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ÖLPREISE Millionen im Knie

Arabiens Ölboykotteure stärken die Stellung der Mineralölkonzerne auf dem deutschen Markt: Mit knappen Mengen läuft das große Geschäft.
aus DER SPIEGEL 48/1973

Zehn Pfennig für den Liter Heizöl nahmen Westdeutschlands Mineralölgesellschaften vergangenes Jahr, wenn sie 5000-Liter-Tanks füllten -- jetzt kassieren sie das Dreifache. Um 30 Prozent stieg an den Zapfsäulen der Konzerne seit Frühjahr 1972 der Literpreis für Normalbenzin, und statt den Konsum anzuheizen, verkünden die Treibstoffgesellschaften der Kundschaft in ganzseitigen Anzeigen Maßhalte-Tricks.

Noch nie war die Lage der Mineralölunternehmen auf dem deutschen Markt so stark wie jetzt: Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs -- wie sollte er anders als Liberaler -- schob ihnen die Aufsicht über den durch Arabiens Herrscher gestörten Ölmarkt zu, und als Verwalter von Knappheitsütern ergriffen die Ölmanager ihre Chance, Preise und Mengen in ein ihnen genehmes Verhältnis zu zurren: Je dürftiger der Ölstrom, desto üppiger sprudeln die Gewinne.

Die Rechnung, mit knappen Mengen großes Geld zu machen, war freilich schon aufgegangen, bevor die Nahostkrise begann. »Wenn wir jetzt keine Gewinne einfahren«, amüsierte sich Ende September Shell-Chef Johannes Welbergen. »dann würde ich garantiert nicht mehr auf meinem Stuhl hier sitzen.«

Schon damals nämlich war großes Frohlocken durch die Branche der Ölverkäufer gegangen. Denn nach einem Jahr tiefroter Zahlen im Ölgeschäft -- die Konzerne verloren dabei 1972 in Deutschland rund zwei Milliarden Mark -- waren die Erträge der Mineralölunternehmen seit Anfang 1973 mit einem Riesenschwung nach oben geschossen.

»Angebot und Nachfrage«, erklärte Esso-General Oehme Mitte Oktober die aufgehellte Geschäftslage, »sind mehr ins Gleichgewicht gekommen.« Denn, so Oehme, »die Rohöl-Überschüsse gehören der Vergangenheit an.« Die Ölländer des Nahen Ostens, räumte der Esso-Chef verständnisvoll ein, seien nicht daran interessiert, die Preisentwicklung »durch Überangebote kaputtzumachen«.

Die Ölverknappung der Araber, von Libyen schon 1970 begonnen, ließ die Konzernbilanzen aufleuchten, seit auch Saudi-Arabien und Kuweit ihre Förderung drosselten, seit vor allem Amerikas Ölaufkäufer auf dem Weltmarkt jede Überschußmenge gegen Spitzengebot abräumten. Esso-Oehme: »Wir können jetzt wieder eine angemessene Rendite erzielen.«

Gegenwärtig holen die Gesellschaften aus einer Tonne Rohöl 190 Mark für verschiedene Raffinerieprodukte heraus und kassieren dabei sieben Mark Gewinn. 60 Mark kosten Verarbeitung, Fracht und Vertrieb. Noch vor zwei Monaten gab es nur 150 Mark für die Tonne. Freilich -- allein vom dritten auf das vierte Quartal 1973 fuhr der Rohölpreis von 70 auf 123 Mark je Tonne hoch. Und schon im Januar, so ließen die Araber hören, drohe die nächste Preiserhöhung aus Nahost.

Doch ebensowenig wie die Multis der Ölindustrie knappe Rohstoff-Mengen fürchten müssen, haben sie bei den arabischen Preiserhöhungen etwas auszustehen: Erstens lassen sich die neuen Preise auf den Konsumenten jetzt leicht überwälzen, zweitens sind die Konzerne noch heute mit 14 Prozent der Einnahmen am Bohrloch dabei: 86 Prozent erhalten die Förderländer.

