Milliardengeschäft Spenden "Viel Platz für Gauner und Abkassierer"

Fünf Milliarden Euro spenden die Deutschen jedes Jahr. Aber bei denen, die das Geld dringend brauchen, kommt längst nicht alles an. In seinem Buch warnt Wirtschaftsjournalist Stefan Loipfinger vor Gaunern und Abzockern in der Spendenbranche - und das sind oft internationale Großorganisationen.
Spender mit Geldschein: "Im Charity-Bereich werden enorme Summen bewegt"

Spender mit Geldschein: "Im Charity-Bereich werden enorme Summen bewegt"

Foto: A3430 Bernd Thissen/ dpa

Frage: Herr Loipfinger, in Ihrem neuen Buch ziehen Sie Parallelen zwischen der Charity-Branche und der Mafia. Ist es so schlimm?

Loipfinger: Ja, das ist es. Im Charity-Bereich werden enorme Summen bewegt, und es gibt kaum Kontrolle. Das macht die Sache für Betrüger lukrativ. Meistens geht es nicht um Einzeltäter, sondern um größere, oft international agierende, weitverzweigte Organisationen. Ihre Methoden sind höchst bedenklich. Die Aussagen einiger Aussteiger lassen auf mafiöse Methoden schließen. Anders als bei der reinen Wirtschaftskriminalität kommt hier das karitative Deckmäntelchen hinzu. Darunter lässt sich fast alles verbergen.

Frage: Fünf Milliarden Euro Spenden pro Jahr in Deutschland sind beachtlich. Welcher Teil davon entfällt auf unseriöse Organisationen?

Loipfinger: Da gibt es leider kaum Zahlen. Transparenz ist in der Branche häufig ein Fremdwort. In Deutschland gibt es 566.000 Vereine und 17.000 Stiftungen - allein das zeigt, dass es hier um große Summen geht. Viele Organisationen arbeiten natürlich seriös und mit großem ehrenamtlichem Engagement. Aber es bleibt trotzdem viel Platz für Gauner und Abkassierer. Ich schätze den Anteil der Gelder, der nicht bei den Bedürftigen ankommt, auf einen dreistelligen Millionenbetrag pro Jahr.

Frage: Kann man überhaupt noch guten Gewissens spenden?

Loipfinger: Selbstverständlich. Aber die Spender sollten sich klar machen, dass es nicht nur Gutmenschen gibt, sondern auch Wölfe im Schafspelz. Um sie herauszufiltern, hilft nur, sich gut zu informieren und nicht aus falsch verstandenem Mitleid das Portemonnaie zu zücken. Überlegte Spenden helfen den Betroffenen viel mehr.

Frage: Womit haben unseriöse Spendensammler am meisten Erfolg?

Loipfinger: Menschen sind emotionsgesteuert. Bilder hungernder Kinder oder vernachlässigter Tierbabys verfehlen selten ihr Ziel. Darauf setzen unseriöse Organisationen. Sie verteilen Geschenke wie kleine Anhänger mit Schutzengel oder einen von Kindern gebastelten Talisman - wer gibt da nicht gerne etwas? Spenden zu sammeln, ist inzwischen ein hochprofessionelles Geschäft. Kreative lassen sich Kampagnen einfallen, die viel Geld kosten. Geld, das nicht bei den Betroffenen ankommt. Fundraising ist grundsätzlich eine gute Sache, aber die Verhältnisse müssen stimmen. Der Großteil der Einnahmen muss in die Projekte fließen. Das ist oft nicht so.

Frage: Was war der dreisteste Fall von Spendertäuschung, der Ihnen untergekommen ist?

Loipfinger: Jeder Fall ist extrem enttäuschend. Aber skandalös fand ich den Gandhi Hunger Fonds. Hier hat der Enkel von Mahatma Gandhi eine Organisation für hungernde Kinder gegründet. Von den 2009 gesammelten Geldern floss aber kein Cent in Nahrungsmittel. Im Gegenteil, die Organisation verschuldete sich, weil sie 175 Prozent der Einnahmen für Bettelbriefe und anderes ausgab.

