Milliardenmarkt Schuldpapiere Finanzprofis warnen vor neuer Kredit-Klemme

Den hypernervösen Finanzmärkten droht ein neuer, gefährlicher Engpass: In dieser Woche müssen Schuldverschreibungen über 130 Milliarden Dollar erneuert werden - doch der Markt dafür ist wie tot. Die Angst wächst, dass wieder Banken in die Existenzkrise schlittern.


Hamburg - Es ist eine dieser scheinbar genialen Erfindungen des Finanzmarktes: Firmen und Banken leihen sich mittels schnell fälliger Schuldverschreibungen - sogenannter Commercial Papers (CP) - kurzfristig Geld. Die Laufzeiten reichen von wenigen Tagen bis zu höchstens drei Monaten, die Zinsen sind relativ hoch. Weil häufig große Kreditinstitute hinter den Papieren stecken, greifen Investoren wie Pensions- oder Versicherungsfonds gerne zu. Und investieren bei Fälligkeit das zurückerhaltene Geld schnell neu.

Finanzmarkt (in Chicago): Milliarden-Hilfen der Notenbanken verpufften
Getty Images

Finanzmarkt (in Chicago): Milliarden-Hilfen der Notenbanken verpufften

Dementsprechend gigantisch ist das Volumen, das auf diese Weise hin- und hergeschoben wird - weltweit sollen es drei Billionen Dollar sein. "Der CP-Markt hat sich zu einem enorm wichtigen Refinanzierungsmarkt für Banken und auch für Industrieunternehmen entwickelt", sagt Sven Klein vom Bankhaus Metzler.

Doch jetzt ist Sand ins Getriebe gekommen. In den nächsten Tagen wird etwa ein Fünftel aller in Europa ausgegebenen Commercial Papers fällig, kolportieren Londoner Bankenkreise voller Sorge - Schuldverschreibungen in Höhe von 130 Milliarden Dollar. Ein guter Teil dieser Anleihen kann aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr neu verkauft werden. Der Grund: Die Krise auf dem US-Kreditmarkt, ausgelöst durch die wackeligen Subprime-Geschäfte (Hypothekengeschäfte mit Kunden geringer Bonität), hat den Banken die Lust auf Risiko gründlich vergällt und auch die Tagesgeld-Märkte ausgetrocknet.

Zwar stecken nur hinter einem Teil der CPs andere Kredite, etwa auf dem Auto oder eben auf dem Immobilienmarkt. Doch das Vertrauen in die europäischen Banken ist erschüttert - niemand weiß, wie tief sie tatsächlich in der Hypothekenmisere stecken. Und letztlich siegt die Angst bei Geldanlagen oft über die Vernunft: "Das Misstrauen ist da, das bekommt nun der ganze CP-Markt zu spüren", sagt Finanzmarkt-Experte Klein. Fakt ist: Das Interesse an den kurzfristigen Schuldverschreibungen hat sich rapide abgekühlt.

Kein "technischer Schluckauf"

Diese Kredit-Klemme sei nicht nur ein "technischer Schluckauf", ließ die Deutsche Bank schon verlauten. Sollte sich das nicht bald wieder ändern, könnte es richtig ernst werden für die Banken der Gemeinschaft. Dann müssten sie große Teile der über die CPs generierten Darlehen wieder in die eigenen Bücher nehmen. Obendrein müssten Unternehmen, die sich mithilfe der Commercial Papers Geld besorgen konnten, plötzlich auf andere Finanzierungswege zurückgreifen und ihre Notfall-Kreditlinien in Anspruch nehmen. "Wenn an einer Stelle kein Geld mehr zu bekommen ist, muss ich es eben an anderer Stelle versuchen", sagt Geldmarktexperte Klein.

Nicht alle erwarten gleich die ganz große Katastrophe. Andreas Hauschild, Liquiditätsmanager der Commerzbank, mahnt, erst einmal abzuwarten und nicht gleich die nächste Geldmarktkrise herbeizubeschwören. "Ich erwarte in den nächsten Tage keine großen Verwerfungen", sagt er. Die anstehenden Fälligkeiten seien seit langem bekannt, der Markt habe sich darauf eingestellt. Die genauen Auswirkungen der Kreditkrise auf den CP-Markt ließen sich überhaupt erst in einigen Wochen abschätzen - wenn seit dem Börsenbeben im August der typische Zyklus von drei Monaten vergangen sei. Vorerst aber hätten die Notenbanken mit ihren milliardenschweren Finanzspritzen das Nötige getan, um Liquiditätsengpässe zu überwinden.

Doch mehr als Symptome bekämpfen kann die Europäische Zentralbank (EZB) derzeit kaum. In den vergangenen Wochen hatten Währungshüter Hunderte Milliarden Dollar und Euro in die Märkte gepumpt, um Liquiditätsengpässe zu vermeiden. Diese Woche plant die EZB einen weiteren sogenannten Langfristtender. "Doch was machen die Banken, die sich dieses Geld leihen, damit? Auf dem Markt anlegen? Dafür fehlt ihnen das Vertrauen", sagt Klein. Stattdessen horten die Banken dem Experten zufolge das Geld - auch weil sie fürchten, dass sie wegen der schlechten Zeiten auf dem CP-Markt zusätzlich flüssiges Geld vorrätig haben sollten.

"Dominoeffekt, der viele Unbeteiligte trifft"

Auch unter den Geldinstituten herrscht Eiszeit. Der Chef der US-Notenbank, Ben Bernanke, hat die möglichen Verluste aus Subprime-Geschäften auf 50 bis 100 Milliarden Dollar veranschlagt. Sollte die Schätzung stimmen, dürften die von Wackelanleihen auf dem US-Kreditmarkt hervorgerufenen Krisen der SachsenLB und der Mittelstandsbank IKB gerade einmal der Anfang gewesen sein.

Kein Wunder, dass sich die Banken derzeit sträuben, freigewordene Gelder denjenigen Banken zu leihen, die wegen aktueller Kundengeschäfte gerade weniger flüssig sind. Da verzichten die Geldinstitute lieber auf mögliche Zinseinkünfte. Der Zins für Geld, das sich Banken gegenseitig auf drei Monate ausleihen, ist so schon seit längerem höher als normal.

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann forderte deshalb vergangene Woche schon, das Risiko endlich offen zu legen. Sollte das Misstrauen nicht beseitigt werden, "dann droht dem Markt ein Dominoeffekt, der viele Unbeteiligte treffen wird", warnte Commerzbank-Vorstandssprecher Klaus-Peter Müller. Auch Geldmarktexperte Klein stellt sich auf schwierige Zeiten ein. Es werde wohl eher Monate als Wochen dauern, bis sich der Markt erholt habe. Und welche Rolle die Commercial Papers dann noch spielen, bleibe abzuwarten.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.