Milliardenmarkt Fußball "Wir werden die Italiener in diesem Jahr überholen"

WM-Titel hin oder her: Bald wird Italien im Fußball besiegt - rein wirtschaftlich, vom Milliardenmarkt Bundesliga. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview verrät Sportökonom Stefan Ludwig, wie viel wir im Vergleich für Spieler ausgeben und warum es viele Vereine nie in Europas Elite schaffen werden.


SPIEGEL ONLINE: Geld ist nicht alles im Leben - gilt das für den Fußball noch?

Ludwig: Natürlich. Das wichtigste ist immer noch, was auf dem Platz passiert. Das ist es, was Millionen von Fans interessiert. Aber es stimmt schon: Die Bedeutung des Geldes nimmt zu.

Fan bei der WM 2006: "So ist Marktwirtschaft eben"
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Fan bei der WM 2006: "So ist Marktwirtschaft eben"

SPIEGEL ONLINE: Um wie viel geht es denn genau?

Ludwig: In der letzten Saison haben die erste und die zweite Bundesliga zusammen rund 1,8 Milliarden Euro umgesetzt. Die Regionalligen kommen noch dazu.

SPIEGEL ONLINE: Und wie viel davon fließt an die rund 900 Spieler?

Ludwig: Rund 45 Prozent. Zumindest in der Ersten Bundesliga ist das der Kostenanteil, der auf Lohn und Gehalt entfällt - brutto versteht sich. Damit ist dieser Posten der größte Kostenfaktor. Andere Ligen geben aber noch mehr Geld für ihre Spieler aus. In Italien zum Beispiel wenden die Vereine im Schnitt mehr als 60 Prozent ihres Budgets für die Spieler auf.

SPIEGEL ONLINE: Wofür verwenden die Deutschen das Geld, das sie bei den Spielern sparen? Landet es in den Taschen der Manager?

Ludwig: Nein. Die deutschen Vereine investieren stark in ihre Stadien und die Infrastruktur, zum Beispiel in Trainingsgelände und in Immobilien für die Jugendförderung. Aus wirtschaftlicher Sicht ist diese langfristige Planung sehr zu begrüßen. Ein Stadion hat eine Lebensdauer von 30 Jahren, ein Spieler hält bei einem Verein oft nur zwei Jahre durch.

SPIEGEL ONLINE: Wird das Geschäft mit dem Fußball noch weiter wachsen?

Ludwig: Ganz bestimmt. Wir rechnen für die Saison 2006/07 mit einem signifikanten Anstieg der Umsätze. Allein die TV-Einnahmen liegen dank des neuen arena-Vertrags 24 Prozent über denen des alten Premiere-Vertrags. Außerdem sind die Stadien gut ausgelastet, und die Unternehmen zahlen gerne für Sport-Sponsoring.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das in Euro?

Ludwig: Allein die Erste Bundesliga wird in der laufenden Saison die Grenze von 1,5 Milliarden Euro Umsatz überschreiten. Zuletzt waren es 1,2 Milliarden Euro. Noch stehen wir im europäischen Vergleich auf Platz drei nach der englischen Premier League und der italienischen Serie A. Meine Prognose ist aber, dass wir die Italiener in diesem Jahr überholen.

SPIEGEL ONLINE: Aber nicht alle Vereine profitieren davon: Manche wachsen deutlich schneller als andere. Driftet der Markt auseinander?

Ludwig: Grundsätzlich besteht diese Problematik. Die Top-5-Vereine erwirtschaften in Deutschland 50 Prozent der Umsätze. Das hat sich aber historisch so ergeben, und das Rad der Geschichte kann man nicht zurückdrehen. So ist Marktwirtschaft eben.

SPIEGEL ONLINE: Auf jedem anderen Markt würde man von einem Wettbewerbshindernis sprechen.

Ludwig: Wenn es nur nach dem Geld gehen würde: ja. Aber beim Fußball kann manchmal ein einziger Spieltag alles entscheiden. Wenn die Spieler auf dem Platz sind, kann jede Mannschaft jede andere besiegen. Aus der Tatsache, dass Bayern München alle anderen finanziell abgehängt hat, entsteht ja auch eine gewisse Spannung. Es gibt eben Bayern-Fans und Bayern-Hasser.

SPIEGEL ONLINE: Kann sich an der Zusammensetzung der zehn umsatzstärksten Vereine in Europa überhaupt noch etwas ändern?

Ludwig: Sie haben Recht, das ist schwierig. In den letzten Jahren haben es keine neuen Vereine mehr in die Top 10 geschafft. Außerdem wird der Abstand zu den nachfolgenden Vereinen immer größer. Unterhalb der Top 10 aber gibt es durchaus noch Bewegung. Wenn es der VfB Stuttgart in die Champions League schafft, kann er wirtschaftlich zu den Top 20 aufsteigen. Auch bei Borussia Dortmund ist das realistisch - wenn es sportlich klappt.

SPIEGEL ONLINE: Und was müsste ein Verein wie der VfB machen, um bis in die Top 10 aufzurücken?

Ludwig: Mittelfristig halte ich das für ausgeschlossen. Die Nummer zehn der Rangfolge, Liverpool, hat einen Umsatz von 176 Millionen Euro. Das ist mehr als das Doppelte des VfB Stuttgart.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss sich ein Verein aufstellen, damit er wirtschaftlich reüssiert?

Ludwig: Natürlich ist es sinnvoll, die Einnahmen weiter zu steigern. Viel wichtiger ist aber die Kontrolle der Kosten. Wir empfehlen, dass die Vereine ihren Spielern weniger Fixgehalt zahlen. Stattdessen sollte das variable Vergütungssystem ausgebaut werden, das sich stärker an der individuellen Leistung und am Erfolg des Vereins orientiert.

SPIEGEL ONLINE: Dasselbe müssen andere Arbeitnehmer von ihren Chefs auch oft hören…

Ludwig: So ist es. Es kann nicht sein, dass man auf fixen Kosten sitzen bleibt, wenn der Erfolg ausbleibt.

Das Interview führte Anselm Waldermann



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