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Erdgas Mit Gold gefüllt

Im Kampf um das ostdeutsche Gas-Geschäft hat die Ruhrgas einen mächtigen Verbündeten: das Bundeswirtschaftsministerium.
aus DER SPIEGEL 51/1990

Klaus Liesen gab sich als launiger Gastgeber. Auf Schloß Hugenpoet bei Essen begrüßte der Ruhrgas-Chef rund 50 Spitzenmanager. Ganz besonders aber widmete er sich dem Ehrengast des Abends.

Mit »Empfang und Abendessen«, so die Einladung, würdigte die Ruhrgas einen hohen Beamten aus Bonn. Liesen pries die fachliche Kompetenz und die persönliche Autorität von Ulrich Engelmann, dem vor kurzem pensionierten Abteilungsleiter für Energiepolitik im Bundeswirtschaftsministerium.

An die Gäste und eine Reihe anderer Prominenter aus Politik und Wirtschaft ließ die Ruhrgas ein Buch mit Beiträgen Engelmanns zur Energiepolitik verteilen. Das Druckwerk hatten der Gas-Konzern und einige befreundete Energie-Unternehmen mitfinanziert.

Liesen, 59, weiß, wie gute Kontakte zu Bonner Ministerialbeamten zu pflegen sind. Noch aus seiner Zeit als Regierungsrat im Bundeswirtschaftsministerium hat er sich Freundschaften erhalten, bis hinauf zu Staatssekretär Dieter von Würzen.

Der Wirtschafts-Staatssekretär hat nun einen Plan für die Zuteilung von Pfründen im ostdeutschen Gas-Geschäft ausarbeiten lassen, über den sich Liesen kaum beklagen wird. Der Essener Gas-Konzern (Marktanteil im Westen rund 70 Prozent) kann sich, geht es nach Würzens Willen, in den fünf neuen Bundesländern die stärkste Position sichern.

Die einzige Ferngas-Gesellschaft auf dem Gebiet der früheren DDR ist die Verbundnetz Gas (VNG). Der in Böhlitz-Ehrenberg bei Leipzig beheimatete Monopolist besitzt sämtliche Ferngasleitungen. Wer die VNG beherrscht, kann das gesamte Ferngas-Geschäft im östlichen Deutschland steuern.

Das hatte als erster West-Manager Ruhrgas-Stratege Liesen erkannt. Schon im Juni vereinbarte er mit der damaligen DDR-Regierung eine Beteiligung an der VNG in Höhe von 35 Prozent. Die mit der Ruhrgas verbündete hannoversche BEB, eine Tochter der Ölriesen Shell und Esso, sicherte sich gleichzeitig 10 Prozent. Im August wurden die Kaufverträge mit der Treuhandanstalt, der Holding aller ehemaligen volkseigenen Betriebe, unterschrieben.

Weitere 30 Prozent der VNG wollte Ruhrgas den Ost-Kommunen zukommen lassen. Die Stadtväter, so die Begründung, würden sich dann stärker für die Versorgung ihrer Bevölkerung mit dem relativ umweltfreundlichen Erdgas einsetzen.

Tatsächlich aber ging es den Essenern vor allem darum, willfährige Mit-Aktionäre zu gewinnen. Ruhrgas lockte die finanzklammen Gemeinden mit dem Angebot, die Mittel für den Erwerb der VNG-Anteile und für spätere Kapitalerhöhungen vorzustrecken. Die dankbaren Kommunal-Vertreter hätten dann im VNG-Aufsichtsrat kaum jemals gegen die Interessen ihres Gönners gestimmt.

Doch dann kam der Ruhrgas unversehens ein Konkurrent in die Quere: das Energie-Unternehmen Wintershall aus Kassel, eine Tochter des Chemie-Giganten BASF. Wintershall-Chef Heinz Wüstefeld möchte, zum Ärger der Ruhrgas, das Gas-Geschäft seines Unternehmens in West und Ost ausbauen. Er forderte deshalb zunächst einen Anteil von mindestens 25 Prozent an der VNG.

