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»Mir gännen doch nischt dafür«

aus DER SPIEGEL 37/1989

Es ist noch nicht lange her, da diente das Banner der DDR im »Kulturhaus Einheit« als Zier bei Parteitreffen und Tanzveranstaltungen. Jetzt hängt das Staatsstück mit der feinen Stickerei verstaubt und zerknittert aus einem zertrümmerten Fenster im Erdgeschoß.

Das Gebäude in der Leipziger Bogislawstraße unweit des Stadtzentrums mußte vor einiger Zeit geräumt werden, wegen akuter Einsturzgefahr. Die Eingangstür hängt schief in den Scharnieren, der Neonschriftzug über dem Portal hat seine Leuchtkraft verloren.

Was von der Inneneinrichtung noch irgendwie zu gebrauchen war, ist längst verschwunden - Tische und Stühle, Schränke und selbst die alten Gardinen. Nur die Fahnen, neben dem Staatsbanner auch die Flagge der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, fanden keinen Abnehmer. Die Symbole der Macht wurden achtlos liegengelassen. »Tote Hose« steht kreidegekritzelt an der Hauswand.

Rund um die Bogislawstraße leben nicht mehr viele Menschen. Die einst schönen Jugendstilhäuser sind so verkommen, daß nur noch wenige Familien in den finsteren Gebäuden hausen. Für diese Bewohner gibt es noch keinen besseren Wohnraum. Der Aufbau neuer Betonblocks dauert.

Ganze Stadtteile sind vom Verfall bedroht. Für die Sanierung fehlen Baumaterialien, Facharbeiter und Geld. Die Leipziger, die hier ausharren müssen, haben resigniert. »Ruinen schaffen ohne Waffen«, bewitzeln sie den Niedergang ihrer Stadt. Sozialistischer Fortschritt ist nicht einmal eine Schnecke: Rückwärts geht es hier entschieden schneller.

Der Propaganda-Apparat ignoriert den real existierenden Zustand der Stadt. »Leipzig weltweit geschätztes Zentrum friedlichen Handels«, kommentierte die Leipziger Volkszeitung am Montag vergangener Woche die Eröffnung der Herbstmesse 1989.

Unverdrossen wird die sächsische Handelsmetropole als Guckloch für die wirtschaftliche Leistungsstärke des deutschen Oststaates präsentiert. Und natürlich kommen sie noch immer, Händler wie Produzenten, um Geschäfte zu machen und Präsenz zu zeigen. 6000 Aussteller aus mehr als 100 Ländern drängten sich diesmal auf dem Messegelände nahe dem Völkerschlachtdenkmal und in den Messehäusern der fahnengeschmückten Innenstadt.

»Wer im Ostgeschäft bleiben will«, sagt ein süddeutscher Maschinenbauer, »muß einfach hierherkommen.« Nach wie vor nämlich ist Leipzig die wichtigste Messestadt des Ostblocks. Das wird sich einstweilen auch nicht ändern.

Doch der Niedergang der Stadt hinterläßt immer tiefere Spuren. Die Internationale Messe-Union in Paris, die über ein Mindestmaß an Qualitätsstandards wacht und weltweit die Messetermine koordiniert, drohte den Sachsen bereits hinter verschlossenen Türen mit dem Entzug der Mitgliedschaft.

Allein die interne Androhung möglicher Sanktionen traf die verantwortlichen DDR-Funktionäre tief. Denn nichts verunsichert die Staatssozialisten mehr als die Gefährdung ihrer vermeintlichen internationalen Reputation.

Die Klagen von Besuchern und Ausstellern der Leipziger Messe über allerlei Mißlichkeiten aber nehmen zu. Sie mokieren sich über das zerbröckelnde Stadtbild, über den Geruch naher Chemiewerke und die Rauchschwaden aus Braunkohleschloten. Sie beschweren sich über Unterkünfte und Gastronomie, über den Zustand der Straßen und öffentlichen Verkehrsmittel wie über die Sicherheit der Messehallen.

