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JEDERMANN-EINFUHR Mit staatlicher Stütze

aus DER SPIEGEL 45/1957

Bundeswirtschaftsminister Erhard hat jüngst den Versuch unternommen, dem von ihm ersonnenen Jedermann-Einfuhr -Programm doch noch zu einem - wenn auch bescheidenen - Erfolg zu verhelfen. Er ließ bei den Bonner Botschaften Englands, Italiens und der Schweiz anfragen, ob die großen Versandhandelsfirmen dieser Länder bereit seien, die Bundesrepublik mit Jedermann-Waren zu beliefern.

Das Jedermann-Programm gehört zu jenen Maßnahmen, durch die Erhard »notfalls mit brutaler Gewalt« den Preisauftrieb in der Bundesrepublik stoppen wollte. Jedermann sollte die Möglichkeit haben, billige Auslandswaren im Wert bis zu 100 Mark ohne große Formalitäten selbst einzuführen. Entsprechende Vorschriften wurden ausgearbeitet und am 1. Mai dieses Jahres in Kraft gesetzt.

Schon bald zeigte sich allerdings, daß dem Jedermann-Programm kaum praktische Bedeutung zukommt. Nur wenige ausländische Versandhäuser waren bereit, die elementaren Voraussetzungen für Kleineinfuhren auf breiter Basis zu schaffen, nämlich Warenkataloge in deutscher Sprache herauszubringen und in der deutschen Presse zu werben.

Diese Zurückhaltung der ausländischen Versandhäuser entsprang weniger mangelndem Geschäftsgeist als nüchterner kaufmännischer Überlegung. Von vornherein ist nämlich jedes Jedermann-Paket im Wert von 100 Mark mit rund 30 Mark Nebenkosten belastet, die der Empfänger für Zoll (durchschnittlich 15 Prozent), Umsatzausgleichssteuer (sechs Prozent), Porto-, Verpackungs- und Bearbeitungsgebühren aufwenden muß. Unter diesen Bedingungen, so rechneten sich die Versandhäuser aus, können in der Bundesrepublik ausländische Waren nur in Ausnahmefällen billiger, als die entsprechenden deutschen Erzeugnisse auf den Markt kommen.

Auch der neue Vorstoß, den Erhard zur Rettung seines Jedermann-Programms bei den diplomatischen Vertretungen in Bonn unternahm, vermochte die Skepsis der ausländischen Lieferanten nicht zu beseitigen. Aus der Schweiz wurde dem Bundeswirtschaftsministerium beispielsweise bedeutet, daß die bescheidenen Geschäftsaussichten den Aufwand nicht lohnen. Schweizer Erzeugnisse - vor allem Textilien - würden ohnehin durch den regulären Großhandel nach Deutschland ausgeführt und hier zu Preisen feilgehalten, die auch durch Jedermann-Importe kaum zu unterbieten seien.

Im Hinblick auf einen so geringen Anreiz, sich dem Deutschland-Geschäft zu widmen, zogen es die Schweizer Firmen vor, den deutschen Handel nicht unnötig zu verärgern und womöglich zu einer Gegenaktion herauszufordern. Das in Wiesbaden erscheinende Fachblatt »Textil -Zeitung« ließ sich von seinem Korrespondenten aus Zürich berichten: »Der schweizerische Handel verkennt nicht, daß die Jedermann-Aktion offenbar gegen die deutschen Kollegen gerichtet ist. Es zeigt sich daher vielerorts ein Anflug von Solidarität.« In der Tat fürchtet der Schweizer Handel, daß billige Haushaltsartikel durch ein deutsches »Jedermann-Programm nach der Schweiz« die eidgenössischen Haushaltungen überschwemmen könnten.

Angesichts derart deprimierender Nachrichten aus der Schweiz zeigte sich der Bundeswirtschaftsminister besonders erfreut über den Entschluß des größten Versandhauses der Welt, der amerikanischen Firma Sears, Roebuck and Co. Philadelphia, das Bedürfnis der westdeutschen Käufer nach Jedermann-Importen zu testen. Aus seinem 1416 Seiten starken Originalkatalog, der vom Petersilienhacker bis zum Schiffsanker nahezu alles offeriert, was die amerikanische Verbrauchsgüterindustrie produziert, stellte das Versandhaus eine 48seitige Broschüre zusammen, von der 10 000 Stück für das Deutschland -Experiment gedruckt wurden.

Allerdings beurteilten die amerikanischen Versandmanager das Jedermann -Geschäft von vornherein so pessimistisch, daß sie sich nicht einmal die Mühe machten, ihren Katalog ins Deutsche zu übersetzen oder die Dollar-Preise in Mark-Beträge umzurechnen. Der in Frankfurt residierende Chef der westdeutschen Vertretung von Sears, Konstantin Freund, gab im August in deutschen Zeitungen Inserate auf, in denen er die Leser aufforderte, den »Katalog für Jedermann« kostenlos zu bestellen.

