Millionenschwerer Schmiergeldskandal Fifa-Funktionäre kaufen sich frei

Spitzenmitarbeiter der Fifa haben viele Millionen Euro Schmiergeld erhalten, trotzdem kommen sie straffrei davon. Die Staatsanwaltschaft im schweizerischen Zug hat ihre Ermittlungen eingestellt - gegen eine Zahlung von 5,5 Millionen Franken. Die Namen der korrupten Funktionäre bleiben geheim.
Fifa-Präsident Blatter: "Fall endgültig abgeschlossen"

Fifa-Präsident Blatter: "Fall endgültig abgeschlossen"

Foto: Daniel Ochoa de Olza/ AP

Zug - Es war einer der größten Bestechungsskandale der Sportgeschichte, nun findet er ein unrühmliches Ende. Obwohl erwiesen ist, dass hochrangige Offizielle des Fußball-Weltverbandes Fifa von der Firmengruppe ISL/ISMM, einst Weltmarktführer im Sportmarketing, viele Millionen Euro Schmiergeld erhalten haben, wurden die Ermittlungen eingestellt.

Die Funktionäre haben sich quasi freigekauft. Die Staatsanwaltschaft im schweizerischen Zug, einst Sitz des ISL-Konzerns, gab am Donnerstag den spektakulären Deal bekannt: Demnach haben die Funktionäre aus dem Fifa-Umfeld eine sogenannte "Wiedergutmachungszahlung" in Höhe von 5,5 Millionen Schweizer Franken geleistet und tragen die Kosten des vor fünf Jahren aufgenommenen Teilverfahrens. Im Gegenzug bleiben die Namen der bestochenen Funktionäre geheim.

Damit bleibt eines der größten Rätsel des Weltsports ungeklärt. Unklar bleibt auch, wer diese 5,5 Millionen gezahlt hat und ob dieses Geld eventuell von Fifa-Konten stammt. Die Fifa teilte mit, der Fall sei "nun endgültig abgeschlossen". Präsident Joseph Blatter sei von jeglichem Fehlverhalten in dieser Angelegenheit "freigesprochen". Weitere Erklärungen werde man nicht abgeben. Formal ist das unkorrekt, denn da Blatter nie zu den Angeklagten zählte, hat es auch nie einen Freispruch für ihn gegeben.

Mit Bestechung an milliardenschwere Marketingverträge gelangt

Das Sportmarketing-Konglomerat ISL/ISMM war - unter wechselnden Firmenbezeichnungen - von Anfang der achtziger Jahre bis zum Konkurs 2001 die unangefochtene Nummer eins in diesem Business. Zu den Geschäftsprinzipien der Gruppe gehörte es, mittels Bestechung an lukrative und teilweise milliardenschwere TV- und Marketingverträge zu gelangen, und zwar mit Sportorganisationen wie dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC), dem Fußball-Weltverband Fifa sowie anderen Verbänden, unter anderem im Bereich Leichtathletik, Schwimmen und Basketball.

Zwischen 1989 und 2001 wurden allein 138 Millionen Schweizer Franken Bestechungsgeld an hohe olympische Sportfunktionäre gezahlt, wie während eines Strafprozesses gegen ehemalige ISL-Manager im Frühjahr 2008 publik wurde. Damals erklärte der einstige ISL-Finanzchef Hans-Jürg Schmid: "Das ist, als wenn man Lohn bezahlen muss. Sonst wird nicht mehr gearbeitet. Ansonsten wären diese Verträge von der anderen Seite nicht unterschrieben worden." Der frühere ISMM-Verwaltungsratschef Christoph Malms sagte aus: "Diese Praxis war unerlässlich, sie war branchenüblich, sie gehörte zum Stil des Geschäfts. Ohne das geht es nicht."

In Deutschland etwa wurden viele Jahre die dubiosen Umstände diskutiert, unter denen der damalige Fifa-Generalsekretär Blatter 1996 half, der ISL und der Kirch-Gruppe die milliardenschweren TV-Rechte an den Weltmeisterschaften 2002 und 2006 zuzuschustern.