Das feine Valuta-Großhotel Merkur (fünf Sterne) reicht bei weitem nicht, um auch nur die angereisten Spitzenmanager aus dem Westen unterzubringen. Behausungen wie das heruntergekommene Parkhotel, wo vorzugsweise drittrangige Messebesucher aus dem Ostblock und Westjournalisten untergebracht werden, gelten selbst anspruchslosen Gästen als Horrorvision einer Herberge.

Mancher Manager, der daheim im Steigenberger oder Kempinski abzusteigen pflegt, findet sich im Vierbettzimmer eines zum »Messehotel« umfunktionierten tristen Studentenheims wieder, das er dann zum Preis von 80 Mark West allein nutzen darf. Dusche und Toilette allerdings müssen sich in solchen Unterkünften ein Dutzend und mehr Gäste teilen. Das frustet.

Beschwerden wird mit sächsischem Charme begegnet. »Mir gännen doch och nischt dafür«, bedauert die Dame an der Not-Rezeption des zum Hotel umgerüsteten Wohnheims Philip-Rosenthal-Straße verlegen lächelnd. »Aber wo gänn' Se denn schon für 80 Mark in vier Betten gleichzeitig schlafen?«

Natürlich kennen die Verantwortlichen die Schwachstellen des Leipziger Einerleis. Offen werden die für Straßenbahn und Busse verantwortlichen städtischen Verkehrsbetriebe kritisiert. »Die öffentlichen Verkehrsmittel in Leipzig«, wird in einer Studie analysiert, »sind heute deutlich weniger leistungsfähig als vor 50 Jahren.«

Ändern wird sich so schnell kaum etwas in der Messestadt, weder beim Ausbau des Verkehrsnetzes noch bei der Erhaltung der Bausubstanz. Sicher, die Innenstadt rund um den Markt wird notdürftig herausgeputzt. Einkaufsgassen wie die Mädlerpassage bekommen mehr Farbe, das moderne Gewandhaus gilt auch international als architektonisches Glanzstück einer Konzertstätte. Auerbachs Keller, durch Goethes Faust berühmt, strahlt noch ein bißchen altes Leipziger Flair aus. Doch damit sind die besseren Seiten der mit 570 000 Einwohnern zweitgrößten Stadt der DDR schon nahezu vollständig aufgezählt.

Tapfer verbreitet Messe-Generaldirektor Siegfried Fischer Optimismus. »Der Standort Leipzig als einer der wichtigsten Messeplätze der Welt«, verkündete Fischer vergangene Woche seinem internationalen Publikum, »wird weiter zügig ausgebaut.« Immerhin wurde zur Eröffnung der diesjährigen Herbstmesse der Grundstein einer neuen Halle für Chemie-Aussteller gelegt. Ein neues internationales Bankenzentrum auf dem Messegelände dient dem Generaldirektor als Beweis für unaufhaltsame sozialistische Aufbauleistung.

Im Pavillon der UdSSR boten die Sowjets DDR-Bürgern derweil Aufklärung zum Thema Umgestaltung der Volkswirtschaft. Aufwendige Broschüren mit Titeln wie »Perestroika: die Meinung sowjetischer Wissenschaftler« wurden bei Messebeginn zum Kauf feilgeboten. 2100 Mark Ost nahmen die Russen in wenigen Stunden damit ein - bis DDR-Funktionäre ihren sozialistischen Brüdern den vertragswidrigen »kommerziellen Handel mit Werbematerial« untersagten. Tags darauf verteilten die Sowjets ihre Perestroika-Broschüren kostenlos. Dagegen konnten die Männer der Staatssicherheit nichts unternehmen.

