Milliardenverluste Autobranche rutscht in schwere Absatzkrise

Die Finanzkrise trifft die Autobranche: Käufer scheuen die hohe Investition oder bekommen keine Kredite mehr. Der US-Konzern Ford meldet ein Milliardenminus, auch bei General Motors werden rote Zahlen erwartet. In Deutschland bricht der Absatz bei Daimler und BMW erneut ein.


Hamburg/Detroit - Der zuletzt von Schwierigkeiten geplagte US-Autobauer Ford hat im dritten Quartal einen operativen Verlust von 2,98 Milliarden Dollar eingefahren. Der Nettoverlust habe rund 129 Millionen Dollar nach 380 Millionen Dollar vor Jahresfrist betragen, teilte der Konzern am Freitag kurz vor Börseneröffnung mit.

Ford-Werk (in Köln): Stellenabbau wird noch einmal verschärft
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Ford-Werk (in Köln): Stellenabbau wird noch einmal verschärft

Der Abschlag je Aktie belief sich demnach auf sechs Cent nach 19 Cent im Vorjahreszeitraum. Vor Sonderposten sei ein Verlust von 1,31 Dollar je Aktie verbucht worden. Analysten waren hier von einem Verlust je Aktie von 0,94 Dollar ausgegangen. Der Umsatz brach um 22 Prozent auf 32,1 Milliarden Dollar ein, übertraf aber die durchschnittlichen Analystenerwartungen von 28,354 Milliarden Dollar. Allein im nordamerikanischen Autogeschäft habe der Vorsteuerverlust 2,6 Milliarden Dollar betragen.

Der Ford-Finanzvorstand erklärte, dass er mit der Liquiditätssituation zufrieden sei. Der Konzern kündigte aber an, den massiven Stellenabbau nochmals zu verschärfen - geplant sei die Reduzierung der Personalkosten um weitere zehn Prozent. Zusätzlich sollten die Ausgaben im IT-Bereich und bei der Werbung gesenkt werden. Ford Chart zeigen hat seine Pensionsverpflichtungen bereits in eine von der Autogewerkschaft UAW betriebene Gesellschaft ausgelagert.

US-Autohersteller benötigen kurzfristig 50 Milliarden Dollar

Auch General Motors Chart zeigen (GM) verkündet am heutigen Freitag seine Quartalszahlen. Vorbörslich stieg die Aktie um 5,2 Prozent auf 5,05 Dollar. Auch GM leidet unter einer Absatzkrise, GM, Ford und auch Chrysler verlangen wegen immer dramatischerer Kapitalprobleme neue Staatshilfen in Milliardenhöhe. Die drei Hersteller benötigen laut US-Presseberichten kurzfristig 50 Milliarden Dollar. Bei einem Autogipfel in Washington hätten die Konzerne am Donnerstagabend (Ortszeit) von Spitzenpolitikern rasche Hilfe in dieser Höhe erbeten.

Rund 25 Milliarden Dollar bräuchten die Hersteller, um zahlungsfähig zu bleiben, berichtete die Finanznachrichtenagentur Bloomberg am Freitag. Noch einmal so viel Geld sei akut für Beiträge zur Krankenversicherung der Beschäftigten nötig. Das Kapital könne unter anderem durch zinsgünstige Notenbankkredite gewährt werden, hieß es unter Berufung auf Insider. Im Gegenzug hätten die Hersteller eine Beteiligung des Staates an den Konzernen angeboten. Sowohl GM als auch Ford dementierten Insolvenzgerüchte.

Die Absatzkrise trifft auch die deutschen Autohersteller. So machten die von Finanzkrise und Wirtschaftsflaute verunsicherten Autokäufer um die hochpreisigen Modelle von Daimler und BMW weiter einen großen Bogen. Daimler Chart zeigen verkaufte im Oktober weltweit 18 Prozent weniger Autos als vor einem Jahr, wie der Konzern am Freitag mitteilte. BMW Chart zeigen kam etwas glimpflicher davon: Die Verkaufszahlen schrumpften um acht Prozent.

Rolls-Royce und Smart trotzen dem Trend

Nach zehn Monaten liegt der Pkw-Absatz von Daimler mit gut einer Million nur noch marginale 1,6 Prozent über dem Wert vor Jahresfrist. Dafür sorgt vor allem der spritsparende Kleinwagen Smart, der aber nur wenig Gewinn abwirft. Wegen der seit dem Sommer herrschenden Absatzflaute bei Mercedes-Benz haben sich die Stuttgarter von ihrem Ziel verabschiedet, den Absatzrekord des Vorjahres von 1,29 Millionen Pkw 2008 zu überbieten. Seit Wochen stehen die Bänder in den Werken tageweise still, die üblicherweise zwei Wochen dauernde Betriebsruhe über den Jahreswechsel wird verdoppelt. Noch zu Jahresbeginn hatte Daimler-Chef Dieter Zetsche keinen Zweifel daran gelassen, dass 2008 ein gutes Jahr werde. Premiummodelle blieben auch im Abschwung gefragt, hatte er prophezeit. Mittlerweile drückt der flaue Absatz massiv auf das Mercedes-Ergebnis. Die einstige Ertragsperle wird im laufenden vierten Quartal nahezu keinen Gewinn abwerfen.

Den Münchner Rivalen BMW erwischte es im Oktober etwas weniger hart als Daimler, hohe Einbußen gab es aber in Westeuropa, Japan und den USA. Wie bei Daimler glich die steigende Nachfrage nach deutschen Luxusautos in Schwellenländern wie China oder Russland die schwache Nachfrage in den etablierten Märkten nicht aus. Per Ende Oktober lag der Absatz der drei Pkw-Marken BMW, Mini und Rolls-Royce mit 1,2 Millionen Fahrzeugen gerade noch 0,7 Prozent über dem des Vorjahrs. BMW verabschiedete sich vor wenigen Tagen nach einem überraschend schwachen dritten Quartal von seiner Absatzprognose ebenso wie von seinem Gewinnziel. Die Pkw-Produktion kürzt BMW um mindestens 65.000 Einheiten.

Gefragt sind bei den Kunden weltweit Kleinwagen mit geringem Spritverbrauch. Vom Smart verkaufte Daimler im Oktober 6,5 Prozent mehr als vor Jahresfrist. Dagegen belief sich das Absatzminus beim Flaggschiff Mercedes-Benz S-Klasse mit 5800 ausgelieferten Fahrzeugen auf 30 Prozent. BMW verzeichnete einen kräftigen Schub bei der kompakten 1er-Reihe: Davon wurden im Oktober 21,5 Prozent mehr verkauft. Der Mini verbuchte im Oktober hingegen ein Minus von 3,4 Prozent, da das Cabrio seit August nicht mehr produziert wird.

Völlig unbeeindruckt von der Finanzkrise und der taumelnden Konjunktur sind dagegen Liebhaber der Marke Rolls-Royce. Von diesen Luxuslimousinen verkaufte BMW im Oktober 118 Stück, zehn Prozent mehr. Binnen der ersten zehn Monate kletterte der Absatz bei Rolls-Royce sogar um 38 Prozent auf 945 ausgelieferte Fahrzeuge.

kaz/Reuters/dpa



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