Milliardär Merckle tot Selbstmord eines schwäbischen Spekulanten

Bescheiden, sparsam, öffentlichkeitsscheu: Nach außen war Adolf Merckle der typische deutsche Familienunternehmer. Doch hinter den Kulissen spekulierte er mit hohen Summen und verlor viel Geld - jetzt hat er sich das Leben genommen, sein Firmenimperium wankt.

Es war Nachmittag, als Adolf Merckle aus der Tür seines Hauses trat und fortging. Einen Brief an seine Familie hatte er geschrieben und zurückgelassen - darin keine Begründung für das, was er plante, nur eine Entschuldigung.

Er sollte nicht mehr zurückkehren.

Adolf Merckle, 74, deutscher Industriemogul aus Blaubeuren im Schwäbischen, hat sich am Montag gut 300 Meter von seiner Villa entfernt auf die Bahngleise gelegt und von einem Zug überrollen lassen. Der Selbstmord des Milliardärs schockiert das Land - offenbar spürte der einst so mächtige Mann nicht mehr die Kraft, sein taumelndes Firmenimperium zu retten.

"Die durch die Finanzkrise verursachte wirtschaftliche Notlage seiner Firmen und die damit verbundenen Unsicherheiten der letzten Wochen haben den leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen", teilte die Familie des Milliardärs am Dienstag mit. Er habe sein Leben beendet.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wurde Merckle am Montag gegen 19.30 Uhr von einem Bahn-Mitarbeiter auf den Gleisen gefunden. Hinweise auf Fremdverschulden hat die Polizei nicht; sie geht davon aus, dass sich der Industrielle auf die Gleise gelegt hat. Die Leiche konnte zunächst nicht identifiziert werden. Erst durch weitere Erkenntnisse wurde klar, dass es sich um Merckle handelte.

Ein DNA-Abgleich soll binnen einer Woche letzte Gewissheit bringen. Merckle hinterlässt seine Frau Ruth, mit der er die drei Söhne Ludwig, Philipp Daniel, Tobias und die Tochter Jutta hatte.

Der Selbstmord markiert das tragische Ende seines Kampfes um sein Lebenswerk. Monatelang hatte der Unternehmer mit Gläubigern um die Rettung des familieneigenen Konglomerates gefeilscht, zu dem unter anderem der Pharmakonzern Ratiopharm und der Baustoffspezialist HeidelbergCement gehörten (siehe Kasten).

Als die Finanzkrise über die globalen Märkte hereinbrach, geriet das Mercklesche Firmensammelsurium in die Schieflage. Die Kursstürze an der Börse rissen gigantische Löcher in die Bilanzen der Familienholding VEM Vermögensverwaltung, in der der 74-Jährige viele seiner Beteiligungen gebündelt hatte. Der Wahlschwabe verlor Millionen und befand sich damit in Gesellschaft mit so manchem Hedgefonds und Investmentbanker. Sie alle gehörten zu den Verlierern im Poker um die Übernahme von Volkswagen durch den Sportwagenbauer Porsche.

Das undurchsichtige Spiel der Stuttgarter sorgte im Oktober für eine anhaltende Kursrallye. Bald lag der Preis der Volkswagenaktie weit über den realistischen Bewertungen für den Konzern. Also spekulierten viele Investoren auf einen bevorstehenden Kurssturz.

Merckle in der VW-Falle

Sie verkauften geliehene Aktien - in der Hoffnung, sie vor der Rückgabe an den Ausleiher billig zurückkaufen zu können und die Differenz als Profit zu kassieren. Ein solcher Leerverkauf erschien als sicheres Geschäft - ein teurer Irrtum.

Um sich lautlos an Volkswagen heranzuschleichen, hatte Porsche   über komplexe Finanzprodukte die Menge frei handelbarer Aktien massiv verknappt. Gleichzeitig trieb die Übernahmephantasie den Volkswagenkurs weiter nach oben. Immer mehr Leerverkäufer rutschten immer tiefer in die Verlustzone und kauften schließlich panisch die Aktie zurück, um die Einbußen zu begrenzen. In dem ausgetrockneten Markt drückte diese Hektik den Kurs noch steiler nach oben.

Merckle saß mit in der Falle. Er hatte mittels Verkaufsoptionen, die er sich über die Commerzbank und seine Hausbank LBBW besorgt hatte, ebenfalls auf die fallenden Kurse gesetzt.

In seinem Milliardenportfolio brannte es noch an einer anderen Ecke. Die Merckles setzten nicht nur auf sinkende VW-Kurse, sondern auf eine Erholung der restlichen Dax-Werte - und lagen wieder falsch. Allein der Volkswagen-Flop kostete die Dynastie knapp 200 Millionen Euro - oder "einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag", wie es offiziell heißt.

