Dynamit Nobel in Troisdorf. Bei Flick rollen Autos vom Band, wird Stahl gegossen und verkauft, werden Maschinen, Panzer und Dynamit produziert, wird Zeitungspapier gewalzt und Schiffahrt betrieben.

Wie kein anderer beherrschte Großvater Flick die Kunst, rechtzeitig im großen Stil von einer Branche in die andere umzusteigen. Anders als sein Freund, der verstorbene Alfried Krupp, hatte Flick diese Fähigkeit rechtzeitig genutzt, um aus der Montan-Industrie in Wachstumsindustrien umzusteigen.

Seinen gewaltigen Industrietrust, den zweiten, den er in den mehr als 60 Jahren aufbaute. zimmerte er nach dem Kriege zusammen, nachdem er aus dem Landsberger Gefängnis entlassen worden war, in das ihn die Alliierten wegen seiner Tätigkeit als führender Industrieller im Hitler-Reich gebracht hatten.

Den Brüdern Mick und Muck wächst mit ihrem Eintritt in die Geschäftsleitung eine Hausmacht zu. die Großvater Friedrich nur langsam aus der Hand gab, als er sich vor etlichen Jahren aus seinem Heim im Prominentenviertel Ratingen bei Düsseldorf der Bronchien wegen in das mildere Klima am Bodensee verzog. Dort kaufte er im eidgenössischen Kreuzlingen den Landsitz Haus Ebersberg, residiert aber dennoch derzeit in einer angemieteten Etage des Konstanzer Insel-Hotels, zusammen mit Chauffeur. Sekretärin. Kammerdiener, dem Generalbevollmächtigten Fritz Welz und »Frau Speckmann«, einer Cousine des greisen Industriefürsten, die den Haushalt besorgt.

Doch auch heute noch verlangt Friedrich Flick, der in seinem holzgetäfelten Düsseldorfer Arbeitszimmer unter einem riesigen Bismarck-Porträt thronte, daß ihm alle wichtigen Entscheidungen in Konstanz vorgelegt werden. Selbst Daimler-Chef Joachim Zahn kann sich vor einer Reise an den Bodensee nicht drücken, wenn er für die Stuttgarter Automobilfabrik eine wichtige Entscheidung zu treffen hat. Daimler-Großaktionär Flick, Intimfreund des früheren Industriepräses Fritz Berg. arbeitet, wenn ihn die Bronchien nicht plagen, noch bis zu zehn Stunden am Tag.

Als Flick am Montag letzter Woche seine beiden Neffen zu seinem 89. Geburtstag empfing, hatte er sich längst damit abgefunden, daß ihm in der Familie gegen seinen Willen zwei Juristen nachgewachsen sind. Der anfängliche Groll verschwand um so mehr, als sich die Enkel stets dem Willen des Alten beugten. Schon heute gehören den Brüdern, zusammen mit Schwester Dagmar, 21, laut Erbvertrag über 30 Prozent des Konzerns.

Verzicht forderte der Patriarch. der stets auf ausgesucht spartanischen Lebensstil Wert legte, mehrfach von seinen Zöglingen. So mußten sie auf seine Anweisung während des Studiums auf Jet-Set und andere Vergnügungen verzichten. Statt dessen hospitierten sie in den Semesterferien in Flick-Tochterfirmen und sammelten erste Industrieerfahrungen an der Quelle. Zudem reisten Mick und Muck alle zwei Wochen nach Konstanz, um bei gemeinsamem Frühstück und Waldspaziergang den Rat des Alten zu hören und Konzernpläne zu erörtern. Gert-Rudolf Flick: »Wir wuchsen nicht unter Naturschutz auf.

Mit dem Einzug der dritten Generation in die Konzernspitze muß das Familienunternehmen eine Verjüngungskur über sich ergehen lassen. Denn in den letzten Jahren wurde das Imperium von einem gemeinsam mit Friedrich Flick ergrauten Management gesteuert. wie dem Flick-Intimus Konrad Kaletsch, 73, und dem Arbeitgeber-Präsidenten Otto A. Friedrich, der vor wenigen Tagen im Düsseldorfer Hilton seinen 70. Geburtstag feierte.

