Migration Und tschüs ...

Die Jobaussichten sind schlecht, die Steuern hoch, die Bürokraten nervig: Immer mehr Deutsche haben genug von ihrem Land, sie wandern aus. Und meist sind es die Qualifizierten, die gehen. Mit ihnen verschwindet wertvolles Wissen, die wirtschaftlichen Folgen sind fatal.

Von Julia Bonstein, , Sebastian Matthes und Irina Repke


Sie sind es satt, so satt. Dieses ewige Gezänk um Lohnnebenkosten, Sozialreformen, Subventionsabbau, Ladenschluss und all die anderen Symbole einer blockierten Republik.

Frank Pigorsch, 45, Maurermeister aus Harsefeld, mit seiner Frau Birgit und den Kindern Aaron und Johannes, heute in Calgary: "Mit Mitte 40 ist das die letzte Chance."
Knut Gärtner

Frank Pigorsch, 45, Maurermeister aus Harsefeld, mit seiner Frau Birgit und den Kindern Aaron und Johannes, heute in Calgary: "Mit Mitte 40 ist das die letzte Chance."

Sie sind es leid, in einem Land zu leben, in dem es einem Lotteriespiel gleicht, einen Krippenplatz zu ergattern - einem Land, in dem nicht einmal die Hälfte der Menschen von Erwerbsarbeit lebt. Und in dem selbst Akademiker mit Mitte 40 bereits als schwer vermittelbar gelten; einem Land also, in dem alle Chancen verteilt scheinen: auf beruflichen Erfolg, auf Eigentum, auf Wohlstand.

Deshalb wollen sie weg. Nichts wie weg. Dorthin, wo sie eine bessere Zukunft vermuten. In die Dritte Welt zum Beispiel, nach Indien.

René Seifert, 35, ist noch immer wie berauscht von Bangalore, der aufstrebenden Metropole des Subkontinents, wo sich nachts die jungen Programmierer in den Tanzlokalen drängeln und tagsüber Autos die Rikschas überholen und Rikschas die Kühe - und doch alles irgendwo seinen Platz findet. Seifert liebt dieses Chaos. "Das Pulsierende in Asien, die positive Grundstimmung und die vielen Möglichkeiten faszinieren mich", schwärmt er.

Seifert, ein diplomierter Kaufmann, der früher Unterhaltungschef beim Internet-Portal Lycos Europe war, hat mit ein paar tausend Euro Startkapital eine Firma in Bangalore gegründet, er berät deutsche Mittelständler, die sich hier ihre Buchhaltung erledigen lassen wollen. Dass er irgendwann einmal nach München zurückkehren wird, kann er sich kaum vorstellen: "Hier geht es doch jetzt erst richtig los."

Ähnlich empfindet es der Mediziner Frank Naumann, 38, der zusammen mit seiner Frau vor den "miserablen Arbeitsbedingungen zu Hause" nach Österreich geflüchtet ist: "Vom Nordkap bis zu den Emiraten sind deutsche Ärzte gefragt, weshalb sollte ich da in Cottbus bleiben?"

Sechs Jahre lang wurde der Facharzt an einer Cottbuser Klinik mit Zeitverträgen vertröstet. Es war höchst ungewiss, wann er je zum Oberarzt aufsteigen würde. Die Naumanns zogen die Konsequenz: Sie siedelten über ins Salzburger Land, nun arbeitet er im Krankenhaus in Schwarzach, unbefristet und als Oberarzt. In Cottbus aber musste das Klinikum Notdienstpläne aufstellen, weil immer mehr Ärzte fehlten.

Fast jeder kennt heute Leute wie Seifert oder Naumann, die mitten im Leben neu anfangen wollen. Leicht fällt der Abschied wohl keinem, doch irgendwann ist der Frust so groß wie die Sehnsucht auf eine neue Zukunft. Selten haben sich so viele Menschen in Deutschland dafür entschieden, alles hinter sich zu lassen: Haus und Hof, Eltern und Tanten, Freunde und Kollegen.

Genau 144.815 Deutsche sind im vergangenen Jahr laut Statistischem Bundesamt fortgezogen, das ist fast ein Viertel mehr als 2002. Zugleich kehren immer weniger aus dem Ausland zurück, zuletzt waren es 128.052. Erstmals seit einer Generation wandern wieder mehr Deutsche aus als ein. Und das sind bloß die offiziellen Zahlen.

Vermutlich gibt es etwa noch mal so viele Fortzügler, die es versäumen, sich bei ihrer Gemeinde abzumelden. Längst sind es nicht mehr nur Aussteiger, Steuerflüchtlinge oder Prominente, die sich auf und davon machen. Heute zieht es Internisten nach Norwegen, Ingenieure in die USA, Agrarwissenschaftler nach Neuseeland. Deutschland, kein Zweifel, wird zum Auswanderungsland.

