Mittelstand in der Krise Jedes fünfte Unternehmen plant Personalabbau

Die Geschäftserwartungen sind so düster wie noch nie - jede fünfte Firma plant den Abbau von Jobs: Die Wirtschaftskrise hat den deutschen Mittelstand voll erwischt. Das belegt eine Bestandsaufnahme der KfW und mehrerer Forschungseinrichtungen, die zeigt, wo es besonders schlecht läuft.

Frankfurt am Main - Ab Mitte 2008 ging es abwärts, die Stimmung im deutschen Mittelstand sackte ab wie lange nicht mehr. Das zeigt der Mittelstandsmonitor 2009 - eine Bestandsaufnahme, die die Förderbank KfW gemeinsam mit dem Verband der Vereine Creditreform, dem Institut für Mittelstandsforschung in Bonn, dem RWI Essen und dem ZEW in Mannheim Ende 2008 erstellte und jetzt veröffentlicht hat.

Der Geschäftsklimaindex der kleinen und mittleren Unternehmen - der zentrale Wert der Studie - rauschte im Laufe von 2008 um 17,7 Punkte nach unten und notierte nur noch knapp über der Nulllinie. Noch stärker war das Barometer nur einmal gesunken: im Jahr 1992, als die Nachwende-Rezession sich ankündigte.

Besonders pessimistisch waren die Firmen mit Blick auf das erste Halbjahr 2009, die Angst vor der Rezession ist groß. Die Geschäftserwartungen sackten auf einen historischen Tiefstand.

Die Krise hat den Mittelstand, dem 99 Prozent der deutschen Unternehmen zugerechnet werden, also voll erwischt. Bislang seien international orientierte Großunternehmen zwar stärker betroffen, heißt es im Monitor. Aber Helmut Rödl, Vorstandsmitglied im Verband der Vereine Creditreform, ist überzeugt: "Der Schrumpfungsprozess der Gesamtwirtschaft mit Kapazitätskappungen, Stellenstreichungen und Auftragsstornierungen dürfte in diesem Jahr im Mittelstand voll durchschlagen." Das wäre ein Anstieg um 15 Prozent im Vergleich zu 2008. Die Bestelltätigkeit sei vielerorts "vollends zum Erliegen gekommen", sagt Rödl. Creditreform rechne in diesem Jahr mit bis zu 35.000 Firmenpleiten.

Vor allem das verarbeitende Gewerbe leidet

Mit 44 Prozent bezeichneten schon bei der Erstellung des Monitors, also Ende 2008, erstmals seit zwei Jahren weniger als die Hälfte der befragten Firmen ihre Auftragslage als gut oder sehr gut. Der Anteil derer, die die Situation mangelhaft oder ungenügend fanden, stieg dagegen um sieben Prozentpunkte auf 13,1 Prozent.

Auftragslage

sehr gut/gut befried./ ausr. mangelhaft/ ungenügend
2007 2008 2007 2008 2007 2008
Verarbeit. Gewerbe 53,3 42,8 39,8 45,2 5,7 11,9
Bau 42,9 56,3 45,9 32,1 11,3 11,4
Handel 44,6 28,9 45,9 51,3 9 19,8
Einzelhandel 35,8 27,4 52,6 43,1 11,8 29,4
Großhandel 51 29,8 41,2 55,4 7,1 14,9
Dienstleister 56,6 48 40,6 41,3 2,7 10,7
insgesamt 51 44 42,2 43 6,1 13,1
in Prozent der Befragten, Quelle: Creditreform

42 Prozent der kleinen und mittleren Firmen gingen zudem von rückläufigen Umsätzen im ersten Halbjahr 2009 aus. Besonders düster sieht es in der mittelständischen Industrie aus, die noch 2007 am meisten von allen Sparten boomte. Das verarbeitende Gewerbe leide wie keine andere Branche, heißt es in der Studie, weil die Krise global ist und somit sämtliche Absatzmärkte schwächeln. Die Stimmung in der Sparte ist deshalb so schlecht wie seit 1993 nicht mehr.

Hart trifft die Krise auch den Großhandel, das Bindeglied zwischen nationalen und internationalen Märkten. Im Jahresschnitt 2008 fiel das Großhandelsklima dem Monitor zufolge um 16 Zähler auf 3,2 Punkte. Vor allem im letzten Quartal 2008 war die Stimmung mies. Mit minus 10,7 Punkten lag das Klima in den letzten drei Monaten des Jahres um 14,9 Zähler unter dem Jahresschnitt - und sogar 16,3 Punkte unter dem Vorjahresstand. Auch im Einzelhandel sackte die Stimmung um 14 Punkte ab. Dabei markierte der Klimaindex in diesem Bereich schon 2007 einen Tiefpunkt.

Ausnahmebranche Bau

Einzig die Baubranche hält sich noch wacker. Der Rückgang bei der Messung des Klimas hielt sich dort mit minus 6,5 Punkten in Grenzen. Erstmals seit 1999 führt die Branche damit den Klimavergleich an. Die Sparte profitiere von dem zurückliegenden Investitionsboom, so lautet die Schlussfolgerung der Wissenschaftler des Monitors. Die Aufträge von damals werden teils noch 2009 abgearbeitet.

