Mikrokredite in Afrika Frau Adbenas kleines Wirtschaftswunder

Ihr Mann ließ sich scheiden, ihrer Familie drohte der Absturz in die bittere Armut. Heute betreibt Sinina Adbena einen Dorfladen und will ihre Kinder auf die Uni schicken. Den Erfolg verdankt sie einem Mikrokredit-Programm. Die Geschichte eines Aufstiegs.
Von Nathalie Klüver

Apimsu - Im gestärkten Kleid steht Sinina Adbena in ihrem eigenen Laden, den Rücken durchgedrückt, die Handtasche unter den Arm geklemmt. Sie rückt eine Cola-Dose im Regal zurecht, wischt mit einem Staubwedel über den Tresen. Tütensuppen, Karabinerhaken, Reißverschlüsse, Rattenfallen, Kekse, Damenbinden, Geschirrspülmittel oder scharfe Chilisauce: Bei Sinina Adbena gibt es alles, was ein Haushalt so braucht.

Um Konkurrenz oder mangelnde Kundschaft muss sich die 38-Jährige keine Sorgen machen: Ein anderes Geschäft gibt es nicht in dem kleinen Dorf Apimsu, unweit des Voltasees in Zentral-Ghana. Zur nächsten Stadt ist es ein beschwerlicher, mehrstündiger Fußmarsch über eine staubige Buckelpiste. Nur wenige der rund 300 Dorfbewohner nehmen die Strapaze auf sich. Deshalb kauft die Mehrheit die Waren des täglichen Bedarfs bei Frau Adbena.

Das Monopol nutze sie aber nicht zur Preistreiberei, beteuert die resolute Dame. "Es bringt mir ja nichts, teure Produkte zu verkaufen, die sich keiner leisten kann." Die Menschen hier leben vom Ackerbau. Bei 120 Dollar im Jahr liegt der Durchschnittsverdienst. Da bleibt nicht viel, um in Sinina Adbenas Laden einkaufen zu gehen.

Auch sie arbeitete bis vor sechs Jahren auf dem Feld. Als ihr Mann sich von ihr scheiden ließ, stand die Mutter von sechs Kindern plötzlich vor dem Nichts. "Da war ich alleine und wusste nicht wie es weitergehen sollte", erinnert sie sich und knetet ihre Handtasche mit den Händen.

Das kleine Stück Land musste sie nun selbst beackern. Die Ernte reichte kaum, um die Familie zu ernähren. Es muss sich etwas ändern, sagte sie sich und begann ihren eigenen kleinen Laden zu planen. "Aufgeben war noch nie meine Art", sagt sie, strafft die Schultern und legt die Handtasche neben sich auf den Holztisch.

Doch woher sollte sie das Geld für den Start nehmen? Gespart hatte sie nichts. Die angehende Geschäftsfrau überlegte, in die nächste Stadt zu fahren und dort bei der Rural Bank ein Darlehen aufzunehmen. "Wer aber gibt einer Bäuerin schon einen Kredit?" Sie hatte doch nichts weiter als eine Idee.

Dann standen auf einmal diese Männer in ihrem Dorf. Versammelten die Frauen um sich und erzählten ihnen von Mikrokrediten, von Bürgschaften, von Rückzahlraten, Zinsen und Businessplänen. Worte, die für die Dorffrauen damals vor fünf Jahren Fremdworte waren. Der Besuch war absolut überraschend: Nicht die Frauen gingen zur Bank, sondern die Bankangestellten kamen in die Dörfer.

Die Finanzprofis wurden vorher von Entwicklungshelfern geschult. Auch die Frauen im Dorf bekamen in der Folgezeit eine Ausbildung in Sachen Geldwirtschaft: "Wir lernten, wie man Formulare ausfüllt, wie man ein Haushaltsbuch führt und ein bisschen Geld sparen kann", erzählt Sinina Adbena. Denn dass man ein wenig Geld zur Seite legt, ist eine der Voraussetzungen, um einen Kredit zu bekommen. In kleinen Gruppen bürgen die Frauen seither füreinander. Sie kontrollieren sich gegenseitig - will eine nicht zahlen, gibt es Gruppendruck. Je schneller die Schulden beglichen werden, desto mehr Geld gibt es beim nächsten Kredit.