Der erste Versuch, dem Industrieklan frisches Blut zu übertragen, endete 1970 mit einem nur mühsam vertuschten Eklat. Damals schied Eberhard Von Brauchitsch. 45, dem Haus durch Schulfreundschaft mit Flick-Sohn Friedrich Karl verbunden. als persönlich haftender Gesellschafter aus. Fr hatte sich mit seinem gleichaltrigen Kompagnon mehr und mehr zerstritten und mußte die Konsequenzen ziehen. Brauchitsch trat daraufhin als Generalbevollmächtigter in den Hamburger Zeitungskonzern Axel Springer ein.

Friedrich Karl selbst versucht seither mittels eines achtköpfigen Sekretariats und einer privaten Telephonanlage, die komplizierter als die des Duisburger Stahlkonzerns Thyssen ist, das Unternehmen im Griff zu halten. Da er stark gehemmt ist, tritt er nur wenige Male im Jahr öffentlich auf, etwa wenn er vor Journalisten die Bilanzen verliest oder bei Hauptversammlungen die Aufsichtsratsbank drückt.

Sein Bruder Otto-Ernst. 56, Vater von Mick und Muck, scherte schon 1966 aus dem Konzern aus. Da er das Industrie-Mammut anders lenken wollte als sein Vater und nicht auf den Alten hören wollte, versuchte Flick-Senior. sämtliche an seinen ältesten Sohn bisher durch Schenkung übertragenen Unternehmensanteile wegen »groben Undanks« zurückzuholen. Der unfeine Familienkrach in Deutschlands feinster Industriellenfamilie endete mit einem Vergleich, nach dem Otto-Ernst. finanziell gut abgefunden, aus der Firma schied. Seither erprobt er seinen Mut und seine Fähigkeiten mehr bei Expeditionen nach Alaska und an Kletterbergen in Asien.

Den Söhnen von Otto-Ernst hat der Patriarch andere Rollen zugedacht. Während sich Gert-Rudolf mehr für die Finanzen und Steuern interessiert, strebt Friedrich Christian »mehr nach dem Unternehmerischen an sich«. Somit haben die beiden Brüder wie einer ihrer Freunde unlängst räsonierte -mit ihrer verschiedenen Begabung »die Chance. auch ohne Streit in die Verantwortung zu wachsen

Sie werden es dabei nach Ansicht von Insidern nicht leichthaben. Denn Onkel Friedrich Karl und sein Intimus Günter Paefgen wachen eifersüchtig an den Hebeln der Macht. Als Indiz gilt, daß der Eintritt von Gert-Rudolf in die Geschäftsleitung im Jahre 1971 bei der jährlichen Bilanzpressekonferenz wortlos übergangen wurde.

Ihr Rüstzeug für den neuen Job sammelten die beiden Flick-Sprößlinge nach ihren Staatsexamen vorwiegend hei fremden Firmen. So lernte Muck, Leutnant der Reserve zur See, beim Düsseldorfer Privatbankhaus Simon, der Deutschen Bank in Düsseldorf und der European-American Bank in New York; Mick dagegen debütierte nach einem zusätzlich begonnenen, aber wieder abgebrochenen Studium an der Wiener Welthandelsschule ("Das fand ich unbefriedigend") bei der Glühlampenfabrik Osram in München und der J. Henry Schroeder-Bank in New York.

Mit Tennis und Bergsteigen wollen sich die beiden hochgewachsenen Junggesellen, die im Düsseldorfer Zooviertel wohnen, sportlich fit halten. Ihr Weltbild -- zunächst geprägt durch den extrem scheuen Familiendynasten in Konstanz -- ist nach Aussage ihrer Freunde, gemessen an der Flick-Norm. »erfrischend modern«.

Friedrich Christian Flick charakterisierte jüngst sein Verhältnis zur eigenen Macht: »Ich glaube, wir müssen mit einer veränderten Umwelt rechnen.«

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