Milliarden-Anlageskandal 170 Haftbefehle gegen Manager der Göttinger Gruppe

Fachleute sprechen von einem der größten Finanzskandale der Nachkriegsgeschichte: Die Göttinger Gruppe soll bei 100.000 Anlegern eine Milliarde Euro eingesammelt haben, viele Kunden verloren fast ihre gesamte Altersvorsorge. Gegen drei Manager wurden 170 Erzwingungs-Haftbefehle erlassen.

Hamburg - Das Geld war eigentlich für seine Kinder gedacht. Das macht Thomas Rupp besonders wütend. Die Ersparnisse für seinen ältesten Sohn hatte er komplett bei der Göttinger Gruppe (GG) angelegt, insgesamt 10.000 Mark. Als Rupp vor zwei Jahren ein letztes Mal Kontoeinsicht forderte, saß der Schock tief: Gerade mal 45 Euro waren von dem investierten Geld des Sohnes übrig. Seither hat sich der Berufsschullehrer nicht mehr nach Details der finanziellen Katastrophe erkundigt. "Das Geld haben wir schon abgeschrieben", sagt er. Trotzdem freuen den 42-Jährigen Berufsschullehrer die jüngsten Neuigkeiten.

Die Firmenzentrale der Göttinger Gruppe: Inzwischen ist nur noch der Anrufbeantworter zu erreichen, der die Bürozeiten durchgibt

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Foto: DPA

170 Erzwingungs-Haftbefehle sind in den vergangenen Wochen gegen Jürgen Rinnewitz und Marina Götz - die Vorstände der Konzerntochter Securenta AG - sowie gegen den Geschäftführer der Gruppe, Martin Vaupel, eingegangen. So soll der Offenbarungseid durchgesetzt werden. "Und jeden Tag werden etwa 20 bis 30 neue Haftbefehle beantragt", sagt der Sprecher des Göttinger Amtsgerichts, Dietmar Brosche. Jeder steht für einen geprellten GG-Anleger, der bereits Schadenersatz erstritten hat, aber bisher noch kein Geld von den Göttingern gesehen hat.

Nachdem Martin Vaupel allerdings seit dem 18.04.2007 im Handelsregister als Geschäftsführer ausgetragen worden ist, vollstreckt der Gerichtsvollzieher die Haftbefehle gegen ihn entgegen anders lautender Berichterstattung nicht. Zudem hat die zuständige Richterin bereits deren Aufhebung angekündigt.

Und es geht weiter. 3000 bis 5000 Klagen gegen die Gruppe sind noch anhängig, schätzt Anlegeranwalt Jürgen Machunsky. Doch selbst wenn sie Recht erhalten - viele werden ihr Geld nicht wiederbekommen, glaubt er.

Deutschland stehe vor dem "größten Finanzskandal der Nachkriegsgeschichte", sagt der Vorstand des Deutschen Instituts für Anlegerschutz (DIAS), Volker Pietsch. Laut DIAS soll die Göttinger Gruppe von etwa 100.0000 Menschen eine Summe von insgesamt rund einer Milliarde Euro eingesammelt haben.

Sogar ein Tagesschau-Sprecher warb für die Anlagen

In den neunziger Jahren war der Finanzkonzern der größte Anbieter staatlich geförderter "atypischer" Beteiligungen. Das als Altersvorsorge "Secu-Rente" vertriebene Anlagemodell, bei dem der Kunde stiller und damit einflussloser Unternehmensteilhaber wird, war ziemlich schnell umstritten. Solche Geschäfte unterliegen keinerlei Aufsicht durch die Finanzbehörden. Aber die Göttinger hielten mit geschicktem Marketing gegen die Kritik: Die Vorstandsmitglieder ließen sich mit hochrangigen Politikern ablichten, das Unternehmen sponserte den VfB Stuttgart und gewann sogar einen Tagesschau-Sprecher für ein Werbevideo.

Thomas Rupp ließ sich durch private Finanzberater von der Investition überzeugen. "Ich bin nicht besonders risikofreudig, und mit dem Geld meiner Kinder zocke ich schon gar nicht", sagt der Beamte. Aber ein befreundeter Mathematik-Lehrer war auch Securenta-Anleger - und das Ehepaar, das die Familie in Finanzfragen beriet, habe das Risiko heruntergespielt. Davor hatte es der Familie schon mehrere Versicherungen verkauft und auch die Finanzierung des Hausbaus organisiert. "Deshalb habe ich ihnen vertraut. Genauso wie ich meinem Automechaniker glaube, auch wenn ich nicht genau verstehe, was er mir über meinen Wagen erzählt."

Insgesamt 12.600 Mark legte die Familie des Allgäuers bei Securenta an. Und seine Berater erklärten selbst angesichts der sich häufenden Schreckensmeldungen über die Göttinger noch mit beruhigender Stimme: "Das wird nur aufgebauscht."

Dabei gab es reichlich Alarmzeichen. Die Partin-Bank, die die Göttinger kauften, wurde von der Finanzaufsicht geschlossen. 2002 wurde gegen Securenta-Mitbegründer Erwin Zacharias Klage wegen Steuerhinterziehung erhoben. In der Folgezeit saß er lange in Untersuchungshaft, nachdem bei ihm laut "Welt" Reisegepäck und ein Flugticket nach Kanada gefunden wurden. 2005 folgte wegen der oft unzureichenden Beratung der Securenta ein Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs, das zu einer Welle von Schadensersatzklagen führte. Danach war immer häufiger von Zahlungsschwierigkeiten zu lesen und davon, dass Ausschüttungen an Altanleger mit Geldern von Neukunden gedeckt wurden.

Für Anleger Rupp ist das Geld verloren

Seit 2004 läuft auch ein Ermittlungsverfahren wegen Insolvenzverschleppung - seit vergangener Woche wird außerdem dem Verdacht des Kapitalanlagebetrugs nachgegangen. Zur Anklageerhebung kam es bisher nicht.

Die Zeichen des Niedergangs seien nicht zu übersehen, sagt Anlegeranwalt Machunsky: Von dem geplanten pompösen Securenta-Schulungszentrum sei nur noch eine "unverkäufliche Bauruine" übrig. Firmengründer Zacharias soll schließlich nach einem Schuldspruch im vergangenen Jahr - 16 Monate auf Bewährung - untergetaucht sein. Man sei dabei, "die Geschäftsfelder zu optimieren", steht auf der Homepage. "Aber immer, wenn ein Kläger den Offenbarungseid verlangte, zahlte Securenta zu guterletzt doch noch", sagt Machunsky.

Erst in den vergangenen Wochen schafften die Göttinger selbst das nicht mehr - die nächste Stufe sind die Haftbefehle. Berichte, wonach sowohl Vaupel als auch Rinnewitz und Götz "abgetaucht" seien, sind nur teilweise richtig. Zumindest für Martin Vaupel trifft dies nicht zu, er lebt und arbeitet in Berlin und hält sich für die Behörden und Gericht zur Verfügung.

Selbst wenn die drei eines Tages zur Verantwortung gezogen werden sollten, wird das für Anleger Rupp nur ein schwacher Trost sein. Er kann seinem Sohn die 10.000 Mark nicht mehr ersetzen, sagt er. "Wir zahlen noch 15 Jahre unser Haus ab", die zwei jüngeren Kinder wollten außerdem genau wie der Älteste studieren. Von einer Klage aber rät Experte Machunsky ab: "Wenn die Rechtschutzversicherung die Kosten nicht übernimmt, lohnt sich das meistens nicht."

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