Mikrokredite Kleines Geld, große Wirkung

Geld für ein Handy, eine Nudelküche oder zum Blumenkauf – Kleinstkredite verhelfen den Menschen in Entwicklungsländern zu etwas mehr Selbstständigkeit. Jetzt haben Fondsgesellschaften das große Geschäft mit dem kleinen Geld entdeckt.

Von Malte Dreher


Fatima Serwoni betreibt einen kleinen Lebensmittelladen im Hinterland Ugandas. In dem Dorf, das nicht an das Stromnetz angeschlossen ist, besitzt sie das einzige Mobiltelefon. Den Akku lädt sie mit einer Autobatterie, und für ein paar Cent darf die Dorfgemeinschaft in ihrem Laden telefonieren. Phorn Hun besitzt in Kambodscha eine Nudelküche. Von ihren ersten Einnahmen kaufte sie sich ein Holzhaus mit einem festen Dach. Fortunata Maria de Aliaga ist Blumenverkäuferin in La Paz. Zusammen mit drei weiteren Frauen kauft sie ihre Ware günstig im Großmarkt und verkauft sie auf den Straßen der bolivianischen Hauptstadt. Ihre drei Kinder konnten dank der Einnahmen die Schule abschließen.

Drei Frauen, drei Geschäftsideen und eine Gemeinsamkeit: Sie alle erhielten einen Kredit über jeweils 30 Euro. Bekommen haben sie das Startkapital von einem der weltweit rund 10.000 Mikrofinanz-Institute.

Diese vergeben Kredite an Menschen, die von Basel II nie etwas hören werden, die selten ein eigenes Konto besitzen und nach den gängigen Statuten weltweiter Finanzinstitute alles andere als kreditwürdig sind. „Mikrofinanzierung ist ein Weg, einkommensschwachen Haushalten die gleichen Rechte und Dienstleistungen zu geben, die auch allen anderen zur Verfügung stehen“, sagte Uno-Generalsekretär Kofi Annan, als die Vereinten Nationen das vergangene Jahr zum Jahr der Mikrokredite ausriefen.

Rückzahlungsquote: 98 Prozent

Umgerechnet zwischen 20 und 1500 Dollar betragen die in der jeweiligen Landeswährung vergebenen Kredite, und die Zahlungsdiziplin der Empfänger ist beachtlich: 98 Prozent aller Mikrokredite werden nach Angaben der Vereinten Nationen zurückgezahlt. Die Struktur der Finanzhilfe ist immer gleich: Die Laufzeit ist recht kurz und beträgt zwischen sechs und 36 Monaten. Die Kredite sind immer an eine Geschäftsidee gekoppelt, und um Ausfälle zu reduzieren, werden häufig Gruppenkredite vergeben. Falls ein erster Kredit nicht beglichen wird, gibt es keine weiteren mehr.

Zwar fallen die Zinsen der Institute mit durchschnittlich 20 Prozent pro Jahr recht happig aus. Das relativiert sich jedoch im Vergleich zu lokalen Kredithaien, die mitunter den gleichen Zinssatz pro Monat verlangen. Schätzungen der Organisation Consultative Group to Assist the Poor (CGAP) zufolge gibt es 80 Prozent aller Unternehmen der Entwicklungsländer nur, weil diese in der Vergangenheit einen Mikrokredit erhielten. Die direkte Hilfe zur Selbsthilfe haben in den vergangenen 30 Jahren 500 Millionen Menschen in Anspruch genommen.

Pionier auf dem Gebiet der Minikredite ist Muhammad Yunus. Der Ökonomie-Professor aus Bangladesch fragte Anfang der 70er Jahre in einem Dorf in der Nähe seines Arbeitsplatzes einige Dutzend Arbeitslose, wie viel Startkapital sie für den Aufbau einer Existenz benötigten. Damals sagten fast alle, sie bräuchten weniger als einen Dollar. Knapp 30 Dollar vergab Yunus daraufhin an über 40 Familien aus dem Süden von Bangladesch, und die Erfolgsgeschichte der Mikrokredite begann.

1976 gründete Yunus seine eigene Bank und ist seitdem auf die Vergabe von Mikrokrediten spezialisiert. Bis heute hat seine Grameen-Bank über vier Milliarden Dollar an fast sechs Millionen Menschen verliehen. Das Finanzhaus unterscheidet sich nur noch unwesentlich von einer ganz normalen Bank und hat über 2000 Zweigstellen. Investitionen und Spenden von großen amerikanischen Unternehmen in die Grameen-Stiftung halten den Kreditkreislauf für Menschen der Dritten Welt am Leben. Doch es darf gern noch etwas mehr sein: „Um den Bedarf an Mikrokrediten decken zu können, reichen Spenden nicht aus“, sagt Regula Schegg. Auf bis zu 400 Milliarden Dollar schätzt die Direktorin der Grameen-Stiftung in den USA den weltweiten Bedarf; 15 Milliarden Dollar schwer sind die aktuellen Investitionen aller Mikrofinanz-Institute. „Um 500 Millionen Menschen einen jährlichen Kreditbedarf von durchschnittlich 800 Dollar zu sichern, muss frisches Geld vom Kapitalmarkt kommen“, so Schegg.

