Mini-Plus beim BIP Deutschland wankt aus der Rezession

0,3 Prozent Plus: Die Rezession in Deutschland ist offiziell beendet, doch die Wachstumszahl ist durch viele Sonderfaktoren verzerrt. Erst Abwrack-Boom und staatliche Investitionen am Bau machten die Wende möglich. Jubel wäre verfrüht - der Härtetest am Arbeitsmarkt kommt noch.
Baustelle in Berlin: Hoffnung auf den Konjunkturfrühling

Baustelle in Berlin: Hoffnung auf den Konjunkturfrühling

Foto: DDP

Hamburg - Ist es das jetzt schon? Das Ende der Krise? Spätestens seit diesem Donnerstagmorgen darf man in Deutschland auch offiziell darauf hoffen. Die Zahlen des Statistischen Bundesamts scheinen zu bestätigen, was Politiker und Konjunkturoptimisten schon seit Wochen predigen: Die heimische Wirtschaft, so schreiben Deutschlands Oberstatistiker, habe im zweiten Quartal mit 0,3 Prozent im Plus gelegen - preis-, saison- und kalenderbereinigt. Das erste Mal seit einem Jahr wächst laut dieser Berechnung die Wirtschaft. Die Rezession ist nach offizieller Deutung vorbei.

0,3 Prozent - ein Mini-Plus, das in den Augen mancher Optimisten die Wende bedeutet. "Der deutsche Alptraum ist vorbei, die schlimmste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg ist vorüber", schrieben Konjunkturexperten der Bank Unicredit in einer Studie vom Donnerstag.

Und Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, jubelt, dass "nach dem beispiellosen Sturzflug der Wirtschaft" die "Rezession nun beendet" sei - und weckt Hoffnungen auf einen Konjunkturfrühling im Herbst: Im dritten Quartal, so Krämer, werde die Wirtschaft "Fahrt aufnehmen" und "bis zu einem Prozent wachsen". Der "Unsicherheitsschock", der nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman die Märkte lähmte, sei überwunden.

Es fühlt sich gut an, das Ende der Krise auszurufen - doch man muss es vorsichtig tun: Die Zahlen des Statistischen Bundesamts sind alles andere als unverrückbar. Und der Aufschwung, auf den immer mehr harte und weiche Konjunkturindikatoren hinweisen, ist noch immer von vielen Unwägbarkeiten geprägt.

Dass das leichte Plus in Deutschlands Konjunkturbilanz bestenfalls eine Tendenz abbildet, macht das Statistische Bundesamt in der eigenen Pressemitteilung  transparent. Die Behörde weist darauf hin, dass die genaue Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts erst "vier Jahre" nach dem laufenden Quartal bestimmt werden kann. Erst dann lägen alle notwendigen Basisdaten vor, um die wirtschaftliche Entwicklung wirklich sicher bestimmen zu können.

"Statistik mit spitzen Fingern anfassen"

In welchem Kontext das Statistische Bundesamt die eigene Statistik begreift, zeigt ein Aufsatz von Wolfgang Strohm, dem Leiter der Abteilung Gesamtrechnungen und Arbeitsmarkt. Strohm hat den sich wechselseitig ständig prägenden Fluss aus weichen Prognosen, Schätzungen und harten Konjunkturdaten in einem Aufsatz beleuchtet. Titel der durchaus selbstkritischen Schrift, die vielen Experten als Standardwerk gilt: "Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen als die Kunst des Möglichen".

Tatsächlich ändern sich die Angaben des Statistischen Bundesamts oft noch nachträglich. "Erstzahlen werden über einen langen Zeitraum revidiert, manchmal sogar mehrfach", sagt Christian Dreger, der Leiter der Konjunkturabteilung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Wie stark die Werte schwanken, belegt ein aktuelles Beispiel: Deutschlands Oberstatistiker haben die BIP-Entwicklung des ersten Quartals 2009 im Vergleich zum vorangegangenen Bericht von minus 3,8 auf minus 3,5 Prozent revidiert.