Daß neuer Schwung für die DDR dringend nötig ist, wird wohl nur noch in den Einheitsmedien geleugnet. Während die SED-Presse die »hohe Leistungskraft und internationale Wettbewerbsfähigkeit« mit eiserner Linientreue lobt, üben Praktiker aus der Staatsindustrie ungewohnt offene Kritik.

»Was Sie hier in Leipzig erleben«, gesteht ein hoher SED-Mann im kleinen, vertraulichen Kreis, »ist doch nur ein Spiegelbild unserer Republik in allen Bereichen.« Den Exodus Zehntausender hochqualifizierter Fachkräfte durch die Ausreise in den Westen würde »keine Volkswirtschaft der Welt« verkraften. Die DDR sei inzwischen die einzige Industrienation, die an »eklatantem Arbeitskräftemangel« leide.

Diese Art Selbstkritik vor westlichen Ohren ist eine der wenigen Neuheiten der Leipziger Herbstmesse. »Wir können dringende wirtschaftpolitische Entscheidungen nicht mehr aufschieben«, zürnt ein anderer DDR-Mann. Doch die Altherrenriege in der Hauptstadt wolle bis zum SED-Parteitag im Mai nächsten Jahres warten. Dann aber sei »viel zuviel wertvolle Zeit verloren«.

Als vielbelachter Messewitz kursiert eine fiktive SED-Definition für Perestroika: Um den Begriff zu verstehen, brauche man drei Bücher. Erstens ein russisch-deutsches Wörterbuch. Was heißt dort Perestroika? Umgestaltung. Dann nehme man ein Synonymwörterbuch zur Hand. Was steht dort für Umgestaltung? Rekonstruktion. Und wie erklärt das Lexikon den Begriff Rekonstruktion? Antwort: Wiederherstellung des alten Zustands.

Dem Messespott waren auch die Automobilhersteller aus Zwickau ausgesetzt. Auf seinem Stand hatte der VEB Sachsenring zwei alte Trabant der Serien »601 Universal Sonderwunsch« und »601 de Luxe« aufgebaut. Der neue Trabi mit Polo-Motor soll erst im kommenden Frühjahr an gleicher Stelle präsentiert werden. »Selbst die Rumänen bauen bessere Autos als wir«, schimpften DDR-Messebesucher.

Auf dem Marktplatz macht ein Leipziger Original namens Drehorgel-Rolf lautstark Witze über den neuen Trabant: »Alles, was den neuen Trabi antreibt, kommt aus dem Westen - nur die Bremsen, die kommen wieder mal von uns.« Aber immerhin, kalauert Rolf vor großem Publikum weiter, habe der Trabi erstmals bei einem Windkanal-Test den zweiten Platz belegt - »erster wurde eine Schrankwand«.

Solche Späße bekommen prominente Gäste aus dem Westen kaum mit. Ein neuer Service soll ihnen die rund 20 Kilometer lange trostlose Fahrt per Taxi vom und zum Flughafen Schkeuditz ersparen. Seit Dienstag vergangener Woche bringt die holländische Firma ESCC Voyager in Zusammenarbeit mit Philips, dem Hotel Merkur und der DDR-Fluglinie Interflug Topmanager zum Preis von 200 Mark West direkt zum Messegelände oder ins Hotel.

Nach langen Verhandlungen bekamen Voyager und Philips auch die Genehmigung, ein fahrbares Pressezentrum nach Leipzig zu bringen, das Fernsehbilder von Leipzig und der Messe per Satellit in den Westen trägt. Erste Kunden des TV-Zentrums waren die bundesdeutschen Fernsehanstalten ARD und ZDF - mit der schnellen Überspielung aktueller Bilder von der Demonstration ausreisewilliger DDR-Bürger und prügelnder Stasi-Männer vor der Leipziger Nikolaikirche.

Noch tags darauf rätselten Stasi-Leute, die von der neuen Technik nichts wußten, wie das Bildmaterial so schnell in den Westen gelangen konnte. f

Hartmut Volz
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