Milliardenverluste US-Behörden haben Kreditkrise verschlafen

Hätten US-Behörden die weltweite Finanzkrise verhindern können? Laut "Wall Street Journal" gab es bereits vor zwei Jahren Ermittlungen wegen fragwürdiger Kredit-Wertpapiergeschäfte - doch dann stellte die Börsenaufsicht die Untersuchungen wieder ein.

Von


Hamburg - So gut wie jede Bank ist betroffen: Die Auswirkungen der Kreditkrise in den USA nehmen ein immer größeres Ausmaß an. Längst ist daraus eine internationale Finanzkrise geworden. Heute bestätigte die Schweizer Großbank UBS Spekulationen, dass sie insgesamt rund 6,8 Milliarden Euro abschreiben muss. Zuvor hatten schon andere Banken in aller Welt - allen voran US-amerikanische Institute - Verluste und Abschreibungen teils in Milliardenhöhe eingeräumt.

UBS-Filiale in Zürich: Trübe Zeiten für die Finanzwirtschaft
REUTERS

UBS-Filiale in Zürich: Trübe Zeiten für die Finanzwirtschaft

Einem Bericht des "Wall Street Journal" zufolge hätten sich die Banken diese Krise ersparen können. In den USA haperte es schon im Vorfeld der Krise bei Ermittlungen: Die Zeitung schreibt, dass US-Behörden eine "mögliche Chance zur Warnung vor den Risiken" der Kreditkrise verpassten. Die US-Börsenaufsicht SEC und die New Yorker Generalstaatsanwaltschaft hätten im Jahr 2005 fragwürdige Kredit-Wertpapiergeschäfte der Investmentbank Bear Stearns untersucht, die Ermittlungen aber ohne Nennung von Gründen wieder beendet.

In den getrennten Untersuchungen überprüften SEC und Staatsanwälte, ob Bear Stearns Investoren durch unangemessene Bewertung von Wertpapieren auf der Basis von Hypothekendarlehen geschädigt hatte. Doch da sie die Untersuchungen nicht fortführten, wurden die Vorzeichen der Krise nicht rechtzeitig erkannt. Allein Bear Stearns musste in Folge der Krise milliardenschwere Abschreibungen wegen der Geschäfte mit zweitklassigen Darlehen vornehmen.

Die Unternehmensberatung McKinsey erwartet nun noch weitere unangenehme Überraschungen in den Bilanzen der Banken. "Das wahre Ausmaß wird sich vielleicht erst mit Vorlage der Bilanzen für 2007 offenbaren", sagte McKinsey-Deutschland-Chef Frank Mattern dem "Handelsblatt". "Nach wie vor besteht die Gefahr, dass Fonds und Banken in größerem Umfang Notverkäufe von Wertpapieren vornehmen müssen, um sich refinanzieren zu können."

Abschreibungen in Folge der Kreditkrise

Kreditinstitut/Unternehmen Abschreibung in Euro
USB 6,8 Milliarden
Merrill Lynch 5,7 Milliarden
Citigroup 4,4 Milliarden
Deutsche Bank 2,2 Milliarden
JP Morgan Chase 1,1 Milliarden
Goldman Sachs 1,0 Milliarden
Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) 800 Millionen
Swiss Re 734 Millionen
Morgan Stanley 639 Millionen
Dresdner Bank 575 Millionen
WestLB 355 Millionen
SachsenLB 351 Millionen
Commerzbank 291 Millionen
Postbank 61 Millionen

Quelle: Unternehmensangaben/"Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen"

Die Krise hatte im Sommer begonnen, als massive Ausfälle bei US-Immobilienkrediten bekannt wurden; viele finanzschwache Kreditnehmer konnten ihre Schulden nicht mehr bezahlen. Die Risiken dieser Kredite wurden über Wertpapiere an Banken und Versicherungen in der ganzen Welt verstreut - die Kreditkrise wuchs zum Problem für die internationalen Finanzmärkte heran. Später wurden auch Schwierigkeiten bei Kreditkartenschulden, bei Autofinanzierungen und Studentenkrediten bekannt - US-Banken hatten in allen Bereichen leichtfertig Geld verliehen.