Umsatzlage

gestiegen stabil gesunken
2007 2008 2007 2008 2007 2008
Verarbeit. Gewerbe 48,2 34,5 33,8 26,2 18 39,3
Bau 39,3 50,6 40,3 33,3 20,5 16,1
Handel 42,2 31,1 39,1 35,1 18,7 33,8
Einzelhandel 37,2 34 47,9 26 14,9 40
Großhandel 45,8 29,7 32,9 39,6 21,3 30,7
Dienstleister 41,4 36,9 42,9 39,4 14,9 23,7
insgesamt 42,8 37,1 39,6 35,8 17,3 27,1
in Prozent der Befragten, Quelle: Creditreform

Etwas mehr als die Hälfte der Baufirmen (56,3 Prozent) beurteilen ihre Auftragslage als gut oder sehr gut - das sind sogar 13,4 Prozent mehr als Ende 2007. Die meisten Firmen konnten im zweiten Halbjahr 2008 ihre Umsätze sogar noch steigern. Für das kommende Halbjahr seien die Umsatzannahmen im Bau zwar pessimistischer, heißt es in der Studie - das sei aber auch durch die Wintersaison bedingt.

Umsatzerwartungen für kommende 6 Monate

steigend stabil. sinkend
2007 2008 2007 2008 2007 2008
Verarbeit. Gewerbe 29,7 11,9 54,7 34,5 15,6 53,6
Bau 12,3 19,5 48 37,9 37,2 42,5
Handel 25,1 17,8 54,9 39,5 19,1 42,8
Einzelhandel 22,6 17,6 62,1 45,1 14,4 37,3
Großhandel 26,9 17,8 49,9 36,6 22,4 45,5
Dienstleister 29,9 20,8 54,1 41 13,8 38,2
insgesamt 26,1 18,8 53,5 39,4 18,9 41,9
in Prozent der Befragten, Quelle: Creditreform

Alle anderen Branchen blicken weit ängstlicher auf die ersten sechs Monate 2009. Im Handel sowie im Dienstleistungssektor fielen die Umsatzerwartungen auf den niedrigsten Stand seit 1992. In der mittelständischen Industrie gehen 41,7 Prozent der Firmen von sinkenden Umsätzen aus - ein neues Allzeittief. Gewinneinbußen erwarten sogar rund 47,6 Prozent aller befragten Firmen. Ein Jahr zuvor waren es gerade einmal 16,9 Prozent.

Kurzarbeit und Entlassungen auf der Tagesordnung

Entsprechend zurückhaltend sind die Firmen bei ihrer Personal- und Investitionsplanung. Noch im zweiten Halbjahr 2008 stellten immerhin noch 28,8 Prozent der mittelständischen Unternehmen Personal ein, nur 16,8 Prozent trennten sich von Mitarbeitern. In den ersten sechs Monaten 2009 wird sich dieser Trend den aktuellen Planungen zufolge nun umdrehen. Nur 13,1 Prozent der Unternehmen wollen Mitarbeiter einstellen, fast 20 Prozent dagegen planen Entlassungen.

Beschäftigungsplanung

aufstocken stabil verkl. Saldo aufst./ verkl.
2007 2008 2007 2008 2007 2008 2007 2008
Verarbeit. Gewerbe 21,4 17,9 64,7 53,6 13,4 28,6 8 -10,7
Bau 11 6,9 64 71,3 24,4 21,8 -13,4 -14,9
Handel 12,3 13,2 76,5 68,4 11,2 18,4 1,1 -5,2
Einzelh. 9,2 7,8 76,7 64,7 14,1 27,5 -4,9 -19,7
Großh. 14,5 15,8 76,3 70,3 9,2 13,9 5,3 1,9
Dienst- leister 22,4 13,5 66,9 69,3 10 17,2 12,4 -3,7
insgesamt 18,1 13,1 68,2 67,3 13,2 19,6 4,9 -6,5
in Prozent der Befragten, Quelle: Creditreform

Kurzarbeit und erste Entlassungen stünden derzeit auf der Tagesordnung, sagt Creditreform-Vorstand Rödl. Besonders hart trifft es den Osten Deutschlands: In den neuen Bundesländern will sogar jedes vierte Unternehmen Stellen streichen.

Die Investitionen gehen dagegen nach derzeitigem Planungsstand weniger stark zurück, als zu befürchten war. Zum Jahresende erklärten 44,3 Prozent der mittelständischen Unternehmen, in den folgenden sechs Monaten Geld in ihre Produktionsanlagen stecken zu wollen. Im Dezember 2007 waren es noch mehr als die Hälfte der Firmen. Von dem historischen Tief der Investitionsbereitschaft im Jahr 2002 sei der Wert noch weit entfernt, betont die Studie. Damals planten weit weniger als 30 Prozent der Firmen noch Investitionen in den Folgemonaten. Mit Blick auf das Gesamtvolumen geht die KfW von einem Rückgang der Unternehmensinvestitionen von zehn bis 15 Prozent aus.

Trotz der im insgesamt alarmierenden Zahlen könnte die Lage noch schlimmer aussehen, finden denn auch die Wissenschaftler des Mittelstandsmonitors. Den Firmen sei offenbar daran gelegen, ihre Produktionskapazitäten diesmal von vorneherein auf dem neuesten Stand zu halten. Auch der voraussichtliche Personalabbau sei angesichts der Tiefe der Krise noch moderat, so die Kernaussage der Studie. Viele Firmen wollten ihr qualifiziertes Personal wohl für bessere Zeiten halten.