Frage: In Ihrem Buch kritisieren Sie auch namhafte Organisationen wie die Stiftung Unesco von Ute-Henriette Ohoven oder die Katarina-Witt-Stiftung. Sind die ähnlich zweifelhaft?

Loipfinger: Größe ist kein Indikator für Seriosität. Und prominente Namen bieten ebenso wenig Sicherheit. Komplizierte Strukturen machen eine Analyse schwierig - und in vielen Fällen darf man vermuten, dass das Absicht ist. Auch bei den Organisationen, die Sie nennen, misst sich der Umgang mit den anvertrauten Geldern nicht immer an den öffentlich publizierten moralischen Kriterien. Warum muss beispielsweise eine Frau Ohoven auf Stiftungskosten in der Business-Class nach Afrika fliegen? Wenn ich so etwas höre, habe ich Mühe, höflich zu bleiben. Wenn ihr das Engagement für die Ärmsten der Armen so wichtig ist, wie sie es in Hochglanzmagazinen kundtut, sollte sie das Upgrade aus eigener Tasche zahlen. Das wäre konsequent.

Frage: Warum setzen sich Prominente oder Politiker häufig für zweifelhafte Vereine ein?

Loipfinger: In vielen Fällen ist es vermutlich Gutgläubigkeit gepaart mit Naivität. Manchmal kommt vielleicht auch der Wunsch nach dem öffentlichen Bild vom edlen Wohltäter dazu. Das Risiko, den eigenen guten Namen zu gefährden, wird oft unterschätzt. Warum wirbt der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker für den Bundesverband der Rettungshunde? Oder "Miss Tagesschau" Dagmar Berghoff für die Aktion Kindertraum? Beide sollten ihr Renommee besser seriöseren Vereinen zur Verfügung stellen.

Frage: Und die Politik schaut tatenlos zu?

Loipfinger: Staatliche Kontrolle findet im Spendenbereich de facto nicht statt. Die vor langer Zeit einmal verabschiedeten Sammlungsgesetze haben zwölf der 16 Bundesländer ersatzlos gestrichen. Die Finanzämter prüfen rein formal. Es fehlt noch an der Sensibilität für die Probleme des Systems. Beim Spendenmissbrauch wird häufig von Einzelfällen gesprochen. Kaum jemandem ist bewusst, wie häufig am Geberinteresse vorbei agiert wird.

Frage: Welche Regulierungen müsste es geben?

Loipfinger: Eine freiwillige Selbstverpflichtung reicht nicht, das hat sich hinlänglich gezeigt. Der erste Schritt muss eine gesetzliche Verpflichtung zu mehr Transparenz sein. Wenn Vereine und Stiftungen die Verwendung ihrer Einnahmen erklären müssten, würden viele Spenden nicht mehr an die falschen Organisationen fließen. Unter www.spendenpetition.de  läuft derzeit ein Aufruf, dass alle Vereine und Stiftungen ab 30.000 Euro Jahreseinnahmen ihre Finanzen offenlegen müssen.

Frage: Wie kann ein Spender die Guten von den Schlechten unterscheiden?

Loipfinger: Wenn ein Verein mit sehr emotionalen Texten und Bildern wirbt, ist schon Vorsicht angesagt. Auch der Druck, sofort eine Unterschrift unter einen Mitgliedsantrag oder eine Dauerspende setzen zu müssen, ist in vielen Fällen ein Warnsignal. Und dann ist natürlich die Frage nach der Transparenz entscheidend. Wenn ein Verein nicht freiwillig darüber Auskunft gibt, wo seine Spenden hinfließen, dann hat er keine Unterstützung verdient!

Das Interview führte "enorm"-Redakteurin Beatrix Boutonnet (siehe linke Spalte)
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