"Bei Aktien bin ich manchmal ein Daytrader"

Hinzu kam eine fatale Kettenreaktion in einer waghalsigen Finanzierungsstruktur: "Die VEM hat bei Beteiligungsunternehmen, insbesondere bei HeidelbergCement, Kapitalerhöhungen in größerem Umfang durchgeführt, die teilweise mit Krediten finanziert wurden", gestand Junior und VEM-Mitgeschäftsführer Ludwig Merckle. Als Sicherheiten für diese Kredite seien Aktien hinterlegt, die durch die Börsenkrise massiv an Wert verloren. Eine seriöse Finanzierung sieht anders aus.

Dabei wirkte Merckle bislang nicht wie eine Londoner Heuschrecke, sondern eher wie ein bodenständiger Kaufmann - zumindest nach außen. Gern verbreitete der Clanchef in der Öffentlichkeit das Bild vom bescheidenen Schwaben. Keine Luxusyachten, keine mondänen Partys - er bevorzugte Fahrräder und genoss das Bergsteigen. Im familieneigenen Skiliftparadies in der Steueroase Kleinwalsertal kontrollierte er die Fahrkarten angeblich schon mal selbst, und mit dem Zug reiste er nur in der zweiten Klasse. "Wir sind lieber unter den normalen Leuten, nicht unter den Großkopferten", sagte er gern.

Tatsächlich hatte Merckle mit dem gemeinen Volk wenig gemein. Laut dem US-Magazin "Forbes" gehörte der Patriarch mit einem Vermögen von über sieben Milliarden Euro zu den zehn reichsten Deutschen.

Hinter der volkstümlichen Kulisse legte Merckle einen Habitus an den Tag, der mancher Heuschrecke zur Ehre gereicht hätte. Aus dem Handelsunternehmen "Drogen und Chemikalien en gros" seines Großvaters zimmerte er innerhalb weniger Jahrzehnte ein verschachteltes Firmenimperium mit zweistelligen Milliardenumsätzen, steuerminimierenden Strukturen - und mitunter fragwürdigen Geschäftsmethoden. Als "raffgierig, nachtragend, missgünstig" schilderte ihn einst ein ehemaliger Geschäftsführer von Ratiopharm.

Immer wieder glänzte der passionierte Skifahrer in der Vergangenheit durch Rücksichtslosigkeit. Als es etwa darum ging, im Jahr 2003 den Pistenbully-Hersteller Kässbohrer vor einer Übernahme durch den kanadischen Konkurrenten Bombardier zu retten, bekamen Vorstand und Aufsichtsrat die harte schwäbische Hand bald zu spüren. Merckle drängte forsch in den Aufsichtsrat - und dort den lokalen Sparkassenchef raus, obwohl der 40 Prozent des Unternehmens kontrollierte. Kurz danach musste der erfolgreiche Vorstandschef abdanken. Sein Nachfolger blieb auch nicht lange.

Auch liebte Merckle offenbar seit Jahren das schnelle Börsengeschäft. "Bei Aktien bin ich manchmal ein Daytrader", zitiert ihn die "Frankfurter Allgemeine". Doch mit der Finanzkrise wurde ihm die Spekulationslust zum Verhängnis. Nun drohte das auf Pump und hochvolatilen Aktienwerten aufgebaute Firmenkonstrukt zusammenzubrechen. In den Bilanzen klaffte eine Finanzierungslücke von rund 600 Millionen Euro. Plötzlich standen 30 Banken vor der Tür und wollten ihr Geld teilweise zurück - oder zusätzliche Sicherheiten.

Kampf gegen den Absturz

Merckle kämpfte gegen den drohenden Absturz. Er engagierte international erfahrene Schuldenspezialisten, die mit Firmenkonglomeraten am Rande des Kollapses einschlägige Erfahrungen hatten. Nach zähem Ringen unterschrieben die Gläubigerbanken Ende Oktober ein erstes Stillhalteabkommen.

Den Verfall seines Imperiums konnte der Kontrakt höchstens bremsen, nicht aber aufhalten. Klar war, dass es zur Aufspaltung kommen würde. Allen voran der Pharmakonzern Ratiopharm galt als Verkaufskandidat. Eine Veräußerung des Arzneimittelherstellers gestaltete sich im Zuge der Finanzkrise allerdings als schwierig. Kreise der Gläubigerbanken berichteten, Merckle brauche kurzfristig ein Kreditvolumen von etwa 400 Millionen Euro, um Zahlungsausfälle zu verhindern. Mittelfristig sei der Finanzbedarf der Gruppe aber deutlich höher, was eine umfassende Umschuldung nötig mache.

Noch an diesem Dienstag hieß es, die Verhandlungen über den Überbrückungskredit seien auf der Zielgeraden. "Man ist kurz vor einem positiven Abschluss", sagte eine Sprecherin der Gesellschaft VEM. Von den Gläubigerbanken war zu hören, es sei nur noch eine Frage von wenigen Tagen. "Derzeit gibt es in den einzelnen Häusern die letzten Abstimmungen", sagte eine mit der Situation vertraute Person.

Die Rettung der Firmengruppe geht weiter - ohne Merckle.

suc/jjc/Reuters
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