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WELTWIRTSCHAFT »Mit den Waffen des Markts«

Weltfinanzmärkte im Terrorschock: Trotz Zinssenkung und politischer Durchhalteparolen wächst die Gefahr einer länger anhaltenden Rezession - mit weiteren Kursstürzen und Millionen neuer Arbeitsloser.
aus DER SPIEGEL 39/2001

Es war die Woche der Appelle. Den Anfang machten die »patriotischen Investoren«, wie sie sich selbst nennen, Kleinanleger wie Chip Wood aus Michigan oder Paul Schrader, die zur besten Sendezeit gelobten, »jeden Pfennig Erspartes in Aktien zu stecken, ganz egal, was die Börse macht«.

Schnell waren auch entsprechende Statistiken zur Hand, die beweisen sollten, dass Wood und Schrader nicht alleine stehen. 99 Prozent der amerikanischen Aktienbesitzer wollten ihre Wertpapiere angesichts der Terroranschläge halten, berichtete das Marktforschungsinstitut Harris Interactive nach einer Blitzumfrage unter 4600 Investoren. »Lasst uns unsere Feinde mit den Waffen des Markts bekämpfen, ordert Aktien, bis die Leitungen glühen«, forderte der Chefredakteur des Börsendienstes CBS-Marketwatch.

Am Ende, so schien es, war das ganze Land geeint. Eine beachtliche Reihe von Investmentbanken und Großunternehmern, darunter der Chiphersteller Intel, der Getränkemulti Pepsi und der Disney-Konzern, kündigten für Milliarden von Dollar den Rückkauf eigener Papiere an. Selbst Erzspekulanten wie Warren Buffet, der bislang noch aus jeder Krise Gewinn zu schlagen verstand, schworen öffentlich, diesmal allen Verlockungen zu widerstehen und sich nicht von »einer einzigen Aktie« zu trennen.

Vier Tage lang hatten die Verantwortlichen der New Yorker Stock Exchange den Handel aussetzen müssen. Die Wiederaufnahme der Geschäfte galt als Test für die Funktionsfähigkeit des amerikanischen Finanzzentrums und die Befindlichkeit der US-Wirtschaft. Die Technik, immerhin, hat Stand gehalten.

Der Versuch hingegen, den Kapitalismus zu schützen, indem man seine Regeln zumindest vorläufig außer Kraft setzt, ist erkennbar fehl geschlagen. Bereits am Montagabend hatte der Dow Jones, Kursbarometer der großen Industrieunternehmen, über 680 Punkte verloren, so viel wie noch nie zuvor binnen eines Tages. Bis zum Wochenende zitterte sich der Dow auf den Stand vom Oktober 1998, insgesamt wurden in den USA über eine Billion Dollar an Börsenwert vernichtet.

All die Durchhalteparolen, die gedacht waren, den Anlegern Mut zu machen, verstärken mittlerweile nur das Unbehagen. Die großen und kleinen Investoren spüren, dass es im Gebälk der Weltwirtschaft beängstigend knackt, dass dem Kollaps der beiden Türme des World Trade Center ein Zusammenbruch der Aktienmärkte folgen könnte und damit eine tiefe Depression mit Millionen von Arbeitslosen.

Niemand vermag derzeit nur annähernd den volkswirtschaftlichen Schaden der Terrorattacke vom 11. September abzuschätzen. Wie es ökonomisch weitergeht, hängt stark vom militärischen Vorgehen der Amerikaner ab - und von möglichen Gegenschlägen der Terroristen.

Noch ist völlig ungewiss, ob die Auseinandersetzung nach wenigen gezielten militärischen Schlägen zu Ende sein wird. Oder ob sich die Amerikaner in einen langen zermürbenden Landkrieg verwickeln lassen, der das ohnehin komplizierte Verhältnis zu den islamisch geprägten Nationen zusätzlich belastet - mit möglicherweise verheerenden Folgen für den Ölpreis. Und welche Folgen ein weiterer Terrorakt in den USA hätte, mögen sich nicht einmal die Katastrophenpropheten ausmalen.

Vielen wird es unheimlich, und dass kaum jemand offen darüber spricht, welche Gefahren für Wohlstand und Frieden drohen, macht die Lage nur noch unübersichtlicher. Die ökonomische Analyse ist ersetzt durch politische Durchhalteparolen, an die Stelle nüchterner Kommentatoren sind die professionellen Gesundbeter getreten.