Der Chef der weltgrößten Bank Citigroup, Charles Prince, musste nach Bekanntwerden von Abschreibungen in Milliardenhöhe seinen Posten räumen, ebenso der Chef der Investmentbank Merrill Lynch, Stan O'Neal.

In Deutschland gerieten die Mittelstandsbank IKB und die SachsenLB in Existenznot, die SachenLB wurde mit staatlicher Hilfe gerettet; einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" zufolge ist hier aber das Verlustrisiko größer als bislang befürchtet. In Großbritannien kämpft die Bank Northern Rock ums Überleben. Und täglich kommen neue Schreckensmeldungen hinzu.

Wie groß das Ausmaß der Kreditkrise tatsächlich ist, bleibt unklar. Banker sind sich selbst nicht einig darüber: Josef Ackermann, Vorstandschef der Deutschen Bank, erklärte im November, die Finanzmarktkrise sei keineswegs ausgestanden. "Rein psychologisch ist das die schlimmste Krise, die ich in meinen 30 Jahren als Banker erlebt habe." Deutsche-Bank-Vorstandsmitglied Hermann-Josef Lamberti sagte dagegen kurze Zeit später, man habe die Krise "im Griff", sie sei "keine Bedrohung für die Weltwirtschaft".

Mitte November sagte die selbst von der Krise betroffene Investmentbank Goldman Sachs Abschreibungen von insgesamt 48 Milliarden Dollar voraus. Aus heutiger Sicht, nur wenige Wochen später, dürfte die Summe weit höher liegen.

Subprime

Als Subprime werden Schuldner mit niedriger Bonität bezeichnet, arme Menschen, die sich den Kredit, den sie aufnehmen, eigentlich nicht leisten können. Dieser Sektor des Kreditmarktes entwickelte sich seit Anfang Juni 2003 in den USA, nachdem der damalige US-Notenbank-Chef Alan Greenspan den Leitzins auf ein Prozent abgesenkt hatte. Dadurch nahmen plötzlich viele Menschen Kredite für Hypotheken auf - ohne zu bedenken, dass sie diese später, bei höheren Zinsen, wieder zurückzahlen müssten. Derzeit sind weltweit noch Ramschhypotheken im Wert von 1,8 Billionen Dollar im Umlauf.

"Sicher werden Banken versuchen, ihre Verluste mit Gewinnen in anderen Bereichen gegenzurechnen", sagt ein Banker, der namentlich nicht genannt werden will. "Es dürfte deshalb schwierig werden, das wahre Ausmaß der Krise zu erfassen. Die Bilanzierung lässt ein gewisses Maß an Kreativität zu und man kann sicher sein, dass das genutzt wird." Dass die Bilanzen von 2007 das wahre Ausmaß offen legten, wie McKinsey-Manager Mattern es prognostiziert, hält er für "eher unrealistisch".

Das Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) in Düsseldorf legte heute, rechtzeitig vor der Bilanzprüfung 2007, ein "Positionspapier" vor, an das sich Prüfer bei der Bewertung von betroffenen Unternehmen halten können. "Ziel ist es, ein möglichst einheitliches Vorgehen zu ermöglichen", sagt IDW-Vorstandssprecher Klaus-Peter Feld. Analysten halten das jedoch wegen der Verschiedenartigkeit der Wertpapiere, über die die Kreditrisiken verbrieft wurden, für ein kaum erreichbares Ziel.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die häufig als "Bank der Notenbanken" bezeichnet wird, schrieb in ihrem heute veröffentlichten Quartalsbericht, die Stimmung an den Märkten sei seit Mitte Oktober wegen immer neuer Schreckensmeldungen deutlich schlechter geworden. Die anhaltenden "Unsicherheiten bezüglich der Risiken an Subprime- und anderen Kreditmärkten" verstärkten die Befürchtung, "die Krise am US-Markt für Wohnimmobilien würde sich noch vertiefen und letztlich zu einer Schwächung der gesamten Wirtschaft beitragen".

Mit Material von dpa und Reuters



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.