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18. April 2008, 18:53 Uhr

Milchkrieg in Deutschland

Aldi senkt Preise drastisch - Bauern bangen um Existenz

Der Deutsche Bauernverband spricht von Erpressung: Aldi will den Milchpreis ab kommender Woche um bis zu zehn Cent pro Liter senken. Der Verband wirft der Discounter-Kette vor, die Lieferanten heftig unter Druck zu setzen - und fürchtet, dass das Beispiel Schule macht.

Hamburg - Alle Proteste seitens der Bauern haben nichts genutzt: Im deutschen Lebensmittelhandel zeichnet sich trotz der Bauernproteste ein Preisrutsch bei Milch ab. Der Discounter Aldi Nord senkt den Milchpreis von Montag an um bis zu 10 Cent je Liter. Aldi gilt als Vorreiter für die Preise bei Milchprodukten im deutschen Lebensmittelhandel. Zudem verlautete in Branchenkreisen, dass es bereits vor Aldi einen Abschluss zwischen einer großen deutschen Molkerei und einer Handelskette gegeben habe, der ebenfalls einen zweistelligen prozentualen Preisabschlag bei Milch vorsehe.

Frau beim Milcheinschenken: Weil die EU die Quoten erhöhte, ist zuviel Milch auf dem Markt
DDP

Frau beim Milcheinschenken: Weil die EU die Quoten erhöhte, ist zuviel Milch auf dem Markt

Der Deutsche Bauernverband (DBV) spricht von Erpressung und Provokation. Der größte Discounter Deutschlands setze die Molkereien bei den aktuellen Liefervertragsabschlüssen heftig unter Druck.

Der Geschäftsführer der Landesvereinigung der Milchwirtschaft NRW, Reinhard Pauw, erklärt die Situation mit den schlichten Worten: "Der Markt ist voll mit Milch." Die EU habe die Milchquoten, die eine Obergrenze in der Produktion darstellten, aufgestockt. Damit sei das Angebot gewachsen. Hinzu komme, dass der Export in andere Länder durch den starken Euro erschwert werde. "Europa ist durch das Wechselkursverhältnis derzeit nicht konkurrenzfähig."

Nach seiner Einschätzung wird die nun zu erwartende Preissenkung im deutschen Handel den größten Teil des Preisanstiegs aus der zweiten Jahreshälfte 2007 wieder zurücknehmen. Die Milchpreise würden nach der Senkung noch leicht über dem Ausgangsniveau des ersten Halbjahres 2007 liegen.

Sonnleitner: "Keinen Millimeter zurückweichen"

Bereits am Donnerstag hatte der DBV-Präsident Gerd Sonnleitner die Molkereien aufgefordert, bei den Verhandlungen mit dem Lebensmitteleinzelhandel über die Preise für Milch "keinen Millimeter zurückzuweichen". Es gehe um die Existenz von 100.000 Milchbauern und ihrer Betriebe. Der Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium, Gert Lindemann, sagte, die Forderung der Bauern nach kostendeckenden Preisen für Milch sei mehr als berechtigt. Es gebe keine Rechtfertigung des Lebensmitteleinzelhandels für ein "Roll-back" der 2007 erhöhten Milchpreise.

Derweil deutet sich auf dem Getreidemarkt eine Stabilisierung der Preise an. Die Preiskurve zeige nach einer langen Phase der Steigung wieder deutlich nach unten, teilte die Zentrale Markt- und Preisberichtstelle (ZMP) mit. Für die Lebensmittelmärkte gingen vom Getreidemarkt derzeit keine weiteren preistreibenden Impulse aus. Neben den Getreidepreisen hätten aber viele weitere Faktoren Auswirkungen auf die Brotpreise, etwa Energie-, Lager-, Transport- und Personalkosten, Mieten und auch Steuern. Gerade diese Einflussfaktoren seien oft maßgeblicher als die Veränderungen der Agrarrohstoffpreise.

ase/ddp/dpa

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