Microsoft-Prozess Das Weiße Haus schaltet sich ein

Bisher hatte sich US-Präsident Bill Clinton aus dem Kartellprozess gegen den Softwareriesen Microsoft herausgehalten. Angesichts der möglichen Zerschlagung fragte das Weiße Haus nun im Justizministerium nach.


Interesse an Microsoft: Bill Clinton
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Interesse an Microsoft: Bill Clinton

Washington - Top-Mitarbeiter des Weißen Hauses wollen über die neuesten Pläne des Justizministeriums informiert werden. Amerikanischen Zeitungen zufolge sei dies ein ungewöhnlicher Vorgang und zeige die politische Bedeutung, die diesem Thema in den USA beigemessen werde. Die neuesten Pläne des Justizministeriums reichen offenbar bis zu einer Zerschlagung von Microsoft in zwei oder drei Gesellschaften. Die Regierung hat bis Freitag Zeit, ihre Forderungen an Microsoft auf den Tisch zu legen.

Herbe Verluste für Bill Gates
REUTERS

Herbe Verluste für Bill Gates

Schwache Wachstumsprognosen und Spekulationen um die mögliche Zerschlagung des Konzerns haben den Aktienkurs von Microsoft am Ostermontag um 16 Prozent einbrechen lassen. Der Nasdaq-Index fiel dadurch um 4,4 Prozent. Durch den Kursverfall der Aktie sank der Marktwert des Unternehmens an nur einem Handelstag um 72 Milliarden Dollar, das Vermögen von Firmengründer Bill Gates verringerte sich damit rechnerisch um zehn Milliarden Dollar auf etwa 50 Milliarden Dollar. Insgesamt hat sich der Wert der Aktie damit seit Ende Dezember fast halbiert.

Händler begründeten die Verkaufswelle, die die gesamte Wall Street in Mitleidenschaft zog, vor allem mit den enttäuschenden Wachstumsprognosen, die die Firma von Bill Gates am Donnerstag veröffentlicht hatte. Auch Berichte, wonach die Kläger im Kartellverfahren gegen Microsoft die Zerschlagung des Konzerns anordnen könnten, lasteten auf der Aktie.

Microsoft hatte am Donnerstag nach Börsenschluss einen auf 2,39 Milliarden Dollar gestiegenen Quartalsgewinn veröffentlicht und damit die Erwartungen des Marktes weitgehend erfüllt. Mit Enttäuschung wurde allerdings aufgenommen, dass das Unternehmen den Investoren eine nach unten korrigierte Wachstumsprognose präsentierte.

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Microsoft in Not

Jahrelang war Microsoft der Hauptgewinner des Computerbooms. Nun muss der weltgrößte Softwarekonzern die Zerschlagung fürchten. Steigt Microsoft damit in die zweite Liga der Computerfirmen ab?

Branchenexperten wie der Analyst Rick Sherlund von der Investmentbank Goldman Sachs setzten ihre Empfehlungen für die Aktie herab. Sherlund, der die Aktie auf "Market outperform" von "Kaufen" zurückstufte, warnte in einer Mitteilung an die Investoren vor der Gefahr, dass Microsoft den Übergang zur drahtlosen Computertechnik verpassen und damit ein ähnliches Schicksal erleiden könnte wie IBM, das ein Jahrzehnt zuvor beim Wechsel vom Großrechner zum PC seine marktbeherrschende Stellung verloren hatte.

Drew Brosseau von SG Cowen veröffentlichte eine Mitteilung mit dem Titel "Microsoft fährt zum ersten Mal gegen die Wand", in der SG die hohen Gewinnschätzungen für das Unternehmen zurücknahm.

Auch die Berichte über eine angestrebte Zerschlagung des Weltkonzerns belasteten die Aktie. Wie die Nachrichtenagentur Reuters aus mit dem Fall vertrauten Kreisen erfahren hatte, steht das US-Justizministerium im Kartellverfahren gegen Microsoft kurz davor, dem zuständigen Gericht die Zerschlagung des Konzerns zu empfehlen. Das Justizministerium, das gemeinsam mit 19 Bundesstaaten den Konzern wegen Missbrauches seiner Marktmacht verklagt hat, denke dabei an die Aufspaltung von Microsoft in zwei Teile, hieß es. Eine der neuen Firmen solle das Betriebssystem "Windows" anbieten, die andere Anwendungssoftware wie die Programmserie "Microsoft Office". Beide sollten Zugangssoftware für das Internet anbieten dürfen. Dies wäre der erste Fall seit dem Kartellverfahren gegen AT&T im Jahre 1974, in dem die US-Regierung gegen ein Unternehmen wegen Monopol-Missbrauchs einen so drastischen Schritt fordert.



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