Milliardenschäden durch Krieg "Der Libanon braucht einen Marshall-Plan"

Nach einem Monat des Krieges wird im Libanon die Rückkehr zur Normalität schwierig. Dennoch: Ökonomen halten die Mammutaufgabe für machbar - mit internationaler Unterstützung.

Beirut - Zwar schweigen nun vorerst die Waffen, doch hohe Arbeitslosigkeit und eine ruinierte Privatwirtschaft erschweren den Wiederaufbau. Der Weg aus Zerstörung und Chaos ist schwierig. Die Industrie ist lahmgelegt, die aufstrebende Tourismusbranche, die sich auf ein Rekordjahr mit Besuchern aus den Golfstaaten eingestellt hatte, liegt in Trümmern.

Unterschiedlichen Schätzungen zufolge belaufen sich die wirtschaftlichen Schäden des Krieges im Libanon auf vier bis acht Milliarden Euro. Fast drei Milliarden Dollar (2,35 Milliarden Euro) seien direkte Verluste durch die israelische Offensive, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Kamal Hamdan. Ein Drittel davon seien Schäden an der Infrastruktur, fast der gesamte Rest sei auf die Zerstörung von Wohn- und Geschäftshäusern zurückzuführen.

Weitere indirekte Verluste in Höhe von mehr als zwei Milliarden Dollar seien durch Gewinnausfälle im Tourismus sowie in der industriellen Produktion verursacht worden. Der Repräsentant des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) in Beirut, Alexis Nassan, schätzt die Schäden in einem Gespräch auf bis zu acht Milliarden Euro.

Seit dem Ende des Bürgerkrieges im Libanon 1990 ist die öffentliche Verschuldung auf 38,8 Milliarden Dollar (rund 30,3 Milliarden Euro) angewachsen. Das entspricht etwa 170 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Angesichts der Tatsache, dass der Großteil der libanesischen Unternehmen ruiniert ist, könnte die Arbeitslosenquote "sehr bald 20 Prozent erreichen", sagt der Volkswirt Hamdan. Das Problem werde noch dadurch verschärft, dass bis zu 15 Prozent der fast eine Million Kriegsflüchtlinge nicht in nächster Zeit in ihre Heimatorte zurückkehren können.

Immerhin: Das Bankwesen hat überlebt

Wirtschaftsexperten sehen dennoch gleich mehrere positive Aspekte. Bis heute ist das Bankensystem zahlungsfähig. Auch nachdem sie das libanesische Pfund mit rund einer Milliarde Dollar während der Offensive gestützt hatte, verfügt die libanesische Zentralbank - gestärkt von kuwaitischem und saudiarabischem Kapital - über solide Geldreserven. Gleich nach Beginn der Waffenruhe erholten sich die Rentenpapiere, an der Börse ist neuer Optimismus zu spüren. Der Aktienwert des nationalen Immobilienriesen Solidere stieg innerhalb eines Tages um fast fünf Prozent.

Der Aufschwung könnte vor allem durch das Bauwesen gelingen, das Tausende neue Wohnungen und Häuser, neue Straßen und Brücken errichten muss. Hilfe kam bereits von reichen Nachbarländern: Saudi-Arabien, traditionell wirtschaftlicher Partner, hat 500 Millionen Dollar zugesagt, Kuwait weitere 300 Millionen Dollar. Doch auch im Land selbst gibt es erste Initiativen. Reiche libanesische Geschäftsmänner und Privatunternehmen wie das milliardenschwere Hariri-Imperium kündigten an, insgesamt zwölf der 80 durch israelische Bomben zerstörte Brücken auf eigene Kosten wieder aufzubauen.

"Ich denke, alles hängt davon ab, wie der Konflikt beendet wird", sagt Chaled Saidan, Leiter der Wertpapiergeschäfte bei BankMed, einer der größten Banken des Libanon. "Und ich glaube nicht, dass er schon vorbei ist." Um finanzielle und menschliche Ressourcen zu finden und zu binden, brauche es ein klares Signal, dass dieser Krieg nicht wieder aufflammen werde.

Vor allem sei für den Wiederaufbau des kriegszerstörten Landes großzügige und langfristige Hilfe der internationalen Gemeinschaft nötig. "Wir können nicht einfach ein Pflaster draufkleben. Der Libanon braucht eine Art Marshall-Plan", sagt der Finanzexperte mit Verweis auf das Hilfsprogramm, mit dem Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgepäppelt wurde.

Stuart Williams, AFP

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