So nahm schon die Berichterstattung über die Wiedereröffnung der Wall Street surreale Züge an. Ergriffen bejubelte Harvey Pitt, der Chef der Börsenaufsicht, im Gewühl des Handelssaals »diesen großen Moment für den amerikanischen Kapitalismus«. Dass die Kurse gerade in den Sturzflug gingen, konnten die Zuschauer derweil unkommentiert auf einer leuchtend-rot blinkenden Zahlenleiste am rechten Bildschirmrand verfolgen.

Auch die Broker, die nach einer Stunde erschöpft zu einer ersten Zigarettenpause zum Hinterausgang Ecke New Street strebten, genossen sichtlich ihre Rolle als Feuerwehrleute des Weltkapitalismus, angetreten zur größten Rettungsaktion der Börsengeschichte. Ob sie sich denn nicht unbehaglich fühlten, so dicht am Ort der Katastrophe, wollte einer der Umstehenden wissen. »Es ist verdammt noch mal meine Pflicht, hier zu sein« antwortete der Händler von Lehman Brothers, als lese er von einer unsichtbaren Drehbuchseite ab.

Dass die amerikanische Wirtschaft nicht erst seit dem Anschlag auf das World Trade Center aus dem Tritt geraten ist, wissen die Experten nur zu genau. Von Monat zu Monat verlangsamt sich das Wachstum, im zweiten Quartal dieses Jahres legte die US-Konjunktur nach Angaben des Handelsministeriums um gerade mal 0,17 Prozent zu. »Ob wir das Wort Rezession benutzen oder nicht, ist nur noch eine Frage der Semantik«, befand Nobelpreisträger Milton Friedmann bereits Ende August.

Hinzu kommt, dass sich auch die beiden anderen großen Wirtschaftsräume, Asien und Europa, im Abschwung befinden, bei einem Ausfall des Wirtschaftsmotors USA also nicht dessen Rolle übernehmen könnten. »Während der letzten zwölf Monate erfahren die Industriestaaten zum ersten Mal seit Anfang der achtziger Jahre einen weitgehend synchronen Wachstumsrückgang«, notierten die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds in ihrem neuesten Wirtschaftsbericht.

Doch weil keiner derzeit zu den Krisenbeschwörern zählen will, schwächen selbst ausgewiesene Pessimisten ihre düsteren Wirtschaftsprognosen ab und sprechen statt von Rezession lieber von einer »Anämie«, was das vornehme Wort für Blutarmut ist. »Ich glaube, wir haben Grund zur Annahme, dass die Wirtschaft mit ein wenig Verspätung zu alter Stärke zurückfindet«, meinte Christine Callies, Chefanalystin der Investmentbank Merrill Lynch, am Dienstag, kurz bevor der Dow erneut alle Auffanglinien durchschlug.

Ihr Kollege Joe McAlinden von Morgan Stanley nennt den Anschlag auf das World Trade Center sogar einen Wendepunkt zum Guten. »Dieses Ereignis wird das Ende des Bärenmarkts markieren«, verkündete McAlinden, der ein Büro im 66. Stock des Südturms hatte und es nach der ersten Explosion noch rechtzeitig auf die Straße schaffte.

Die Liquidität im Markt sei nach der Entscheidung der Zentralbank, die Zinsen pünktlich zum Börsenstart zu senken, so gut wie seit langem nicht mehr, der Markt, »technisch gesehen«, überkauft - eine Aufholjagd, mit anderen Worten also nur eine Frage der Zeit, so der Experte.

Auch die Europäer machen unverdrossen in Zuversicht. »Der Weltwirtschaft droht keine Rezession, Deutschland zumal nicht«, erklärte Bundeskanzler Gerhard Schröder Mitte vergangener Woche auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt.

»Die fundamentale Stärke der US-Wirtschaft ist durch die Anschläge nicht beeinträchtigt worden«, heißt es in einer Stellungnahme der Beamten aus Finanz- und Wirtschaftsministerium für den Wirtschaftsausschuss des Bundestags. Es gebe »keine belastbaren Anzeichen«, dass das Konsumverhalten der Amerikaner unter den Anschlägen gelitten habe.

Mit Optimismus allein wird es freilich nicht getan sein. Immer deutlicher wird, wie stark die US-Wirtschaft von den Anschlägen getroffen ist:

* Über 50 amerikanische Großunternehmen sahen sich in der vergangenen Woche zu ersten Gewinnwarnungen gezwungen, darunter auch Vorzeigeunternehmen wie General Electric, der nach Börsenwert größten Firma der Welt, oder Autobauer wie Ford.

* Die Einnahmeausfälle allein der Fluggesellschaften belaufen sich auf bis zu 300 Millionen Dollar täglich. Gerade hat US-Präsident George Bush ein acht Milliarden Dollar schweres Notprogramm zugesagt, um wenigstens die großen Airlines vorm Konkurs zu retten (siehe Seite 120).

