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WIRTSCHAFT Mit Milliarden nach Sibirien

Von Jahr zu Jahr liefen die Geschäfte mit den Sowjets schlechter, jetzt kommt wieder Bewegung in den Osthandel. Mit 3,5 Milliarden geliehenen Westmark wollen die Sowjetmanager auf Einkaufstour gehen. Doch trotz mancher Versprechungen - ob sie schließlich in der Bundesrepublik bestellen, ist bislang ungewiß. *
aus DER SPIEGEL 20/1988

Zum Sektfrühstück mit Häppchen hatte der Vorstand der Deutschen Bank am Dienstag vergangener Woche in den großen Saal seiner Filiale an der Düsseldorfer Königsallee geladen. Es ging um eher Nebensächliches, um die Vorstellung eines Buches über deutsch-sowjetische Wirtschaftsbeziehungen.

Doch die Manager-Prominenz war reihenweise angetreten. Mannesmann-Chef Werner Dieter, Krupp-Vorsitzender Wilhelm Scheider, Klöckner-Gesellschafter Jörg Henle wie auch Karstadt-Vorstand Bernd Hebbering hörten diszipliniert, aber lustlos zu, als Bank-Sprecher Alfred Herrhausen Löbliches über seinen ausscheidenden Kollegen Friedrich Wilhelm Christians sprach.

Der bisherige Ko-Sprecher, so Herrhausen, habe große Verdienste als Wegbereiter für den Osthandel erworben. Die seien so gewaltig, daß Schostakowitsch ihm eigentlich eine Symphonie, Solschenizyn einen Roman und Sacharow eine wissenschaftliche Entdeckung widmen müßten.

Nach einer Stunde bestiegen die hochrangigen Gäste ziemlich enttäuscht ihre Daimler. Sie hatten nur wenig über jenes Thema erfahren, das die meisten nach Düsseldorf getrieben hatte: über den dreieinhalb Milliarden Mark schweren Einkaufskredit, den Christians gerade mit den Sowjets ausgehandelt hatte.

Es sei einstweilen nur eine »Absichtserklärung«, eine »Art Geschäftsbesorgungsvertrag« mit der sowjetischen Außenwirtschaftsbank unterschrieben worden, wimmelte Christians die Fragesteller ab.

Denen erging es nicht viel besser als dem Wirtschaftsminister. Martin Bangemann flog am Mittwoch vergangener Woche zu Gesprächen nach Moskau. Vorher hatte er den Vorstand der Deutschen Bank um einen Vermerk über die geplante Transaktion gebeten. Die Herren bedauerten. Über den Vorgang gebe es selbst für den eigenen Vorstand noch kein ausformuliertes Papier.

Bangemann ärgerte sich mächtig und schimpfte vor Vertrauten über die Großbanker. Für das verheißene Supergeschäft allerdings fand der Wirtschaftsminister nur lobende Worte: »Entscheidende Schritte.«

So sehen es auch die Sowjets. Von »großangelegten Maßnahmen« schwärmte der stellvertretende sowjetische Ministerpräsident Alexej Antonow. Der Moskauer Sonderbotschafter und Deutschland-Experte Wladimir Lomejko stilisierte die Geschäftsannonce zum »konkreten Beweis unseres sowjetischen Interesses« an engeren Kontakten zu Bonn. Er prophezeit: »Das ist nur ein Anfang.«

Bislang zeichnet sich so viel für diesen Anfang ab: Mit den Milliarden westlicher Kreditinstitute, von der Deutschen Bank eingesammelt, will die Sowjet-Union bei rund 200 bundesdeutschen Firmen Produkte und Maschinen zur Modernisierung ihrer Konsumgüter-und Nahrungsmittelindustrie kaufen. Besonders kleine und mittlere Lieferanten kämen zum Zuge. Das Geschäft, lobte sich Christians, sei »fast ein Mittelstandsprogramm«.