Nur ein Bruchteil der bestochenen Funktionäre ist namentlich bekannt

In den Gerichtsunterlagen tauchten 2008 als Zahlungsempfänger die Fifa-Exekutivmitglieder Nicolas Leoz (Paraguay) und Brasiliens Verbandschef Ricardo Teixeira auf - letzterer über seine Firma Renford Investments, die er gemeinsam mit dem langjährigen Fifa-Präsidenten João Havelange betrieb und die von der ISL-Gruppe mindestens 2,5 Millionen Franken erhielt. Nur ein Bruchteil der bestochenen Funktionäre ist namentlich bekannt. Zur Verantwortung wurde niemand gezogen.

Havelange hat sich zu den Vorwürfen nie öffentlich geäußert. Teixeira, der auch in andere Korruptionsfälle verwickelt ist, gab vor Jahren im Gespräch mit der "Schweizer Sonntagszeitung" zu, dass Renford Investments seine Firma ist.

"Ausländische Personen von Fifa-Organen kamen bis ins Jahr 2000 in den Genuss von Provisionen, die von der ISMM/ISL-Gruppe ausgeschüttet wurden", teilt die Staatsanwaltschaft Zug jetzt mit - und bestätigt erstmals überhaupt, dass es sich um mehrere Fifa-Offizielle handelt. "Die Zahlungsadressaten unterließen es, die Gelder an die Fifa weiterzuleiten und verwendeten die Vermögenswerte für ihre eigenen Zwecke. Die Fifa ihrerseits unterließ es, die ihr zustehenden Vermögenswerte von den Beschuldigten einzufordern. Sie wurde in diesem Umfang geschädigt."

Die Fifa wollte sich am Donnerstag nicht weiter dazu äußern, da das Verfahren nun abgeschlossen sei. Der Verband betonte lediglich, dass es kein Fehlverhalten des Fifa-Präsidenten gegeben habe.

Der ISL-Konkurs wurde seit 2001 in verschiedenen juristischen Instanzen und Verfahren aufgearbeitet. Schon 2004 hat der einstige ISL-Verwaltungsrat Jean-Marie Weber, der laut Gericht als Schmiergeldbote agierte und der allein sämtliche bestochenen Personen kennt, einen sogenannten Korruptionsverdunklungsvertrag geschlossen. Damals hatte der ISL-Konkursverwalter von Fußballfunktionären die Rückzahlung der Bestechungsgelder gefordert. Weber zahlte 2,5 Millionen Franken, wobei die Herkunft des Geldes bis heute ungeklärt ist, und der Konkursverwalter Thomas Bauer verpflichtete sich, keine Zivilverfahren anzustrengen und die Namen der Schmiergeldempfänger geheim zu halten. Ein Ermittlungsrichter versuchte seinerzeit vergebens, Webers Anwalt, der auch der persönliche Anwalt des Fifa-Präsidenten Joseph Blatter ist, zur Herausgabe der Namen zu verpflichten. Das Schweizer Bundesgericht lehnte dieses Ansinnen im Sommer 2005 ab.

Wirtschaftskrimi mit spektakulären Wendungen

Die Geschichte ist ein Wirtschafts- und ein sportpolitischer Krimi mit zahlreichen Facetten und spektakulären Wendungen. Umso bemerkenswerter ist die Wortwahl der Staatsanwaltschaft, die nun die verharmlosende Vokabel "Provisionszahlungen" verwendet - und nicht die Begriffe benutzt, die 2008 im Strafprozess von den Richtern herausgearbeitet wurden: "Schmiergeld" oder "Bestechungsgeld".

Die Fifa-Funktionäre haben "den Empfang der Gelder nicht in Abrede gestellt, verneinten jedoch eine strafrechtliche Verantwortung", schreibt die Staatsanwaltschaft Zug. Strafrechtlich war Korruption bis zum Jahr 2000 in der Schweiz nicht zu ahnden - zivilrechtlich schon. Gemäß Gerichtsaussage des ehemaligen ISMM-Chefs Malms war das System der Bestechungszahlungen ("Provisionen") von der eidgenössischen Steuerbehörde, der KPMG und renommierten Zürcher Kanzleien (Niederer Kraft & Frey, Prager Dreifuss) "abgesegnet und gut geheißen" worden.

Letztlich hat nun auch die Staatsanwaltschaft das System abgesegnet.

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