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»Mit mir jedenfalls nicht«

aus DER SPIEGEL 3/1977

SPIEGEL: Herr Kluncker, was halten Sie von dem Vorschlag des DGB-Chefs Heinz Oskar Vetter, zum Abbau der Arbeitslosigkeit die Arbeitszeit ohne vollen Lohnausgleich zu verkürzen?

KLUNCKER: Ich habe von meinen Mitgliedern nicht den Auftrag, mich für eine Senkung des Reallohnes einzusetzen. Außerdem bin ich keineswegs sicher, ob durch eine Arbeitszeitverkürzung überhaupt die Arbeitslosigkeit wirksam bekämpft werden kann. Die strukturelle Arbeitslosigkeit ist nach meinem derzeitigen Erkenntnisstand durch Arbeitszeitverkürzung nicht zu verringern.

SPIEGEL: Warum nicht?

KLUNCKER: Man kann, etwa durch kürzere Arbeitszeit bei Bosch in Stuttgart, wohl kaum Arbeitsplätze im Zonenrandgebiet schaffen. Und wenn man die Arbeitszeit eines Facharbeiters oder einer Krankenschwester verkürzt, dann hilft das dem arbeitslosen älteren Büroangestellten so wenig wie dem Jugendlichen, der auf einen Ausbildungsplatz wartet.

SPIEGEL: Gilt dieses negative Urteil auch auf lange Sicht? Könnte eine Arbeitszeitverkürzung langfristig nicht doch zu mehr Arbeitsplätzen führen?

KLUNCKER: Das bleibt zu untersuchen. Gegenwärtig kommt es doch wohl in erster Linie auf kurzfristige, allenfalls auf mittelfristige Wirkungen an. Denn auf lange Sicht sind wir alle tot, wie der englische Nationalökonom Keynes einmal gesagt hat. So lange können die Arbeitslosen nicht warten. Ihnen muß wirksam und schnell geholfen werden.

SPIEGEL: Hat Ihr Kollege Vetter seinen Vorschlag mit Ihnen und den anderen DGB-Vorstandsmitgliedern abgestimmt?

KLUNCKER: Mit mir jedenfalls nicht, mit unserer Gewerkschaft nicht. Ich weiß nicht, ob er die anderen Gewerkschaften konsultiert hat.

SPIEGEL: Welche Strategie empfehlen Sie gegen die Arbeitslosigkeit?

KLUNCKER: Es gibt sicherlich kein Patentrezept. Ich will auch nicht völlig ausschließen, daß durch Arbeitszeitverkürzungen langfristig Wirkungen erzielt werden können. Zunächst aber kommt es darauf an, die Ursachen der Arbeitslosigkeit zu beseitigen. Die Mittel der Globalsteuerung allein und die »Selbstheilungskräfte« des Marktes haben sich als nicht ausreichend erwiesen.

SPIEGEL: Was also empfehlen Sie?

KLUNCKER: Ich bin wie beim Umweltschutz für die Einführung des Verursacherprinzips: Wer Arbeitslosigkeit verursacht, soll gleich viel neue Arbeitsplätze schaffen oder die Kosten dafür übernehmen. Wir brauchen zusätzliche Ausbildungsplätze für Jugendliche, mehr Umschulungsmaßnahmen, in strukturschwachen Regionen müssen Anreize geschaffen werden für den Wohnungsbau und die Verlagerung von Betriebsstätten aus den Ballungsgebieten. Ein Bündel von Maßnahmen ist erforderlich, um mit der Arbeitslosigkeit fertig zu werden.

SPIEGEL: Zählen Sie dazu auch die beachtlichen Lohnforderungen, die Sie und Ihre Kollegen angemeldet haben?

KLUNCKER: Wenn ich unsere Wirtschaft richtig Überblicke, dann tut Kaufkraft not. Höhere Einkünfte der Arbeitnehmer führen zu mehr Kaufkraft und am Ende zu einer besseren Kapazitätsauslastung der Betriebe.

SPIEGEL: Die Arbeitgeber behaupten das Gegenteil. Nach ihrer Ansicht würden höhere Lohnkosten den Aufschwung abwürgen.

KLUNCKER: Natürlich sind Lohnerhöhungen auch Kosten. Aber ohne Lohnerhöhungen werden die Unternehmer auf ihren Produkten sitzenbleiben.

SPIEGEL: Mit dieser These stehen die Gewerkschaften ziemlich allein. Nicht nur die Konjunkturexperten, sondern auch Kanzler Schmidt scheint der Meinung, daß nur bei zurückhaltender Lohnpolitik die Investitionen ausreichend wachsen.

KLUNCKER: So wie Kanzler Schmidt andere Leute zum Nachdenken auffordert, halte ich es für legitim, ihn anzuregen, seine Position zu überdenken. Selbst die Bundesbank, die weiß Gott keine arbeitnehmerfreundliche Politik artikuliert, stellt in ihrem Dezember-Bericht fest, daß die Investitionstätigkeit sich im wesentlichen auf Rationalisierungsvorhaben konzentriert hat. Solche Investitionen produzieren zum Großteil Arbeitslosigkeit, sie beseitigen sie nicht. Diese Tatsache kann man durch noch so schöne Worte nicht einfach wegreden.

SPIEGEL: Was wollen Sie dagegen tun? Wollen Sie Rationalisierungsinvestitionen verbieten?

KLUNCKER: Wer Rationalisierung verbieten wollte, würde in das Gewand eines Maschinenstürmers von vorgestern schlüpfen. Es gibt Rationalisierung, die sinnvoll ist, aber es gibt auch irrationale Züge, zum Beispiel in der Verwaltung.

SPIEGEL: Was meinen Sie mit irrationalen Zügen?

KLUNCKER: Sehr oft sind solche Prozesse die Fortsetzung des mechanischen Spieltriebs mit anderen Mitteln. Wenn ich an bestimmte Computeranlagen im öffentlichen Dienst denke, werde ich den Verdacht nicht los, daß manche höhere Beamte in ihrer Kinderstube ihren Spieltrieb nicht bewältigt haben. Es wurden aufwendige Anlagen angeschafft, die Arbeitnehmer freisetzen, ohne billiger zu sein oder dem Bürger zusätzlichen Service zu bieten.

SPIEGEL: Was erwarten Sie von der sozialliberalen Koalition. wenn die Arbeitslosenzahl auch im nächsten Jahr nicht sinkt?

KLUNCKER: Ich gebe die Hoffnung nie auf. daß in der Kombination sozialliberal auch mal ökonomische Entscheidungen getroffen werden, die das Soziale stärker berücksichtigen als das Liberale, was immer das sein mag.

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