DER SPIEGEL
Der typische Emigrant ist im besten Alter, zwischen 25 und 45, hat eine ordentliche Ausbildung genossen und schon Karriere gemacht. "Wer geht, ist häufig hoch motiviert und gut ausgebildet", sagt Stefanie Wahl vom Bonner Institut für Wirtschaft und Gesellschaft. Ganz anders verhält es sich mit den Einwanderern: "Wer kommt, ist meistens arm, ungelernt und wenig gebildet." Genau hier liegt das Problem.

Immer mehr Menschen kehren Deutschland den Rücken, und zwar vor allem die Leistungsträger: Laut einer OECD-Studie verliert kaum ein anderer Industriestaat so viele Akademiker ans Ausland. Der Anteil der Promovierten liegt unter den Auswanderern zehnmal höher als im Schnitt der Bevölkerung. Und die Hälfte der Emigranten ist jünger als 35 Jahre: "Das ist ein Alarmzeichen", warnte vergangene Woche Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags.

Zugleich aber kommen immer weniger Neubürger ins Land, und dann sind es häufig nicht gerade solche, die die Unternehmer besonders umwerben. Während Staaten wie Australien oder Kanada in erster Linie ins Land lassen, wen sie wirklich brauchen, qualifiziert in Deutschland die meisten Einwanderer lediglich die Tatsache, dass sie Familiennachzügler oder Spätaussiedler sind - eine Fehlsteuerung mit weitreichenden Folgen.

Der Hamburger Ökonom Thomas Straubhaar warnt vor einer Art "DDR-Effekt", wenn das Land ausgerechnet jene Kräfte verliere, die flexibel seien und offen für Neues. "Wenn wir nichts dagegen tun, werden sich die Probleme dieses Landes in einer Weise zuspitzen, wie sich das heute kaum jemand vorstellen kann."

Dem Rentensystem gehen Beitragszahler just zu einer Zeit verloren, da sich das Riesenheer der Babyboomer allmählich in den Ruhestand verabschiedet. Die demografische Krise verschärft sich, zumal ohnehin 2005 schon 144.000 mehr Menschen in Deutschland gestorben sind als geboren wurden und der Abstand zwischen Geburten und Sterbefällen weiter wächst.

Für die deutsche Volkswirtschaft bedeutet die Abwanderung der Eliten ein gewaltiges Verlustgeschäft: Der Staat steckt Zigtausende Euro in die Ausbildung jedes Biologen, Informatikers oder Ingenieurs. Und dann verlassen diese Spezialisten frustriert das Land.

Von knapp 12.000 Medizinstudenten, die pro Jahr ihr Studium beginnen, arbeiten am Ende weniger als 7000 in Kliniken oder Praxen; von ihnen wiederum verlässt laut Marburger Bund knapp die Hälfte Deutschland. Die Ausbildung dieser etwa 3000 Ärzte kostet den Staat rund 600 Millionen Euro - und davon profitieren die Patienten in Großbritannien, Norwegen oder der Schweiz.

Letztlich schwächt der Export solchen Geistesvermögens den Standort. Vielen Unternehmen fehlen heute schon Fachkräfte, 16 Prozent der deutschen Firmen können nicht alle Arbeitsplätze besetzen, weil sie keine geeigneten Mitarbeiter finden. Allein im Maschinenbau gibt es derzeit rund 7000 offene Stellen für Ingenieure.

"Es kann nicht sein, dass vor allem Menschen auswandern, die für uns wertvoll sind, die gut ausgebildet und motiviert sind", beklagt DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche den "Brain Drain", wie Personalexperten den "Abfluss der Hirne" umschreiben. Zugleich, so fordert der Top-Manager, müsse der Staat eine andere Zuwanderungspolitik verfolgen: "Es sollten auch Menschen einwandern können, die uns helfen, unsere Probleme zu lösen."

Was früher wie ein exotischer Traum erschien, ist heute für viele eine durchaus realistische Option in ihrer Lebensplanung. Schon drei Millionen Deutsche leben mittlerweile im Ausland. Erst hat Deutschland, der Exportweltmeister, die Produktionsstätten verlagert, dann die Jobs. Jetzt folgen seine Bürger.

Manche treibt die Lust aufs Abenteuer in die Ferne. Andere haben die Nase voll von typisch deutschen Eigenheiten, dem Hang etwa, immer neue Regeln zu erfinden, wo gar keine nötig wären. Einige suchen einfach nur ihren Platz an der Sonne. Oft aber ist der wichtigste, im Wortsinn, Beweggrund eher ökonomischer Natur: Sie sehen in Deutschland keine berufliche Perspektive mehr und wollen sich dort eine neue Existenz aufbauen, wo ihre Arbeitskraft noch begehrt ist. Und das ist an erstaunlich vielen Orten der Welt der Fall.

Australien hat eigens eine Kampagne gestartet, um Fachleute aus Übersee zu werben, vom Friseur bis zum Mineningenieur. Auch Neuseeland sucht aktiv nach qualifizierten Kräften. Die meisten Auswanderer freilich scheuen den ganz großen Sprung. Ihnen ist es Wagnis genug, in einem der Nachbarstaaten neu zu starten.



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