Die Zahlen, die das Statistische Bundesamt am Donnerstag veröffentlicht hat, sind zudem noch unvollständig. Ausführliche Ergebnisse zum zweiten Quartal gibt die Behörde erst am 25. August 2009 bekannt. "Ich würde die aktuelle Statistik mit spitzen Fingern anfassen", resümiert Jörg Hinze, Konjunkturexperte beim Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). "Sollte sich die Lage doch noch einmal verschlechtern, könnten schlimmstenfalls sogar die Zahlen für das zweite Quartal nachträglich noch ins Minus rutschen."

"Rechnerisches Plus"

Die Zahlen suggerieren zudem nicht nur aus technischer Sicht mehr Sicherheit als real existiert. Denn das Mini-Plus ist derzeit vor allem ein rechnerisches. In seiner Pressemitteilung merkt das Statistische Bundesamt an, dass "die preisbereinigten Importe erheblich stärker zurückgegangen sind als die Exporte". Einer der großen Effekte, der die Bilanz der Bundesrepublik ins Plus gehievt hat, ist somit ein Trugbild: Das Land wirkt reicher, weil es weniger ausgibt.

"Die BIP-Entwicklung ist durch die Entwicklung bei den Importen und Exporten deutlich verzerrt", sagt Gustav Horn, Direktor des Instituts für Konjunkturforschung und Makroökonomie (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Auch sonst ist die Bilanz der Bundesrepublik von vielen Sondereffekten belastet. "Der überraschend starke Aufschwung ist im zweiten Quartal vor allem auf den Boom zurückzuführen, den die Abwrackprämie auf dem Automarkt ausgelöst hat", sagt HWWI-Experte Hinze. Wie stark sich diese Maßnahme auf die Entwicklung des BIP auswirkt, lässt sich kaum schätzen. Die Bundesregierung hat dafür fünf Milliarden Euro bereitgestellt, was 0,25 Prozent des BIP entspricht. Konjunkturspezialisten wie Hinze schätzen die Multiplikatoreneffekte aber auf das drei- bis vierfache - das wären 0,75 bis ein Prozent BIP-Plus im zweiten Quartal.

Hinzu kommt, dass auch andere Konjunkturmaßnahmen wie staatliche Investitionen in den Bausektor zusehends anlaufen: "Positive Impulse kamen im Vorquartalsvergleich von den Bauinvestitionen", schreibt das Statistische Bundesamt in seiner Mitteilung.

"Das Plus im zweiten Quartal ist maßgeblich durch die Konjunkturprogramme der Regierung bedingt", sagt Hinze. Entsprechend sei mit erheblichen Einbrüchen zu rechnen, wenn die staatlichen Förderungen wieder auslaufen. Das könnte sich schon im kommenden Quartal spürbar bemerkbar machen, wenn etwa der Abwrack-Boom wieder abebbt. "Man sollte das nicht negativ bewerten", sagt Hinze. Schließlich sei es genau die Funktion von Konjunkturprogrammen, wirtschaftliche Schwächephasen zu überbrücken. "Einen sich selbst tragenden Aufschwung signalisieren die aktuellen BIP-Zahlen aber definitiv noch nicht."

Lesen Sie im zweiten Teil, warum Deutschland trotz positiver Signale unsichere Zeiten durchlebt

Ob die Konjunkturprogramme ausreichen, um die deutsche Wirtschaft aus der Krise zu schieben, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen. Das Mini-Plus des statistischen Bundesamts sagt darüber höchstens tendenziell etwas aus. In Kombination mit weiteren harten und weichen Konjunkturfaktoren, die in den vergangenen Wochen veröffentlicht worden sind, gibt es aber Grund zur Hoffnung, dass Deutschland allmählich aus der Krise wankt:

Hafenterminal in Hamburg: Spürbarer Anstieg der Exporte

Hafenterminal in Hamburg: Spürbarer Anstieg der Exporte

Foto: CHRISTIAN CHARISIUS/ REUTERS

  • Die Exporte , Deutschlands Wachstumsmotor Nummer eins, sind im Juni so stark gestiegen wie seit drei Jahren nicht.
  • Die Industrie meldet einen deutlichen Anstieg ihrer Aufträge, und der für die Branche wichtige BME-Einkaufsmanagerindex ist im Juli so stark wie noch nie gestiegen. Er liegt knapp unter der 50-Punkte-Marke, ab der Wachstum signalisiert wird.
  • Der Ifo-Index für den Euro-Raum legt deutlich zu.
  • In den USA ist die Arbeitslosenquote entgegen den Erwartungen im Juli leicht auf 9,4 Prozent gesunken, die Notenbank Fed spekuliert auf einen baldigen Aufschwung.

