Schweizer Handelskonzern Migros könnte demnächst Alkohol anbieten

Es gibt wenig für den alltäglichen Bedarf, das man nicht bei Migros bekommt – außer Alkohol. Das könnte sich bald ändern, wenn genügend Genossen der Handelskette dafür stimmen.
Eine Migros-Filiale bei Bern (Archivfoto)

Eine Migros-Filiale bei Bern (Archivfoto)

Foto: REUTERS

Gottlieb Duttweiler war für seine Zeit bemerkenswert modern. Der Zürcher Geschäftsmann war etwa ein früher Verfechter des Frauenstimmrechts in der Schweiz und entwickelte schon 1925 das, was man heute wohl einen Discounter nennen würde: eine Handelskette, die sich vor allem durch günstige Massenprodukte am Markt durchsetzte.

In mindestens einem Punkt aber war Duttweiler altmodisch: Obwohl er selbst gerade eine Süßmostkelterei aufgekauft hatte, sagte er dem »allmächtigen Alkoholkapital« den Kampf an und erließ ein Verkaufsverbot für Alkohol in seinem Unternehmen. Das Verbot gibt es bis heute, obwohl sich Duttweilers Geschäft inzwischen zu einem der größten Handelskonzerne der Schweiz entwickelt hat: die Supermarktkette Migros, größter Arbeitgeber des Landes mit rund 100.000 Beschäftigten und rund 30 Milliarden Franken Jahresumsatz – aber nach wie vor ohne Bier, Wein und Spirituosen. Auch Tabakwaren sucht man vergeblich.

Zumindest das Alkoholverbot könnte nun bald Geschichte sein. Wie die »Neue Zürcher Zeitung« und die »Lebensmittelzeitung« berichten, haben die Delegierten des Genossenschaftsbunds dafür gestimmt, das Verkaufsverbot aufzuheben.

Alkohol bei Tochterunternehmen

Allerdings füllen sich deshalb noch lange nicht die Regale. Aufgrund der genossenschaftlichen Struktur des Konzerns wurde lediglich der Weg für eine Urabstimmung der zehn regionalen Genossenschaften freigemacht, die wohl im kommenden Juni erfolgen soll. Erst wenn es unter den 2,3 Millionen Genossinnen und Genossen eine Zweidrittelmehrheit gibt, wird das Verbot ab frühestens 2023 tatsächlich gestrichen.

Ist der Kampf des 1962 gestorbenen Gründers gegen das Alkoholkapital dann verloren? Vermutlich ja, allerdings gibt es bereits heute Tochtergesellschaften der Migros, für die das alte Verbot nicht gilt. Das Unternehmen steht nämlich unter hohem Wettbewerbsdruck, etwa durch die deutschen Konkurrenten Aldi und Lidl, aber auch durch die Schweizer Coop, die keine derartigen Lücken im Sortiment hat.

mamk