Auf dem westdeutschen Markt wandelte sich die Stellung der Konzerne durch Arabiens Ölboykotte über Nacht: Der Käufermarkt drehte sich in einen Verkäufermarkt um. Statt Marketing treiben zu müssen, durften die Konzerne knappes Öl verwalten -- und ihre Manager nutzten die Lage: Einerseits gaben sie sich durch eine zuerst von der Esso verkündete Preisgarantie bei Heizöl staatstragend, andererseits nutzten sie die durch Boykott-Beschlüsse angeheizte Stimmung im Lande, um die Herrschaft über den Markt zurückzugewinnen, die ihnen durch Außenseiter des Heizöl- und Benzinhandeis lange Zeit verlorengegangen war.

Zwar wußte jedermann, daß die Tanker-Armada vom Persischen Golf bis Europa vier bis sechs Wochen Fahrzeit brauchte, die Lieferdrosselung der Araber mithin erst Ende November auf dem deutschen Markt durchschlagen würde. Aber schon wenige Tage nach den ersten Boykott-Erklärungen -- Mitte Oktober -- kürzten die Ölgesellschaften dem Heizölhandel die Quoten.

Die eigene Vertriebsorganisation der Konzerne -- Esso-Oehme: »Die großen Gesellschaften haben 60 Prozent des Handels im Griff« -- mußte die Preise halten und dabei zusehen, wie sie mit der nervös gewordenen Kundschaft fertig wurde. »Wenn wir sehen, daß einer nicht unbedingt Ware braucht«, schildert Shell-Händler Oskar Nupnau von der Münchner Rhenania-Ölhandlung die Taktik der Händler, »versuchen wir, ihn von der Bestellung abzubringen.«

Den eigenen Händlern liefern die Konzerne das Heizöl noch heute zu 20 bis 23 Mark pro 100 Liter. Bei Abgabemengen von 5000 Litern darf der Marken-Händler rund vier Pfennig je Liter verdienen. Freie Händler dagegen, die bislang auch Konzernöl abnahmen, wurden weit schlechter beliefert -- oft nur mit der Hälfte der bislang georderten Mengen. Werner Kaufmann von der Brennstoffhandlung Hans Trinkl in München: »Wenn wir nicht zukaufen, würden die Tankzüge schon um elf Uhr vormittags leer im Hof stehen,«

Zukaufen können die freien Händler allein auf dem nahezu leergefegten Rotterdamer Markt, wo karge Partien aus den Überschußmengen italienischer und spanischer Raffinerien angeboten werden -- zu Preisen von 40 Mark und mehr. Freie Händler, die billigeres Konzernöl und teures Rotterdamer Öl einkaufen, retten sich in Mischkalkulationen und bieten dem Kunden ihren Stoff für 38 bis 40 Mark an. Manche tun freilich auch so, als kauften sie alles vom Rotterdamer Basar -- dann nehmen sie 47 bis 49 Mark. Arm dran nämlich sind jene Heizölhändler, die früher stets am billigsten verkauften: Sie müssen auf der Basis des Rotterdamer Preiswuchers kalkulieren und doppelt so hohe Preise nehmen wie die Konzerne. So lieferte vergangene Woche eine Krupp-Tochtergesellschaft Heizöl frei Koblenz für 52 Pfennig je Liter etwa soviel, wie vor drei Jahren an freien Zapfsäulen Superbenzin kostete.

Unter dem Einfluß der Konzerne spaltete sich der Markt: Ölkäufer, die von den Markenhändlern abgewiesen wurden, weil sie auch vorher bei ihnen nicht gekauft haben, müssen die üppigen Preise für freies Öl zahlen, Markenkunden genießen das Privileg der halb so hohen Konzernpreise. Ein zunehmender Marktanteil ist den Marken-Gesellschaften für die Zukunft sicher.

