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Manager Mit Beitz leben

Krupp-Chef Günter Vogelsang resignierte vor dem Testament des letzten Firmeninhabers Alfried Krupp: Der frühere Generalbevollmächtigte Berthold Beitz bleibt der heimliche Konzernboß.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Der tote Monarch forderte Tribut; der einstige Hausmeier zeigte seine Macht.

Vier Jahre nach dem Tod des Industrie-Dynasten Alfried Krupp von Bohlen und Halbach verzagte der neue Konzernchef Günter Vogelsang und kündigte seinen Vertrag. Zu Beginn des neuen Jahres fand sich Deutschlands bekanntester Konzern erneut in einer Krise.

Der Kampf zwischen dem neuen Vorstandsvorsitzenden Vogelsang und dem alten Generalbevollmächtigten Berthold Beitz um die Führungsnachfolge des 1967 verstorbenen Firmenherrschers fand somit schneller ein Ende, als selbst Insider vermutet hatten: Krupp-Chef Vogelsang resignierte vor dem Testament des verblichenen Inhabers; Krupp-Freund Beitz rückte im Konzern wieder ganz nach vorn.

Die Krupp-Krise des Jahres 1967, das größte Debakel in der Geschichte der deutschen Wirtschaft nach dem Kriege. hatte Vogelsang an die Spitze des verschuldeten Milliarden-Unternehmens gebracht. Mit dem Ruf, einer der besten Finanztechniker unter Deutsch-Lands Industrie-Managern zu sein, war Vogelsang von der Mannesmann AG nach Essen übergewechselt. um den maroden Traditions-Konzern -- der in eine Kapitalgesellschaft umgewandelt wurde -- wieder flottzumachen.

Beitz hatte bis dahin als Generalbevollmächtigter die Leitung sämtlicher Geschäfte in der Hand gehabt; ihn allein schien die Schuld an der Finanznot des Konzerns. dessen Verbindlichkeiten sich zu 2,5 Milliarden Mark aufgesummt hatten, zu treffen. Nach Meinung der Ruhr-Prominenz war er mit der Krupp-Krise »weg vom Fenster«.

Im selben Jahr, wenige Monate nach der Vertragsunterschrift Vogelsangs, starb Industrie-Monarch Alfried Krupp

sein Statthalter Berthold Beitz wurde im Testament zum Chef der neugegründeten Stiftung ernannt, der Alfried Krupp (Firmenkürzel: AK) das gesamte Vermögen vermacht hatte. Krupp kurz vor seinem Tode zu Beitz-. » Ich will nicht, daß Sie wieder mit dem Hut durch die Lande ziehen.«

Fortan saß der einstige Revier-Star im Gästehaus der Kruppschen Villa Hügel. in das er sich als Stiftungs-Chef zurückgezogen hatte, und wartete gelassen auf die Genesung des Unternehmens. Je erfolgreicher Vogelsang von Jahr zu Jahr arbeitete. um so leichter konnte der Stiftungsherr Beitz seine Rückkehr als Erbprinz des Konzerns vorbereiten.

Im siebenköpfigen Kuratorium der Krupp-Stiftung, das über die Verteilung der Krupp-Gewinne »zur Förderung der Wissenschaft« zu entscheiden hat**. konnte Beitz nur mit Zwei-Drittel-Mehrheit überstimmt werden, und auch dann hatte der frühere Majordomus noch immer die Möglichkeit zu einem aufschiebenden Veto. Der Vorstand der Stiftung bestand aus ihm allein.

Zwar mußte sich Beitz anfangs mangels ausreichender Gewinne der Fried. Krupp GmbH noch mit einem jährlichen Stiftungs-Etat von zwei Millionen Mark begnügen, doch Vogelsang sanierte den vielgliedrigen Konzern und sorgte für steigende Gewinne.

Im Oktober 1967 versilberte der neue Generaldirektor Krupp-Beteiligungen an der Münchner Graphitwerk Kropfmühl AG; im Januar 1968 stellte er die verlustreiche Produktion von Lastwagen ein und verkaufte das Filialnetz an Daimler-Benz; im Oktober 1969 veräußerte er ein Krupp-Kaufhaus und ein Krupp-Hotel an das Versandhaus Quelle.

Für das Geschäftsjahr 1969 konnte Vogelsang bereits wieder einen Konzerngewinn von 63 Millionen Mark ausweisen; die Bankschulden konnte er um 400 Millionen Mark verringern. An den Stiftungs-Chef auf der Villa Hügel

* Am Sarg von Alfried Krupp 1967.

** Mitglieder des Kuratoriums sind: Bundeswissenschaftsminister Hans Leussink; Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Heinz Kuhn; Rundfunkfabrikant Max Grundig; Ludwig Raiser, Präses der EKD-Synode: Eberhard Reinhardt, Präsident der Generaldirektion der Schweizerischen Kreditanstalt: Dedo von Schenck, Legationsrat im Auswärtigen Amt und Testamentsvollstrecker Alfred Krupps: sowie Berthold Beitz.

wurden schon zwei Jahre nach dem Desaster fünf Millionen Mark überwiesen.

im Juni 1970 übernahm Beitz schließlich auch noch den Vorsitz im Aufsichtsrat der Fried. Krupp GmbH: Was immer Vogelsang an Erfolg vorzuweisen hatte -- Stiftungschef Beitz blieb nicht nur der Nutznießer, er wurde nun auch oberster Vogelsang-Kontrolleur.

