Untreue-Prozess Exsekretärin nennt Middelhoffs Entscheidungen "gottgegeben"

Neue Erkenntnisse im Arcandor-Prozess: Die ehemalige Sekretärin von Thomas Middelhoff hat laut eigener Aussage die Entscheidungen des Managers als "gottgegeben" hingenommen. Sie habe sich nicht als Controllerin ihres Chefs gesehen.

Middelhoff im Gerichtssaal in Essen (Archivbild): "Zuordnung von 610 Flügen"
DPA

Middelhoff im Gerichtssaal in Essen (Archivbild): "Zuordnung von 610 Flügen"


Essen - Beim ehemaligen Karstadt-Mutterkonzern Arcandor hat nach Aussage einer Vorstandssekretärin hauptsächlich der frühere Konzernchef Thomas Middelhoff Privatjets genutzt. Andere Manager des Konzerns hätten nur in seltenen Ausnahmefällen auf die teuren Charterflieger zurückgegriffen, sagte die ehemalige Sekretärin des Managers im Untreue-Prozess vor dem Landgericht Essen. Allerdings habe auch Middelhoffs Vorvorgänger Wolfgang Urban schon Privatflieger genutzt.

Die 50-Jährige betonte in ihrer vierstündigen Vernehmung, bereits vor der Buchung sei dabei abgeklärt worden, ob es ein privater oder ein dienstlicher Flug war, um die Kosten entsprechend zuordnen zu können.

"Wenn es nur den Hauch eines Zweifels gab, habe ich es natürlich abgeklärt", sagte sie. Letztlich habe die Entscheidung, ob ein Flug Arcandor in Rechnung gestellt oder vom Konzernchef selbst bezahlt wurde, Middelhoff getroffen. "Ich habe mich nie als Controllerin meines Chefs gesehen", sagte die Sekretärin. Seine Entscheidung habe sie als "gottgegeben" hingenommen.

Widersprüchliche Informationen

Diese Angaben der Sekretärin stellen eine Aussage ihres früheren Chefs in einem anderen Licht dar: Middelhoff hatte in einer Erklärung vor Gericht betont, dass es bei der "Zuordnung von 610 Flügen keinen einzigen Fall gab, bei dem meine Sekretärin oder ich unterschiedlicher Meinung gewesen wären".

Die Staatsanwaltschaft Bochum wirft Middelhoff vor, den inzwischen pleitegegangenen Handelskonzern mit betriebsfremden Kosten in Höhe von rund 1,1 Millionen Euro belastet zu haben. Hauptsächlich geht es dabei um Flüge mit Charterflugzeugen und Hubschraubern, die von Arcandor bezahlt wurden. Nach Auffassung der Anklagebehörde waren diese aber ganz oder teilweise privat veranlasst. Middelhoff weist die Vorwürfe entschieden zurück.

Widersprüchliche Informationen gab es am Dienstag weiterhin zu dem offenbar gegen Middelhoff beantragten Haftbefehl. Middelhoff selbst bekräftigte, das Thema sei vom Tisch, nachdem sich seine Managerversicherung mit dem Arcandor-Insolvenzverwalter geeinigt habe. Ein Sprecher des Insolvenzverwalters erklärte dagegen, nach wie vor liege keine belastbare Zusage der Versicherung vor. Deshalb gebe es auch beim Thema Haftbefehl keine Veränderung.

Nach SPIEGEL-Informationen hat eine Gerichtsvollzieherin Haftbefehl gegen Middelhoff beantragt. Damit will sie ihn zur Abgabe einer Vermögensauskunft zwingen, auch Offenbarungseid genannt.

bos/dpa

insgesamt 67 Beiträge
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Seite 1
chagall1985 17.06.2014
1. Unglaubliche Argumentation
Zitat von sysopDPANeue Erkenntnisse im Arcandor-Prozess: Die Ex-Sekretärin von Thomas Middelhoff will die Entscheidungen des Managers als "gottgegeben" hingenommen haben. Sie habe sich nicht als Controllerin ihres Chefs gesehen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/middelhoffs-ex-sekretaerin-nennt-seine-entscheidungen-gottgegeben-a-975762.html
Meine Sekräterin hat mir Niemals verboten einen Flug Arcandor in Rechnung zu stellen. Das belegt doch, dass es legitim ist, oder? Lustiger Gedankengang: Der CEO einer Firma gibt die Anweisung einen Flug zu buchen und dem Arbeitgeber in Rechnung zu stellen und die Sekretärin weigert sich..... Beste Voraussetzungen für eine lange Karriere.....
janne2109 17.06.2014
2.
beide haben recht - jeder von seiner Seite aus gesehen. Niemals würde die Sek. besser sie heißen ja in so einer Position Assistentin gegen ihren Chef etwas sagen, solche Aussagen sind im Nachhinein auch nicht dem wirklichen Procedere zuzuordnen.
ludna 17.06.2014
3. Controllerin,
die Frau hat recht. Man stelle sich folgende Situation vor. Herr Z, CEO eines Millionenunternehmens zu seiner Sekretärin: "Frau X buchen sie bitte eine Flug nach Y". Frau X: "Herr Z, ich kann ihnen diesen Flug nicht buchen, sie sind dazu nicht berechtigt".
wibo2 17.06.2014
4. Ein Mann, der nicht nur von seiner Sekretärin absolute Ergebenheit verlangt, ...
Zitat von janne2109beide haben recht - jeder von seiner Seite aus gesehen. Niemals würde die Sek. besser sie heißen ja in so einer Position Assistentin gegen ihren Chef etwas sagen, solche Aussagen sind im Nachhinein auch nicht dem wirklichen Procedere zuzuordnen.
... sondern generell ... Seine Bedingungen lauten Gehorsam und Ergebenheit! Seine Zeit als Arcandor-Chef kommt Thomas Middelhoff teuer zu stehen. Er wird als Karstadt Pleitier angesehen, der sich wahrscheinlich selbst daran bereichert hätte. Vorsätzliche sittenwidrige Schädigung in mehreren Fällen wird ihm nun vorgeworfen. Vom Dr. Eick redet indes derweil niemand mehr.
sponner_hoch2 17.06.2014
5.
Was soll sie auch sagen? Erstmal hat Sie recht, als Sekretärin ist sie nich Controllerin mit entsprechender Inhalskompetenz. Es sei denn natürlich, es handelt sich um überaus offensichtliche Dinge. Scheint hier aber nicht gegeben. Und dann wird die Frau jetzt vermutlich auch denken, dass sie selbst nicht in die Bredouillie kommen möchte. Sprich, unanhängig davon was wirklich passiert ist wird sie jetzt wohl darstellen wollen, dass sie keine Entscheidung dazu getroffen hat und auch nicht dazu befugt / verpflichtet war. Sonst könnte Karstadt ja noch auf die Meinung kommen, auch bei ihr was anzufordern. Und vor allem wird sie das damals auch mehr oder weniger so gehandhabt haben. Will sagen, CEO-Sekretärinnen sind in der Regel nicht die dümmsten. Die wird schon auf dem Radar gehabt haben, dass man sich bei solchen Sachen absichert. Z. B. dadurch, dass die Entscheidung vom Chef kommt.
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