* Die amerikanischen Fernsehsender kostete der Verzicht auf Werbeeinblendungen in den Tagen nach der Katastrophe 320 Millionen Mark, das sind fast ein Prozent des durchschnittlichen Werbejahresetats (siehe Seite 134).

* Und auch die Unterhaltungsindustrie, allen voran die Filmwirtschaft in Hollywood, rechnet mit hohen Verlusten. Der Kinostart vieler aufwendiger Actionproduktionen musste auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

Auch Deutschland bleibt von dem, was Ökonomen »Slowdown« nennen, nicht verschont: Die Konjunkturforscher im Finanzministerium bereiten gerade eine neue Wachstumsprognose vor, wonach die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr allenfalls um ein Prozent zulegen wird - das ist nur noch halb so viel wie in der letzten offiziellen Schätzung vorausgesagt wurde.

Dass die USA keineswegs so schnell zur Normalität zurückgekehrt sind, wie von vielen Wirtschaftsexperten zunächst erhofft, beweist schon der bloße Augenschein. Die Spielermetropole Las Vegas glich vergangene Woche einer Geisterstadt, in der nur die quäkenden Automaten Laut gaben. Viele New Yorker Hotels, um diese Zeit sonst nahezu ausgebucht, haben gerade mal ein Viertel ihrer Zimmer vermietet.

Wie lange die Talfahrt in den Vereinigten Staaten anhält, wie stark sie auf die mit 4,9 Prozent noch immer vergleichsweise niedrige Arbeitslosenstatistik durchschlägt und welche Folgen der Abschwung für die Weltökonomie hat, hängt jetzt von den amerikanischen Verbrauchern ab. Sie sorgen mit ihrem Kaufverhalten nicht nur für zwei Drittel des Wachstums in den USA, sondern schubsen auch die Konjunktur in Europa und Asien an.

Ihre Stimmung beeinflusst so ziemlich alles, von den Aktienmärkten und Investitionsentscheidungen der Unternehmen bis hin zur Zinspolitik von Alan Greenspan. Kein Wunder, dass Dutzende von Forschungsinstituten und Regierungsbehörden den US-Konsumenten beinah wöchentlich den Puls fühlen. Wie sehr sorgen Sie sich um den eigenen Arbeitsplatz? Wie schätzen Sie die allgemeinen Wirtschaftsaussichten ein? Wie viel Geld legen Sie beiseite, um für schlechte Zeiten gewappnet zu sein?

Die neuesten Statistiken verheißen auch hier nichts Gutes. Galt der durchschnittliche US-Konsument bislang als ein Wesen von erstaunlich robuster Natur, der sich von düsteren Wirtschaftsnachrichten in seiner Kauflust kaum bremsen ließ, so hat sich sein Befinden im August weiter deutlich verschlechtert, das Zukunftsvertrauen ist noch einmal spürbar gesunken.

Wie ernst die US-Regierung die Gefahr des »Angstsparens« nimmt, wie Ökonomen die erste Reaktion von Menschen in Krisenzeiten nennen, zeigen die Überlegungen, vor allem Normal- und Geringverdiener über weitere Steuererleichterungen zu entlasten.

Große Hoffnung setzen die Wirtschaftsexperten des Landes auch in den 40 Milliarden Dollar schweren »Emergency Fund«, den der US-Kongress in der vergangenen Woche ohne große Debatten genehmigte. Rund zehn Milliarden Dollar sollen allein an Aufbauhilfe nach New York und Washington fließen.

Begleitet werden diese Maßnahmen natürlich von einer neuen Offensive des Optimismus - nicht nur in den Vereinigten Staaten von Amerika. »Wir lassen uns nicht unterkriegen, schon gar nicht von blindwütigen Terroristen«, sagte Kanzler Gerhard Schröder vergangene Woche auf der IAA. Es gebe keinen Grund für Kaufzurückhaltung.

Auf einen guten Umsatz hoffen auch die Wirte auf dem Münchner Oktoberfest; lange wurde über eine Absage des größten Volksfestes der Welt diskutiert. Nun fließt das Bier auf der Wiesn - nur auf das traditionelle Feuerwerk wurde verzichtet.

Bei kleinen Korrekturen beließ es auch der Computerhändler »PC Spezialist«, der für Ende Oktober zu seinem Jahresfest geladen hat. Gefeiert wird, teilt die Firma mit, nur das Motto wird noch geändert. Das hieß bisher »Manhattan live in Germany«.

JAN FLEISCHHAUER, CHRISTIAN REIERMANN

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