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SCHWEIZ Mit komischen Namen

Bei dem Versuch, eine Schweizer Konservenfirma zu übernehmen, hielt sich der Kaffeemulti Jacobs nicht an die Etikette. Die Eidgenossen sind irritiert. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Vor fast 13 Jahren zog der Kaffeefabrikant Klaus J. Jacobs ("Jacobs Kaffee") von Bremen in die steuerfreundliche Schweiz um. Damals hatte sich der wohlhabende Immigrant vor allem eins vorgenommen: Er wollte ein guter Eidgenosse werden.

Das blieb den Schweizern nicht verborgen, Jacobs spendete ansehnliche Geldbeträge, unter anderem für das Züricher Opernhaus und die Pfadfinder; er startete als Dressurreiter in der Schweizer Nationalmannschaft, und er lernte sogar, leidlich Schwyzerdütsch zu sprechen. Klaus Jacobs war, soweit das einem Deutschen in der Schweiz je gelingen kann, anerkannt.

Doch seit einiger Zeit sind die Schweizer gar nicht mehr gut auf den deutschstämmigen Firmenchef zu sprechen. Jacobs will unbedingt die Schweizer Firma Hero in sein Firmenimperium eingliedern, gegen den Willen von Management und Aufsichtsrat von Hero.

Das sei, behaupten nicht wenige Eidgenossen, »absolut unschweizerisch«. Manche, etwa der Züricher Bankier Hans J. Graf, reden von »Wildwestmanier«. Jacobs versucht, den schwerwiegenden Vorwurf zu entkräften: Er habe nur »kommerziell und strategisch sinnvoll« gehandelt. »Vielleicht«, räumte er ein, »entspricht mein mutiges Handeln nicht unbedingt der Etikette.«

Das tut es nach Schweizer Maßstäben in der Tat nicht. Seine Aktion legte bei vielen uralte Germanenängste offen. Nun hat die Vergangenheit den »Kaffee-Napoleon« eingeholt. Schon bezeichneten Schweizer Zeitungen die in Zürich ansässige Jacobs Suchard AG wieder als »deutschen Kaffeemulti«.

Das ganze Mitgefühl der Schweizer gilt der in Lenzburg (Kanton Aargau) ansässigen, nicht eben hochrentierlichen Konservenfabrik Hero. Die hundert Jahre alte Firma war der letzte Brocken auf der vorjährigen Einkaufsliste von Klaus Jacobs - neben zwei Banken hat er 1986 die Schokoladenfirma van Houten sowie den amerikanischen Süßwarenriesen Brach geschluckt.

Da hätte die Hero AG, die neben Gemüsekonserven und Dosensuppen auch Konfitüre und Fruchtsaft produziert, gut gepaßt in das neue Jacobs-Konzept, alles rund um das Frühstück zu liefern. Aber die Gespräche mit den Hero-Managern scheiterten; sie wollten ihre Selbständigkeit nicht aufgeben.

Doch dann, so schildert es Jacobs, kam ihm ein »Glücksfall« zu Hilfe. Als

er Anfang Januar gerade wieder einmal seine Farm in Argentinien inspizierte, um die Schafe zu begutachten, habe er einen Anruf des Anwalts Thomas Bär erhalten. Bär, Mitglied des Verwaltungsrats von Jacobs Suchard, hatte bei der Warburg Bank in Zürich ein größeres Paket von Hero-Aktien »lokalisiert« und drängte auf schnelles Handeln. Jacobs: »Wir mußten innerhalb von vier Stunden entscheiden.«

Jacobs zögerte nicht, und so wechselten am 8. Januar 1987 insgesamt 50000 Hero-Aktien im Gesamtwert von rund 100 Millionen Franken den Besitzer. Mit einem Schlag besaß der Kaffee-König rund 31 Prozent der Hero-Aktien. Er war nun mit weitem Abstand der größte Anteilseigner der Konservenfirma, die mit rund 2000 Beschäftigten und Tochterfirmen in Holland. Italien und Spanien insgesamt fast eine halbe Milliarde Mark umsetzt.