Experten sehen Deutschland dennoch eine Zeit voller Unwägbarkeiten durchleben. "Der wichtigste Wachstumsfaktor für die heimische Konjunktur ist der von der Regierung am wenigsten steuerbare", sagt DIW-Konjunkturchef Dreger. "Dass das von den Exporten stark abhängige Deutschland die Krise überwindet, hängt ganz maßgeblich davon ab, dass die Welt es ebenfalls schafft - und die Exportnachfrage an den für Deutschland relevanten Märkten deutlich steigt."

Es sei bislang noch nicht absehbar, ob das der Fall sein werde: Zwar zögen wichtige asiatische Märkte wie China und Indien schon wieder an - die Perspektiven in Europa und den mittlerweile hochverschuldeten USA seien dagegen weniger positiv. Auch sei nicht davon auszugehen, dass die wichtigen Boom-Märkte in Osteuropa und Russland schnell aus ihren tiefen Rezessionen kommen - was das deutsche Wachstum ein Stück weit bremse.

Gefährdeter Binnenkonsum

Ebenso unsicher schätzen Experten den für den Aufschwung ebenfalls wichtigen Binnenkonsum ein. Dass dieser trotz Krise bislang relativ stabil geblieben ist, liegt vor allem an der niedrigen Teuerungsrate. Seit Monaten sind die Preise kaum gestiegen - im Juli sind sie sogar erstmals seit 22 Jahren um 0,5 Prozent gefallen. "Die niedrige Inflation wirkt derzeit wie ein Konjunkturprogramm für den Binnenkonsum", sagt HWWI-Experte Hinze.

Der Härtetest für die Konsumstimmung steht allerdings erst noch an: Im Spätherbst wird ein deutlicher Anstieg der Arbeitslosigkeit erwartet. Einige Politiker und Konjunkturexperten hoffen zwar, dass der Job-Verfall angesichts der anziehenden Wirtschaft nicht ganz so heftig ausfallen könnte wie befürchtet. Dennoch dürfte die Lage im Herbst angespannt bleiben. "Nach den Bundestagswahlen werden viele Wahrheiten auf den Tisch kommen, etwa höhere Sozialversicherungsbeiträge und eventuell steigende Steuern", sagte Deka-Analyst Sebastian Wanke kürzlich der Nachrichtenagentur dpa. "Dann werden wir sehen, dass das Vertrauen der Verbraucher nicht mehr trägt."

Hinzu kommt, dass die Kurzarbeit immer stärker an ihre Grenzen stößt. Wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am Donnerstag berichtet, sind die Lohnstückkosten - also die Lohnkosten im Vergleich zur Produktionsleistung der Beschäftigten - im ersten Quartal 2009 um 8,1 Prozent gestiegen. In der Industrie schwollen sie sogar um 25 Prozent an. Der Druck auf die Firmen, Mitarbeiter zu entlassen, steigt also, da die Kosten aus dem Ruder laufen. "Die Kurzarbeit entwickelt sich für die Unternehmen zu einer immer größeren Belastung - sollten sich die Aufschwungsignale nicht bald deutlich verstärken, dürften die ersten Unternehmen beginnen, Angestellte zu entlassen", sagt Hinze.

Ein deutlicher Anstieg der Arbeitslosigkeit aber würde den Binnenkonsum stark abbremsen, sagt Hinze. Und er könnte in Kombination mit auslaufenden Konjunkturprogrammen und einer Weltwirtschaft, die aus deutscher Sicht vielleicht nicht schnell genug anspringt, dazu führen, dass das deutsche BIP in einem der kommenden Quartale wieder leicht ins Minus rutscht.

Mit Material von dpa
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