Die Deutsche Bank leistet außerdem intensiv »Moderatorenhilfe« (Christians), _(Industrieausstellung des Landes ) _(Nordrhein-Westfalen 1986. )

um die heimische Industrie bei zwei geplanten sowjetischen Mammutprojekten unterzubringen: Auf der Halbinsel Kola und im westsibirischen Tjumen sollen für zweistellige Milliardenbeträge Rohstofflager erschlossen und ausgebeutet werden. Großaufträge seien von der Sowjetregierung, so der Deutsch-Banker, »in Aussicht gestellt«.

Eine »Trendwende in den deutschsowjetischen Wirtschaftsbeziehungen«, wie das »Handelsblatt« jubelte? Frischer Wind im Ostgeschäft durch Michail Gorbatschows Perestroika?

Die bessere Versorgung mit Lebensmitteln und Konsumgütern, das hat der Generalsekretär der KPdSU in den vergangenen Monaten immer wieder gesagt, sei »eines der dringlichsten Probleme«. Gorbatschow forderte einen »resoluten Durchbruch« zur Beseitigung der »technischen Rückständigkeit«. Das sei allerdings »ohne ausländische Unterstützung«, ergänzt Ministerpräsident Nikolai Ryschkow seinen Parteichef, »nicht möglich«.

Den Wink bezogen die Deutschen gern auf sich. Schließlich, so Helmut Giesecke, Ostexperte beim Bonner Industrie- und Handelstag, hätten hiesige Firmen »die längste Tradition im Sowjetgeschäft«. Sie besäßen »mehr Kenntnisse als die Konkurrenten aus jedem anderen Industrieland über die ökonomische, technische und personelle Situation« im kommunistischen Mutterland.

In den letzten Jahren allerdings hat diese Tradition die Sowjets wenig beeindruckt. Die bundesdeutschen Verkäufe im Sowjetreich waren in den Siebzigern und Anfang der Achtziger fast ständig gestiegen; doch seit 1984 geht es bergab (siehe Graphik).

Das hat einiges mit der Kaufkraft der Sowjets zu tun. Moskau verdient seine Westdevisen vornehmlich mit Gas und Öl. Der weltweite Preisverfall bei diesen Energie-Rohstoffen ließ die Einnahmen stark schrumpfen.

Wie seine Vorgänger reagierte auch Gorbatschow auf die knapperen Exportverdienste mit einer Einschränkung der Westimporte. Hauptbetroffener war die Bundesrepublik. Die einst in Zeitungen und auf Vortragspodien bunt ausgemalten Träume von immer neuen Milliardengeschäften, etwa bei der Erschließung des weiten Sibirien, verkümmerten zu dumpfen Erinnerungen in den Köpfen frustrierter Osthändler.

Bewegung gab es allein beim Ausbau gemeinsamer Produktionsstätten (Jointventures). Seit Anfang 1987 wirbt Moskau dafür, die Westfirmen sollten mit sowjetischen Partnern gemeinsame Sache machen. Ein neues Gesetz verspricht Gewinntransfer und steuerfreie Aufbaujahre für die Ausländer.

Bis heute sind 27 Verträge mit ausländischen Firmen abgeschlossen, acht davon mit Unternehmen aus der Bundesrepublik: Das Schwarzwälder Unternehmen Heinemann zum Beispiel baut mit einem Sowjetpartner in Moskau Werkzeugmaschinen (SPIEGEL 33/1987), Liebherr fertigt Kräne in Odessa, Salamander hat sich mit der Schuhfabrik »Proletarischer Sieg« in Leningrad zusammengetan. Den negativen Trend im Ostgeschäft konnten diese Gemeinsamkeiten allerdings nicht umkehren.