Das Echo dieser Werbung war, wie Konstantin Freund unumwunden eingesteht, recht mager. In dem Katalog, der außer Textilien zum Beispiel Rasenmäher, Autoreifen, Cowboyhüte und Frühstückshocker anpreist, fanden die Interessenten kaum einen Artikel, der wesentlich billiger wäre als die gleiche Ware in einem westdeutschen Einzelhandelsgeschäft.

So ist zum Beispiel eine in der britischen Kolonie Hongkong gefertigte Stabtaschenlampe im Sears-Katalog mit 67 Cents (2,80 Mark) ausgezeichnet. Die gleiche Taschenlampe - von deutschen Importeuren direkt aus Hongkong eingeführt - ist in Hamburger Fachgeschäften 30 Pfennig billiger zu haben. Hinzu kommt, daß Sears über den Katalogpreis hinaus für jede Bestellung eine Bearbeitungsgebühr von 2,50 Dollar (10,50 Mark) berechnet. Unter Berücksichtigung der Nebenkosten für Zoll, Umsatzausgleichssteuer und Porto würde diese Taschenlampe, die im deutschen Einzelhandel für 2,50 Mark angeboten wird, beim Jedermann-Import - als Einzelbestellung - 16,30 Mark kosten.

Gleich Sears, Roebuck and Co. kam kürzlich auch ein Vertreter des amerikanischen Warenhauskonzerns Montgomery Ward während einer Informationsreise durch die Bundesrepublik zu der Feststellung, daß die Geschäftsaussichten für Jedermann-Importe mehr als dürftig sind.

Auch das runde Dutzend englischer und italienischer Versandhäuser, das sich bereit erklärte, Westdeutschland - soweit Bestellungen vorliegen - mit Jedermann -Waren zu beliefern, scheut vor größeren Investitionen zurück. R. W. Shelton, der Geschäftsführer des englischen Versandhauses Mail Order Stores, Lennards Limited, Bristol, gab vor wenigen Wochen bei einem Deutschland-Besuch zu bedenken, daß die Ausstattung eines großen Warenkatalogs rund 18 000 Pfund Sterling (etwa 210 000 Mark) kostet - eine Summe, die den Engländern, gemessen an den geringen Geschäftschancen in Westdeutschland, sehr hoch erscheint, so daß die Firma keine deutschsprachigen Kataloge herausbringen will.

Bundeswirtschaftsminister Erhard bemühte sich nun, den ausländischen Versandhäusern entgegenzukommen. Er verfiel auf die Idee, die seinem Ministerium angegliederte Bundesstelle für Außenhandelsinformation in Köln in die Werbung für ausländische Versandhäuser einzuschalten. Kürzlich veröffentlichte denn auch diese Behörde die Namen und vollständigen Anschriften ausländischer Jedermann-Lieferanten und gab dazu detailliert an, welche Art von Waren bei den einzelnen Firmen bestellt werden könnten. Statt des erhofften Aufschwungs der Jedermann-Bewegung erntete Ludwig Erhard auf diese Aktion hin nur Proteste. Beschwerte sich die »Textil-Zeitung": .Die Methode, bestimmten Firmen zu Lasten des deutschen Wettbewerbers und Steuerzahlers Unkosten für Prospekte und Zeitungsanzeigen abzunehmen, geht wohl doch zu weit.« Gestützt auf die Verbände der deutschen Textilindustrie, drohte das Blatt: »Bei einer Fortsetzung derartiger Veröffentlichungen wird die Bundesstelle für Außenhandelsinformation damit rechnen müssen, daß eine Klage wegen unlauteren Wettbewerbs angestrengt oder Regreßansprüche wegen Geschäftsschädigung gestellt werden.«

Der Frankfurter Versandhändler Neckermann hat inzwischen beschlossen, die kostenlose staatliche Propaganda für Jedermann-Einfuhren auszunutzen. Er will seinem Hauptkatalog einen Prospekt beilegen, in dem ausländische Waren unter dem Slogan »Neckermann importiert für Jedermann« angeboten werden.

Ludwig Erhard wird unterdessen nicht müde, sein Jedermann-Programm als einen vollen Erfolg hinzustellen. In den »Tages-Nachrichten«, die sein Ministerium regelmäßig herausgibt, ist zu lesen, daß allein im Juli 40 000 Jedermann-Pakete im Wert von 200 000 Mark eingeführt worden sind. Erhards »Tages-Nachrichten« verschweigen freilich, daß nach den Feststellungen der Zollämter die Hälfte der Jedermann-Importeure nicht Privatleute, sondern Händler sind.

Immer mehr Importeure haben nämlich entdeckt, daß sie auf dem Umweg über das Jedermann-Paket auch Waren einführen können, die normalerweise - wie zum Beispiel Ferngläser aus Japan - streng kontingentiert sind und nur importiert werden dürfen, wenn das Bundeswirtschaftsministerium eine spezielle Ausschreibung veröffentlicht.

Versandhändler Freund

Amerikanische Kataloge für Jedermann

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