Eine Milliarde Euro bis 2010

Microcredit Report 2005, Symbiotics
Dieses Kapital könnte in Kürze auch von deutschen Anlegern kommen, denn Fondsgesellschaften haben das große Geschäft mit dem kleinen Geld für sich entdeckt. „Wir wollen bis 2010 eine Milliarde Euro für Mikrokredite einsammeln und so 10 Millionen Familien helfen, aus eigener Kraft und in Würde aus der Armutsfalle auszubrechen“, sagt Manfred Kastner, Vorstand der Vienna Portfolio Management AG (VPM), einer auf Hedge- und Absolute-Return-Fonds spezialisierten österreichischen Vermögensverwaltung. Ziel von Kastners Management: Von Investoren eingezahlte Gelder werden an ausgewählte und von internationalen Rating-Agenturen bewertete

Mikrofinanz-Institute weitergeleitet. Die wiederum unterstützen und überwachen die Vielzahl an Einzelprojekten rund um den Globus. Verzinst werden soll das Kapital mit sechs bis zehn Prozent, sodass Anlegern nach Abzug der Kosten neben einem guten Gewissen auch eine Rendite von bis zu 5 Prozent bleibt.

Bisher sammelt VPM nur von sehr vermögenden Investoren Geld ein, die sich im Rahmen eines Private Placements mit mindestens 50.000 Euro an einem nicht zum öffentlichen Vertrieb zugelassenen Fonds beteiligen können. Die Variante für den breiten Anlegermarkt befindet sich gerade im Zulassungsverfahren und soll gegen Ende des Jahres auf den Markt kommen. „Der Fonds wird dann eine echte Alternative zu den üblichen Rentenprodukten sein“, sagt Edda Schröder. Die ehemalige Deutschland-Geschäftsführerin der britischen Fondsgesellschaft Schroders ist seit Juni Chefin der Gesellschaft Investinvisions und zugleich für den Vertrieb und die Konzeption des neuen Publikumsfonds verantwortlich.

Eurofonds
„Ein Vorteil von Mikrofinanz-Produkten ist die geringe Korrelation zu den üblichen Asset-Klassen“, so Schröder. Das Geschäft der Kleinstunternehmer wird nicht von Kursschwankungen an den Weltbörsen beeinflusst, und selbst ein politisches Wirrwarr und korrupte Staatsapparate haben selten Einfluss auf den Erfolg erster Unternehmertätigkeiten. „In Ecuador hat noch kein Präsident eine komplette Amtszeit überstanden, aber die Mikrokredite florieren dort“, so Kastner. Einziges Risiko für die Mini-Unternehmen seien Bürgerkriege, weil es dann zu gefährlich sei, das Geld zu transportieren.

Kastner und Schröder sind zumindest für deutsche Anleger Pioniere auf diesem Gebiet, denn große Gesellschaften haben diesen Markt noch nicht für sich entdeckt. Einzig die Schweizer Responsability AG, die 2003 von Schweizer Banken, unter ihnen Credit Suisse, gegründet wurde, hat einen Fonds mit einem nennenswerten Volumen auf dem Markt. Der Responsability Global Microfinance Fund ist in Deutschland jedoch nicht zum Vertrieb zugelassen. Trotzdem können Anleger nach Angaben der Gesellschaft ohne steuerliche Nachteile in den Fonds investieren.

Ähnliches gilt für die Produkte kleinerer Fondsgesellschaften, die bisher in dem Mikrogeschäft aktiv sind. Der Micro-Credit Fonds der belgischen Gesellschaft Dexia ist in Deutschland ebenfalls nicht zugelassen, und aktuell können auch nur institutionelle Investoren in den Fonds einzahlen. Ein ähnliches Bild bei Axa: Zwar unterhält das Unternehmen eine eigene Mikrofinanz-Abteilung, investiert wird aber nur sehr wenig. Maximal 20 Prozent aus dem Portfolio seines Rentenfonds Axa WF Development Debt darf Manager Xavier Deschamps in die Dritte-Welt-Kredite investieren. An die Erfolgsgeschichte der Entwicklungshilfe über den Kapitalmarkt glaubt der Axa-Manager jedoch allemal: „Diese relativ neue Anlageklasse wird einen ähnlichen Durchbruch erleben wie die Nachhaltigkeitsfonds.“

Vertrieb ist schwierig

Doch bis dahin ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. „Wenn ich Gutes tun will, spende ich. Das ist der Standardsatz von deutschen Privatbankern“, so Edda Schröder zu ersten Anlaufschwierigkeiten beim Aufbau des Vertriebsnetzes. Vor vergleichbaren Akzeptanzproblemen standen Nachhaltigkeitsfonds, die ökologische, soziale oder ethische Anlagekriterien beachten, vor wenigen Jahren auch noch.

Doch es gibt auch Kritiker, die bei einer Öffnung der Mikrofinanz-Produkte für den breiten Kapitalmarkt befürchten, dass sich die großen Institute bei der Vergabe der Kredite mit niedrigen Zinsen unterbieten und dadurch das Sparverhalten der Kreditnehmer in den Entwicklungsländern gefährden. Eine Befürchtung, die sicher berechtigt ist. „Doch die Arbeit der Berater vor Ort ist sehr kostenintensiv, eine starke Senkung der Zinsen würde sich für niemanden rechnen“, so Edda Schröder.



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