Das hätte Liesen wohl noch wenig beeindruckt. Aber Wintershall gewann wichtige Verbündete: die Russen. Die sind alleinige Lieferanten von Import-Erdgas für die frühere DDR und wollen ihr Gas von Anfang Januar an über eine Gemeinschaftsfirma in Berlin, das Wintershall Erdgas Handelshaus, vertreiben.

»Ein beachtlicher Coup«, staunte Ruhrgas-Vorständler Friedrich Späth. Denn nun hatte Wintershall-Chef Wüstefeld einen Grund mehr, einen maßgeblichen Anteil an der VNG zu fordern. Selbstbewußt beanspruchte er für seine Firma und deren russischen Partner Gasprom eine ebenso hohe Beteiligung, wie sie vor Monaten schon Ruhrgas und BEB erhalten hatten.

Hätte es keine weiteren Interessenten gegeben, hätte sich das Bundeswirtschaftsministerium den Wünschen Wintershalls kaum widersetzen können. Es wäre politisch allzu peinlich, würden sich die Bonner im Gerangel zweier rivalisierender Machtgruppen offen auf eine Seite schlagen.

Doch den Ruhrgas-Freunden im Wirtschaftsministerium kommt zupaß, daß sich neben Wintershall und den Russen so viele weitere Bewerber für die noch verfügbaren 55 Prozent der VNG gemeldet haben, als seien die zumeist veralteten Gasleitungen des einstigen Kombinats mit Gold gefüllt.

Energiekonzerne wie British Gas, die norwegische Statoil und die französischen Unternehmen Elf sowie Gaz de France möchten sich einen Teil des Geschäfts sichern. Der einzige Gas-Produzent der ehemaligen DDR, die Erdöl-Erdgas Gommern, will ebenfalls beteiligt sein.

Die Interessenten lassen sich von dem hohen Kapitalbedarf nicht schrecken, der für die möglichst rasche Umstellung von Stadt- auf Erdgas und für den Anschluß neuer Gas-Kunden nötig ist. Alle hoffen, daß VNG in einigen Jahren so blendend verdienen wird, wie dies Marktführer Ruhrgas im Westen schafft.

Nach dem Plan des Bundeswirtschaftsministeriums sollen fast alle Bewerber berücksichtigt werden. Für British Gas, Elf, Statoil und Wintershall-Partner Gasprom sind je 5 Prozent vorgesehen. Der Inlandslieferant Gommern, dessen Gas-Reserven schon fast erschöpft sind, soll ebenfalls mit 5 Prozent dabeisein.

Mit einem VNG-Anteil von 15 Prozent minus eine Aktie sollen die Kommunen bedacht werden. Für Ruhrgas-Kontrahent Wintershall bleiben dann nur 15 Prozent plus eine Aktie.

Wird dieser Plan realisiert, ist der Aktionärskreis bei VNG so zersplittert, daß Ruhrgas dort das Sagen hat. Mit zusammen 20 Prozent erhalten die Partner Wintershall und Gasprom dann nicht einmal die Hälfte der geforderten VNG-Aktien.

Ein verschärfter Streit zwischen Ruhrgas/VNG und Wintershall/Gasprom scheint dann unvermeidlich. Das deutsch-russische Gas-Gespann will der VNG nämlich längerfristig nur dann die von ihr verlangten Gas-Mengen aus der Sowjetunion zukommen lassen, wenn es bei der Zuteilung von VNG-Anteilen wunschgemäß berücksichtigt wird.

Wintershall droht, andernfalls einen möglichst großen Teil des Russen-Gases bei Großverbrauchern in Ostdeutschland direkt abzusetzen. Ohne die Leitungen der VNG allerdings ist der Zwischentransport des Gases von der Grenze zu den Kunden nicht möglich.

So steht im Kampf um den ostdeutschen Gas-Markt ein Patt bevor: Wintershall und Gasprom haben jede Menge Gas, aber keine Pipelines in den neuen Bundesländern. VNG wiederum kann zur Zeit nur Gas aus der Sowjetunion importieren. Für den Bezug aus anderen Ländern gibt es noch keine Leitungen.

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