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SIEMENS Mit aller Kraft

Der Münchner Multi ist weltweit au fEinkaufstour. Meist gehen jedoch die Türen zu.
aus DER SPIEGEL 3/1989

In seinem Büro im Madrider Nordbahnhof ChamartIn empfing Leopoldo Iglesia einige Manager aus München. Es war ein unangenehmer Termin. Wortreich bedauerte der Chef-Einkäufer der spanischen Eisenbahngesellschaft Renfe, daß er den wichtigstenTeil des »Jahrhundertauftrags« nicht an Siemens und seine Mitlieferanten vergeben könne.

Die Deutschen, tröstete Iglesia seine Besucher, würden dennoch bedacht. Siemens soll 75 Lokomotiven nach Spanien liefern. Das heißumkämpfte Geschäft, die Lieferung von 24 kompletten Hochgeschwindigkeitszügen, fällt an die französische Firma Alsthom.

Auch aus Italien erhielten die Siemens-Manager vor kurzem schlechte Nachrichten: Die Chance auf eine Partnerschaft mit dem staatlichen Telephonanlagenbauer Italtel sind stark geschrumpft. Regierungschef Ciriaco De Mita hatte sich nach einem Gespräch mit Robert Allen, dem Chef des US-Konzerns AT&T, für die Amerikaner stark gemacht.

Bei Siemens häufen sich gegenwärtig die schlechten Nachrichten. Karlheinz Kaske, der Chef des größten deutschen Elektrokonzerns, will ja durchaus das Richtige: die randvolle Kasse etwas leeren und Siemens in den wichtigsten Sparten nach vorn treiben. Doch nun, da der als müde verrufene Riese munter wird, läuft er überall auf.

Rund zwölf Milliarden Mark hatte der Vorstand für den Ausbau der Zukunftssparten Chips und Computer, Telephonsysteme, Bürokommunikation und Fabrikautomatisierung bewilligt. Die Expansion sollte überwiegend durch Aufkäufe und Kooperationen erfolgen.

Kaskes Vorwärtsdrang schürte vor allem in Europa, aber auch in den USA die Angst vor dem mächtigen deutschen Konzern. Politiker, Konkurrenten und Kartellbehörden versuchen nun, Siemens-Vorstöße zu verhindern.

Ein entschiedener Gegner ist offenkundig die französische Regierung. Vor knapp zwei Jahren verhinderte Paris den Einstieg von Siemens bei dem Telephonkonzern CGCT. Bei dem verlorenen Eisenbahnauftrag aus Madrid hatte sich sogar Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterrand eingeschaltet.

Bei einem Treffen mit dem spanischen Regierungschef Filipe Gonzalez im südfranzösischen Montpellier drohte der Franzose Ende November vorigen Jahres mit politischen Konsequenzen. Wenn die Spanier Alsthom nicht mit einem dicken Auftrag bedächten, werde Frankreich gefangene baskische Eta-Terroristen nicht mehr an Spanien ausliefern.

Bei dem Schnellzug-Deal ging es nicht nur um eine Bestellung im Wert von rund 800 Millionen Mark, sondern auch um viel Renommee. Die Deutschen hatten sich erhofft, bei einem Zuschlag für ihren neuen Intercity-Typ ICE etliche Anschlußaufträge einheimsen zu können.

Schwierigkeiten bei seinem Aufbruch in die neue Elektronik-Zukunft werden Kaske auch in den USA bereitet. Die gemeinhin großzügige US-Kartellbehörde trägt gegenwärtig Material gegen den deutschen Technik-Riesen zusammen. Siemens will im kalifornischen Santa Clara vom US-Computerriesen IBM Fabriken zur Herstellung von Telephonnebenstellen für Büros übernehmen (SPIEGEL 51/1988).

Mit diesem Coup wäre Siemens in der Sparte der Nebenstellenanlagen der weltweit größte Anbieter. Den Amerikanern mißfälllt, daß die Deutschen und IBM wie ein übermächtiges Kartell die Produkte gemeinsam vertreiben wollen.

Die größten Hoffnungen hatte Kaske in den vergangenen Monaten auf eine Transaktion in Großbritannien gesetzt. Der Siemens-Chef wollte sich im Kraftwerksbau, in der Fabrikautomatisierung und im Eisenbahnbau mit dem größten britischen Elektrokonzern, der General Electric Company (GEC), zusammentun.

Der neue Partner allerdings hatte andere Vorstellungen. Heimlich verbündete sich GEC mit der französischen Alsthom - jener Firma, die vor den Deutschen in Spanien das Rennen gemacht hatte. Kurz vor Weihnachten verkündeten GEC und Alsthom, ihre Produktionssparten Kraftwerks- und Eisenbahnbau zusammenzuwerfen.

Ein zweiter Handel zwischen Siemens und der GEC wird wohl ebenfalls platzen. Für insgesamt 5,4 Milliarden Mark wollten die beiden Konzerne die britische Elektronikfirma Plessey übernehmen - gegen den erbitterten Widerstand des Plessey-Managements.

Doch vergangenen Freitag erreichte Kaske die Nachricht, daß der britische Partner nicht mehr alleiniger Herr im eigenen Haus ist. Völlig überraschend hat der US-Multi General Electric für 325 Millionen Pfund einen Teil der britischen GEC übernommen. Nun wird Siemens möglicherweise bei einer Plessey-Übernahme gar nicht mehr gebraucht.

Die Chancen standen ohnehin schlecht für die Münchner. Inzwischen befassen sich die Brüsseler Kartellbeamten mit dem Fall Plessey. Der EG-Entscheid, glauben Kenner, wäre so oder so gegen Siemens ausgefallen.

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