Jetzt ging der Ärger los. Hero-Chef Rudolf Stump lehnte es kategorisch ab, mit dem neuen Großaktionär zu reden: »Wir führen doch keine Verhandlungen mit einem Angreifer, der das Land schon zu einem Drittel besetzt hat.« Er weigerte sich. Jacobs überhaupt als Großaktionär anzuerkennen. Nach den Firmenstatuten sei es gar nicht möglich, daß ein Anleger mehr als zehn Prozent der Stimmen übernehmen könne. Die Papiere, beschied Stump den Aufkäufer, seien »rechtliche Nonvaleurs«.

Zudem habe Jacobs das Paket auf höchst zweifelhafte Art erworben. »Schweizer mit komischen Namen« (Stump) hätten die Aktien in den letzten sechs Monaten zusammengekauft. Manche dieser »Strohmänner«, so ergaben Nachforschungen, hätten Aktien im Wert von drei Millionen Franken gekauft, obwohl sie nur ein Jahreseinkommen von 30000 Franken versteuerten.

Zunächst ließ sich Jacobs von der Abwehrfront, in die sich sogar die Regierung des Kantons Aargau einreihte, nicht beeindrucken. »Wir werden weiterkaufen, und wir werden in Zukunft für Hero-Aktien noch mehr zahlen«, verkündete der umtriebige Fabrikant.

Inzwischen jedoch hat der forsche Wahlschweizer seine Gangart gezügelt. Nicht zuletzt auf Druck der Schweizer Großbanken sucht er nun zu einer »Verständigungslösung« zu gelangen.

Um nicht noch mehr Groll auf sich zu ziehen, verzichtete Jacobs vorerst darauf, den Aktionären ein Übernahmeangebot zu unterbreiten oder weitere Aktien an der Börse einzusammeln. Ohnehin lag der Kurs des Hero-Papiers Ende der Woche mit 4500 Franken fast 50 Prozent über dem Preis vom August, als die Spekulationswelle begann.

Wie der Übernahmekampf in den nächsten Wochen ausgeht, ist noch höchst ungewiß. Jetzt sind erst mal die Juristen auf beiden Seiten am Werk und wälzen eifrig die Gesetzeskommentare: Darf eine Firma einem Aufkäufer die Eintragung seiner Aktien in die Namensrolle verweigern? Wer, so fragen die Aktienrechtler, hat das Stimmrecht, wenn Jacobs über ein Drittel der Aktien verfügt, aber nicht offiziell als Besitzer eingetragen ist?

Wir betreten da Neuland«, meint ein Züricher Aktienexperte. Denn »unfriendly takeovers«, unerwünschte Aufkäufe, wie sie in den USA an der Tagesordnung sind, gehörten bislang nicht zum Schweizer Stil. Doch ganz so neu ist die Methode auch in der betulichen Schweiz nicht. 1977 wurde die renommierte Schuhfabrik Bally mit recht obskuren Methoden von einem Schweizer Finanzjongleur aufgekauft.

Auch Hero hat bereits eine Abwehrschlacht gegen mißliebige Aufkäufer erfolgreich hinter sich gebracht. Vor zwei Jahren sicherte sich eine anonyme Anlegergruppe etwa ein Viertel der Hero-Aktien. Nur die Einigkeit der Schweizer Kleinaktionäre, die massenweise zur entscheidenden Generalversammlung geströmt waren, verhinderte die Machtübernahme. Die Versammlung beschloß, daß die Aktien nur namentlich erworben werden können und daß ein Anteilseigner höchstens über 400 Stimmen verfügen darf.

Damals schon wurde gemunkelt, Jacobs habe sich das Hero-Paket in sein Depot geschafft. Die Rede war allerdings auch von einer arabischen El-Futteh-Gruppe und von einem Scheich Mohammed Alireza aus Dschidda. Doch weder ein Araber noch ein anderer Aufkäufer gab sich je zu erkennen.

Just dieses angebliche »Araber-Päckli«, behauptet Klaus Jacobs, habe er nun übernommen, um den »schweizerischen Charakter« von Hero zu sichern. »Ohne unseren Mut«, hält er den aufgebrachten Eidgenossen entgegen, »wäre das Paket für immer weg gewesen.«

Die Schweizer, so scheint es, müßten ihrem Neubürger dankbar sein.

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