Microsoft-Enthüllungen Big Bill denkt barfuß

Zweimal im Jahr geht Microsoft-Chef Bill Gates mit sich selbst in Klausur, verbunkert sich in einer Waldhütte - und die Software-Branche wartet gespannt, was ihm dieses Mal einfällt. Jetzt durfte ein US-Reporter Gates erstmals beim Denken zugucken.

New York - Alle sechs Monate denkt er nach. Und zwar ganz feste, eine ganze Woche lang, verbunkert in einer spartanischen Waldhütte irgendwo im US-Bundesstaat Washington, an einem Ort, den nur seine allerengsten Vasallen kennen und das "Wall Street Journal". Niemand darf ihn stören in dieser Einsiedelei, nicht mal die Gattin. Denn über 100 Papiere, Essays, Memos und E-Mails studiert er, und am Ende taucht er hoffentlich mit neuen Geistesblitzen wieder auf, die Markt und Börse bewegen mögen.

"Think Week" heißt diese rituelle Klausur von Microsoft-Chef Bill Gates, Denkwoche, und der Wall Street stockt huldvoll der Atem. Seit den achtziger Jahren zelebriert er sie, um die Welt hernach mit Erleuchtungen zu beglücken wie dem Internet Explorer, den er 1995 in der Kartause ersann. Ansonsten ist dieses Mysterienspiel natürlich auch ein tolles Stück Selbstinszenierung und PR, dem jetzt zum ersten Mal ein Reporter beiwohnen durfte, der Tech-Autor Robert Guth vom besagten "Wall Street Journal" - "unter der Bedingung, dass die Örtlichkeit geheim bleibt".

Das "Journal" wiederum beglückte seine Leser in der Montagsausgabe mit Guths exklusivem Hofbericht. Gleich auf der Titelseite, prominent links oben, und der gewagte Untertitel lässt schon ahnen, welch brisante Enthüllungen einen da erwarten: "Gegrillter Käse, Orangenlimonade." Da regnet es "Scoops", schon im ersten Absatz. Die Audienz sei an einem "sonnigen Donnerstagnachmittag" erfolgt, vermeldet Guth. "Hi, danke fürs Kommen", habe Gates zur Begrüßung gesagt, offenbar "auf Gesellschaft erpicht nach vier Tagen alleine". Gern geschehen, die Werbung ist ja gratis.

Die Presseabteilung von Microsoft   ist berüchtigt für ihre besessene Informationskontrolle. Nichts geschieht durch Zufall, jedes Wort, das nach außen dringt, dient einem Zweck, ähnlich wie beim Weißen Haus. Und so darf gefolgert werden, dass auch Guths Visite, vom Guru Gates höchstselbst abgesegnet, einem Zweck dient - für Microsoft.

Gates' Denkfront sei "eine winzige, relativ bescheidene Stätte mit einem kleinen Schlafzimmer", beruhigt Guth all jene, die beim Namen des reichsten Mannes der Welt automatisch Sozialneid verspüren. Auch die Mahlzeiten des Microsoft-Gründers, diskret überbracht von einem Boten, seien "einfach". Am Tag der Reporter-Visite habe es "gegrilltes Käsesandwich und Fischsuppe" gegeben, veredelt durch "Diät-Orangenlimonade". Selbst auf die Figur achtet der Mann bei allem noch.

Kostenfreier Kotau

Askese schärft den Geist, das wusste schon Gandhi. Den Geist und das Arbeitstempo: 56 Papiere seiner Dienerschaft habe Gates in den ersten vier Tagen seiner jüngsten Isolation gelesen, sein Wochenrekord seien 112, "diesmal schaffe ich sicher 100". Mit auf dem Menü stehen auch gutwillige Ketzereien: "Zehn verrückte Ideen, um Microsoft wachzurütteln."

Als sich die US-Medienszene neulich laut darüber echauffierte, dass das Weiße Haus willige, konservative Kolumnisten nutzte, um seine Message unters Volk zu streuen, hielt sich das "Wall Street Journal" vornehm zurück. Dabei wurden diese Lohnfedern, anders als "Journal"-Mann Guth, nebenher vom Auftraggeber in Washington, DC bezahlt. Guth leistet seinen Kotau kostenfrei - inklusive Product Placement für einen weiteren Computerkonzern: "Am Fenster mit Blick aufs Wasser stand ein Schreibtisch mit zwei Dell-PC-Monitoren."

In erster Linie ist dies aber ein Product Placement für Bill Gates, Genie und Mensch, Version 2.0. An der Wand der Lesestube, informiert Guth, hänge ein Porträt von Victor Hugo (intellektuelles Interesse), Gates' Finger seien schwarz von Druckerschwärze und Tinte (professorenhafte Arbeitswut), er rackere bis tief in die Nacht (dito), er laufe barfuß herum (einer wie du und ich), in seinen Fünf-Minuten-Pausen spiele er Online-Bridge (dito), und manchmal rufe er einzelne Worte wie "Langeweile" oder "Ärger" bewusst laut aus, "nur aus Spaß" (charmante Spleenigkeit).

Gesegnete Fantasien

Daneben publiziert das "Journal" in einem Info-Kasten Gates' diesjährige "Lektüreliste", deren Hinweis "Quelle: Microsoft" gleich für den gesamten Artikel gelten könnte. Darauf Ideen seiner Microsoft-Erfinder zu "elektronischen Kartografiediensten", Verbesserungen der Office-Software, Virusschutzprogrammen, Sprach-Software und einer Langzeit-Strategie zur Expansion auf dem Videospiel-Markt. Eine Schönheitskonkurrenz hausinterner Tech-Fantasien, und die ganze Belegschaft bangt, welchen der Chef diesmal seinen Segen gönnt.

Über eine dieser gesegneten Fantasien informiert das "Wall Street Journal" seine Leser übrigens, ganz zufällig, in derselben Ausgabe auf Seite B1, der Coverseite des Markt-Ressorts. Microsoft schicke sich an, eine "bedeutsame Wende" in der Debatte um Online-Sicherheit herbeizuleiten, berichtet die Zeitung unter Berufung auf Konzernquellen, "die von den Plänen Kenntnis haben". So werde die nächste Version von Windows brandneue Software enthalten, die dem Nutzer helfe, sich gegen virtuellen Identitätsraub zu schützen. Autor des Artikels: Robert Guth.

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