"Männer würden das Geld verspielen"

Ob es sie nicht verwundert habe, dass man ausgerechnet auf sie, auf die Frauen, zugegangen ist und nicht ihre Männer, die Familienoberhäupter, angesprochen habe? Sinina Adbena winkt ab. Die würden das Geld doch nur in der Stadt verspielen. Nein, es sei schon richtig, dass die Frauen die Kredite bekommen. Tatsächlich zeigt die Erfahrung, dass Mikrokredite ein wirksames Instrument zur Entwicklungshilfe sind, wenn sie an die Frauen gehen. Denn Frauen investieren das Geld eher für das Wohl ihrer Familie.

Auch hier am Voltasee funktioniert das Prinzip. Die Rückzahlungsrate liege wie bei fast allen Mikrokredit-Projekten bei annähernd 100 Prozent, berichtet ein Mitarbeiter der betreuenden Entwicklungshilfeorganisation Plan International. Und das bei dem landesüblichen Zinssatz von 25 Prozent. Der würde übrigens ohne das Zutun der Entwicklungshelfer noch höher liegen, sagt er: "Die Banken würden, wenn wir die Angestellten nicht hier in die Dörfer fahren, einen Zinssatz von 50 Prozent nehmen." Dabei gingen dem Projekt lange Gespräche mit den Instituten voraus. Viele Entscheidungsträger mussten überzeugt werden.

Für Sinina Adbena hat es sich gelohnt: 100 Dollar nahm sie bei ihrem ersten Kredit auf. Vorher musste die Neu-Unternehmerin einen Geschäftsplan ausarbeiten und der Bürgschaftsgruppe und den Bankangestellten vorlegen. "Jede Frau muss genau erklären, wofür sie das Geld braucht und vorher schon beweisen, dass sie damit umgehen kann." Die Gruppe entscheidet gemeinsam, ob es einen Kredit gibt und in welcher Höhe.

Mit ihrem Startkapital kaufte Sinina Adbena zunächst Regalbretter und baute sie an die Hauswand ihres kleinen Lehmhauses. Von dem restlichen Geld erwarb sie die ersten Artikel in der nahegelegenen Stadt. Der Laden lief gut. Nach nur 16 Wochen hatte sie ihren ersten Kredit zurückgezahlt.

Angesichts des Erfolgs legte Adbena vor einem Jahr nach. Sie baute sich von ihren Ersparnissen und einem weiteren Kredit über 300 Dollar ein neues Haus, das sie grün anstreichen ließ. Die alte Hütte war wie die meisten im Dorf aus unverputztem Lehm. Verputzte Häuser, Farbe an den Wänden: ein Statussymbol. Einen Raum richtete sie extra für ihren Laden her. "Vorher war das ja mehr ein Kiosk, jetzt ist es ein richtiges Geschäft." Mit Nachdruck lässt Sinina Adbena die alte Registrierkasse klingeln, schiebt die Geldschublade mit Schwung wieder zu.

Mittlerweile fährt sie nur noch selten in die Stadt, um Waren zu kaufen. Nachbarinnen bringen die gewünschten Artikel mit, wenn sie ihre Ernte dort auf dem Markt veräußern. Sie arbeiten sozusagen freiberuflich für die Ladenbesitzerin. Denn die hat mit ihrem Geschäft alle Hände voll zu tun - und nebenher muss auch das Feld noch bestellt werden. Ihre sechs Kinder, zwischen sechs und 20 Jahre alt, helfen ihr dabei. "Sie sollen gar nicht so viel machen. Die Schule ist wichtiger", sagt die Mutter.

Einen Teil des Gewinns, der mittlerweile 50 Dollar im Monat beträgt, legt sie für die Ausbildung der Kinder zur Seite. Sie sollen einmal in die Stadt ziehen, weg von der Armut auf dem Land, einen richtigen Beruf erlernen, am besten in einem Büro. "Hier haben sie keine Zukunft", ist sich Sinina Adbena sicher. Auch sie will irgendwann in die Stadt. Dort gebe es viel mehr Möglichkeiten, überhaupt, das ganze Leben sei aufregender. Sie sei ja erst 38 Jahre alt.

Doch zuvor hat die Unternehmerin noch Großes vor: Sie will die erste Bar im Dorf eröffnen. Denn so etwas gibt es hier nicht. Sie winkt die Besucher in einen Nebenraum. Vier Holztische stehen hier, einige Stühle. Eine Durchreiche verbindet den fensterlosen Raum mit dem Laden. Der soll nun mit einem Ventilator ausgerüstet werden. "Das ist dann der einzige Ventilator im Dorf", erklärt Sinina Adbena stolz. Dafür und für den dazugehörigen Stromgenerator will sie den nächsten Kredit aufnehmen.

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