Zu alledem waren die Deutschen nicht einmal dann sicher mit von der Partie, wenn die knausrig gewordenen Sowjetplaner gelegentlich noch größere Aufträge vergaben. Zwei Jahre lang mühten sich Anlagenbauer wie Krupp und Lurgi, bei einem sechs Milliarden US-Dollar teuren Projekt zum Zuge zu kommen. Vergeblich, im März gingen die Aufträge zum Bau eines gewaltigen Chemiekonzerns in der Nähe des Kaspischen Meeres an ein italienisch-japanisches Konsortium und an einen US-Konzern.

Die Westdeutschen gingen leer aus, obwohl die Deutsche Bank zu großzügiger Finanzierung bereit war. Er habe daraufhin dem sowjetischen Ministerpräsidenten Ryschkow, so Ostfinancier Christians, seine »frische Enttäuschung zum Ausdruck gegeben«.

Überraschend hat Ryschkow dem Geldmanager dann vor einigen Wochen berichtet, seine Regierung plane, die gesamte Lebensmittelindustrie einschließlich des Verpackungs- und Transportbereichs technisch umzurüsten. Ryschkow zu dem Deutsche-Bank-Chef: »Herr Christians, können Sie mir eine Milliarde Rubel beschaffen und die Lieferfirmen stellen?« Darauf der Deutsche: »Herr Ryschkow, ja, wir können beides.«

Der Deal über 3,5 Milliarden Markden Gegenwert für eine Milliarde Rubel - war perfekt, aber nicht klar. Das ist er bis heute nicht. Achteinhalb Jahre Laufzeit soll der Kredit haben, sagt die Bank, aber über die Zinssätze und die übrigen Konditionen müsse erst noch verhandelt werden.

Bei welchen Firmen die Russen kaufen wollen, ist noch offen. Es ist nicht mal sicher, daß es deutsche Unternehmen sein werden.

Super-Verträge haben die Sowjets nicht nur den Deutschen in Aussicht gestellt. Vor 500 amerikanischen Geschäftsleuten schwärmte der US-Experte der Moskauer Akademie der Wissenschaften, Georgij Arbatow, das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern könne rasch auf das Sieben- bis Zehnfache gesteigert werden.

Der Ford Motor Company bot die Moskauer Führung Ende April an, beim Aufbau der UdSSR-Autoindustrie mitzuhelfen. Außerdem sei man am Direktbezug von Automobilen, vorzugsweise des in Europa gefertigten Scorpio, interessiert. Bei anderen US-Firmen erkundigte sich Moskau nach Personal Computern und Agrartechnik. Alles blieb jedoch einstweilen genauso vage wie das Angebot an die Westdeutschen.

Mit ihren Milliarden-Anfragen, so meinen erfahrene Osthändler, seien die Staatsmanager zunächst nur auf Reklame-Tour. Sie weckten das Interesse westlicher Firmen. Deren Angebote würden sodann technisch abgeglichen. Wer zum niedrigsten Devisen-Preis liefert, erhält den Zuschlag.

Ein deutsches Unternehmen hat freilich schon durch die bloße Ankündigung des neuen großen Ostprojekts profitiert: die Deutsche Bank. Auf der Hauptversammlung am vergangenen Mittwoch interessierten sich die Aktionäre nicht mehr so sehr für die Verluste der Geldprofis beim Börsencrash im vorigen Herbst. Hauptgesprächsthema war der Super-Kredit für die Sowjets.

Wie praktisch, daß der scheidende Vorstandssprecher Christians, zuständig für die Börsen wie fürs Ostgeschäft, vier Tage vor dem Bank-Eigentümer-Treffen ein so schönes Zukunftsthema anbieten konnte.

[Grafiktext]

VOM BERG INS TAL Der Außenhandel der Bundesrepublik mit der Sowjet-Union in Milliarden Mark Einfuhr aus der UdSSR Ausfuhr in die UdSSR Ausfuhr 1987 Chemiewaren Eisen/Stahl Maschinen Einfuhr 1987 Gas/Öl/Ölprodukte Quelle: Statistisches Bundesamt

[GrafiktextEnde]

Industrieausstellung des Landes Nordrhein-Westfalen 1986.

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