Aus der Not der freien Händler und ihrer Kundschaft zogen freilich nicht nur die Konzerne Vorteil. So wurden auf dem Ölumschlagplatz der Hansamatex im Hafen von Hamburg-Wilhelmsburg mehrere 100 000 Tonnen Heizöl gehortet, die für 25 bis 30 Pfennig gekauft worden waren. Nun wurden sie zu 48 Mark versilbert. Ein freier Ölhändler, der Hansamatex-Öl nun für 51 Pfennig je Liter an Haushalte weiterverkauft: »Die haben auf diese Art schnell eine Million in den Knien«

Ähnlich trickreich, nur etwas später, setzten die Ölkonzerne auch zum Millionenspiel um den Benzinkunden an: So erfuhren die »sehr geehrten Geschäftspartner« der Ölgesellschaft BP am 1. November, daß sie »wegen verschiedener aufgetretener Probleme« die Münzsäulen schließen sollten, an denen Hamsterer sich die Kanister füllten. »Ab sofort bis zum Widerruf dieser Maßnahme« so schrieb BP, sehe man sich nicht in der Lage, »Reparaturen an den Geräten durchzuführen«.

Wenig später kamen die Konzerne mit der ganzen Wahrheit heraus. Aral am 9., Esso am 12., Shell am 14. und BP am 15. November klärten ihre Stationäre darüber auf, daß sie fortan weniger Benzin zu erwarten und bevorzugt die Stammkundschaft zu bedienen hätten.

Auch an den Zapfsäulen ließen die Konzerne den Händler mit seinem Ärger wieder allein. Selbst Stammkunden durften, wie etwa an einer Esso-Tankstelle in Großhansdorf bei Hamburg, nur zehn Liter tanken, weil die hamsternde Laufkundschaft »hier schon Rabatz gemacht hat«.

Den Tankwarten wird die Unbill freilich schlecht entgolten: Seine nicht nach dem Preis, sondern pro Liter berechnete Provision erhöhten die Konzerne nicht. Den Ertrag aus dem seit Oktober um vier Pfennig gestiegenen Benzinpreis steckten die Gesellschaften ein.

Ein Fünftel der westdeutschen Tankstellenpächter verdiente schon bisher weniger als 1500 Mark. Durch die Kürzung der Kontingente schrumpfen ihre Einkommen auf 1200 Mark. Hartmut Görges, Geschäftsführer des Tankstellengewerbe-Verbandes in Hessen: »Bei uns tickt eine Zeitbombe.«

Im gleichen Arbeitsgang, wie die Konzerne ihre unrentablen Zapfsäulen weiter austrocknen, nehmen sie auch die Chance wahr, die freien Tanksäulen von ihren bislang hohen Umsätzen herunterzubringen. Denn mit nur 3500 des 42 000 Stationen umfassenden Tankstellen-Netzes machten die Billiganbieter bislang rund 20 Prozent der deutschen Benzin-Umsätze. Ähnlich wie die freien Heizöl-Händler deckten sie sich aus Konzernquellen, aber auch aus freien Partien ein.

Jetzt werden die Ölmanager zugeknöpft, wenn es um die Belieferung der Freien geht. Schon drohen, so Gerhard Schneider, Geschäftsführer des Bundesverbandes Freier Tankstellen, auch hier »ein gespaltener Markt und gespaltene Preise": Während etwa Dieselöl an Konzerntankstellen knapp unter 80 Pfennig kostet, müssen die Freien zwischen 90 Pfennig und 1,06 Mark nehmen -- so an einer Ratio-Tankstelle in Hannover.

Die Angst, weniger Auto fahren und im Winter kaum noch heizen zu können, ließ Deutschlands Konsumenten in hysterische Kaufsucht treiben -- lange bevor die Folgen des Araber-Boykotts Deutschlands Läger trafen.

Denn gefüllter als sonst sind die Rohöltanks der Mineralölkonzerne bis zur Stunde. Und allein der Kaufpsychose vergangener Wochen ist es zuzuschreiben, daß Heizöl und Benzin in geringeren Mengen am Lager sind als sonst zu dieser Jahreszeit. Sagt Hanns-Henning Kunckel, Sprecher der amerikanischen Chevron-Tankstellen-Kette: »Das einzige, was hilft, ist nicht verrückt zu spielen.«

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