Angesichts dieser Konstruktion wuchs die Rivalität-zwischen den beiden Managern, die sich einst jahrelang bewundert hatten. Schon 1954 hatte Beitz, gerade knapp zwei Jahre im Dienst von Alfried Krupp, den damals 34jährigen Vogelsang als Leiter der Kruppschen Revisions- und Organisationsabteilung angeheuert. Den Hausmeier beeindruckte die Leistungsfähigkeit und das Selbstvertrauen seines neuen Mitarbeiters. Als Beitz ihm einmal erklärte: »Sie haben hier nirgendwo Schranken, gehen Sie unbekümmert vor«, legte Vogelsang sogleich seine Füße auf den Schreibtisch seines Herrn. Vogelsang wiederum war angetan von den Kontaktkünsten des burschikos eleganten Beitz.

Bis 1960 blieb der in Krefeld geborene Diplomkaufmann bei Krupp. zuletzt als Vorstandsmitglied bei der Konzerntochter Bochumer Verein. Dann ging er als Finanzchef zu Mannesmann.

Sieben Jahre später, bei seiner Rückkehr nach Essen im Krisenjahr 67. schien Vogelsang seinen einstigen Gönner ablösen zu können. Er verkannte jedoch die starke Rolle, die Beitz als Verwalter des Krupp-Vermögens auch ohne unmittelbaren Einfluß auf das Konzern-Management spielen konnte.

Vogelsang fühlte sich zunehmend durch den Testamentsvollstrecker in der Villa Hügel frustriert. Beitz wiederum begann zu ärgern, daß der Konzern-Sanierer sich ein Erfolgsimage aufbauen konnte.

Die ohnehin nach Mentalität und Lebensgewohnheiten verschiedenen Manager begannen, sich immer häufiger öffentlich übereinander zu mokieren: Beitz hielt die schulterwattierten Anzüge des Vorstandsbosses für gewöhnlich; Vogelsang empfand die taillierte Garderobe des Stiftungs-Chefs als feminin. Beitz spöttelte über die Vertreter-Witze von Vogelsang, dieser wiederum sah in Beitzens Witz nur Bosheit.

Die wachsende Rivalität der beiden Krupp-Spitzen führte dazu, daß Bundeskanzler Brandt sowohl Beitz als auch Vogelsang zu seinem vorweihnachtlichen Industriellen-Gespräch im Kanzler-Bungalow einladen mußte. Kein anderes Unternehmen erhielt das Privileg, zwei seiner Sprecher schicken zu dürfen.

Auch sachliche Differenzen mehrten sich: Am 29. Juni vergangenen Jahres mußte erstmals eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung einberufen werden. auf der Meinungsverschiedenheiten über die geplante Beteiligung an einem Thorium-Hochtemperatur-Reaktor zu hitzigen Diskussionen führten. Beitz hielt das Projekt für technisch zukunftsträchtig; Vogelsang dagegen erschienen die finanziellen Risiken als zu groß. Nach einer dreistündigen Debatte konnte sich Vogelsang durchsetzen.

Der Streit brach schließlich im Dezember offen aus, als Beitz darauf bestand, den Stiftungs-Etat sofort auf zehn Millionen Mark anzuheben. Der Erb-Verwalter hatte schon im vergangenen Jahr angekündigt, daß er, »wenn die Entwicklung folgerichtig verläuft. eine Ausschüttung von sechs bis zehn Prozent des Grundkapitals, das heißt 30 bis 50 Millionen Mark«, erwarte.

Vogelsang verwies auf die verschlechterte Ertragslage und lehnte es ab. mehr als die schon abgezweigten fünf Millionen Mark an die Stiftung zu überweisen. Der Vorstandschef machte sogar zur Bedingung, die ihm angebotene Verlängerung seines Fünf-Jahres-Vertrages nur zu akzeptieren, wenn Beitz auf die Erhöhung des Stiftungs-Etats verzichte. Der Advents-Kampf der beiden Kruppianer endete in einem Briefwechsel, in dem sich die Manager gegenseitig das Vertrauen entzogen. Am 22. Dezember kündigte Vogelsang.

Als die Nachricht am vergangenen Dienstag durchsickerte, glaubten selbst Vorstandsmitglieder des Krupp-Konzerns noch stundenlang an eine Zeitungsente -- vier Jahre nach der existenzbedrohenden Finanzkrise erschien ihnen der Bruch mit dem erfolgreichen Konzern-Sanierer wie ein zweiter Rückwurf des Unternehmens. Selbst der Betriebsrat schickte sich an, eine Sympathie-Adresse an Vogelsang auszuarbeiten.

»Eins ist doch wohl klar«, so ein Ruhr-Banker, »dieser Fall zeigt: Mit Beitz gilt es zu leben.«

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