Millionenbetrug Unfall-Mafia plünderte Versicherung

Ärzte, Psychiater, Chiropraktiker, sie alle kassierten mit: Der größte Versicherungsbetrug New Yorks bringt ein Netzwerk aus über 500 mutmaßlichen Abzockern vor Gericht, die mit gestellten Autounfällen Millionen absaugten. Die Riesen-Mafia flog erst auf, als ein Mann nach und nach die Arztkosten für 1000 Unfälle einreichte.


Stau auf dem Highway: Mehrere hundert Unfälle inszeniert
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Stau auf dem Highway: Mehrere hundert Unfälle inszeniert

New York - Irgendwann im Jahr 2001 begannen sich die Sachbearbeiter der Versicherung State Farm Insurance in New York zu wundern über diese Pechvögel: Da gab es Kunden, die es in kurzer Zeit auf 30 oder 40 Unfälle brachten. Jedesmal mussten sie lange Zeit in Krankenhäusern behandelt werden und sich mit Ärzten, Akupunkteuren und Chiropraktikern herumschlagen, die teure Rechnungen stellten. Ein Herr brachte es gar auf rund 1000 Unfälle, die Besuche in der Notaufnahme zur Folge hatten - jedes Mal war er vorher mit seinem Wagen auf dem Highway mit einem anderen kollidiert.

Die Sachbearbeiter in den Schadensabteilungen der Versicherer wurden misstrauisch. Im Prinzip, so meinten sie, hätten die Leute ja ohnehin schon halb tot sein müssen. Also schalteten sie, wie die "New York Times" berichtet, die Staatsanwaltschaft ein. Die stieß auf einen Ring dreister Versicherungsbetrüger. Diese hatten Tausende Autounfälle inszeniert, um die Opfer danach durch ein Netzwerk hauseigener Ärzte, Akupunkteure und falscher Kliniken zu schleusen. Die Versicherungen bluteten anschließend mehr als die angeblichen Opfer. Der Topf, aus dem die Gauner schöpfen konnten, ist groß genug: Ein eigenes Gesetz regelt in New York, dass Unfallopfern bis zu 50.000 Dollar von der Versicherung für medizinische Versorgung zustehen.

Strafverfolger und Versicherungsexperten sind sich einig: Der nach den Ermittlungen 2001 ausgehobene Ring ist der größte dieser Art, der jemals in New York zerschlagen wurde. Eine Grand Jury hat nun auf Basis der Ermittlungen Anklage in 567 Fällen erhoben. Unter den Angeklagten sind Ärzte, Psychiater, Chiropraktiker, Zahnärzte und die Hintermänner von 20 falschen Kliniken. Die Säulen der fragwürdigen Gesundheitstempel standen freilich reichlich schief: Sie wurden den Ermittlern zu Folge in Brooklyn und Queens teilweise extra aus der Taufe gehoben, um die willigen Unfallopfer zu behandeln. Das Klinikmanagement beantragte dann Zahlungen von der Autoversicherung für ein regelrechtes medizinisches Mammutprogramm mit angeblichen Prozeduren, die manchmal von den Ärzten gemacht wurden und manchmal auch nicht. Die Quacksalberanlagen waren finanziert von Anwälten, Buchhaltern und anderen Investoren, obwohl Ärzte als die Eigentümer eingetragen waren.

Auch die vermeintlichen Opfer machten den Ermittlungen zufolge einen guten Schnitt: Bis zu 1500 Dollar konnte verdienen, wer sich als "Crash Dummie" auf die Stoßstange fahren ließ oder als "Runner" dem Gasfuß freien Lauf ließ.

Die Zeche bezahlen am Ende die Autofaher. Laut Robert Hartwig vom Industrie-Verband "Insurance Informations Institute" stiegen die Versicherungsprämien in New York allein wegen dieser Betrusserie in diesem Jahr um 432 Millionen Dollar. Und einer älteren Studie des "Insurance Research Council" zufolge verteuert Versicherungsbetrug in New York jede Versicherungspolice in um 177 Dollar. "Wir sprechen darüber, ein ganzes Netzwerk zu zerschlagen. Das ist vergleichbar damit, einen Drogenring zu zerschlagen", sagt Hartwig.

Wer hinter dieser komplexen Organisation steckt, ist indes ungewiss. Ein auf Versicherungsbetrug spezialisierter Anwalt, der der "New York Times" zufolge vertraut ist mit dem Fall, sagte der Zeitung, er sehe die Fingerabdrücke der organisierten Kriminalität auf der ganzen Sache kleben. Die Staatsanwaltschaft will allerdings keine voreilige Verbindung zwischen den Betrugsserien und der organisierten russischen Kriminalität ziehen. Den Behörden nach ist ein Teil des Profits aus dem Betrug in Geschäfte in Russland geflossen, während ein anderer auf einem Schweizer Bank-Konto landete und von dort aus nach Russland floss.

Das Problem ist mit dem Ende der Ermittlungen nicht aus der Welt: "New York hat heute das größte Problem des Landes mit Autoversicherungs-Betrug", sagt Versicherungsfachmann Hartwig. "Es ist heute das größte und letzte offene Scheckbuch Amerikas. Es ist ein Magnet für diese Art des Missbrauchs."



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