Mobbing-Vorwurf Liebesentzug für H&M-Betriebsräte

In Schweden gilt der Umgang von H&M mit seinen Mitarbeitern als vorbildlich. In Deutschland wirft Ver.di dem Modekonzern dagegen gezieltes Mobbing gegen Betriebsräte vor. Betroffene berichten von systematischer Schikane.

Augsburg - Nach vier Jahren klappte Erika Glaser endgültig zusammen. Das Ende eines Nervenkriegs, der 2003 ganz harmlos begonnen hatte. Damals wurde die Verkäuferin einer H&M-Filiale in Augsburg in den Betriebsrat gewählt.

Von Anfang an habe die Filialleitung die Kollegen gegen das dreiköpfige Gremium aufgehetzt und die Arbeitnehmervertreter unter Druck gesetzt, sagt Glaser. Ihre Stimme zittert dabei. "Irgendwann reden manche Kollegen nicht einmal mehr mit einem, weil sie Angst haben, es könnte ihnen negativ von der Geschäftsleitung ausgelegt werden", sagt Glaser.

Sie habe bald unter Depressionen gelitten, dauernd geweint. "Ich fühlte mich hilflos, war voller Angst." Einmal sei ihr bei einem Streit mit der Filialleitung sogar körperliche Gewalt angedroht worden, behauptet Glaser. Der Konzern weist dies entschieden zurück.

"Die haben jedes Geschütz gegen uns aufgefahren", sagt auch die Vorsitzende des Betriebsrates der Augsburger Filiale, Alexandra Treusch. Eine geplante Mitarbeiterversammlung wurde ihr zufolge einfach verboten. Die Filialleitung habe mehrfach Post an den Betriebsrat geöffnet und in Einzelgesprächen "erheblichen Druck" erzeugt. "Die Geschäftsführung wollte die Arbeitnehmervertreter von Beginn an isolieren", sagt Treusch.

Das Unternehmen widerspricht der Darstellung. Nie sei eine Mitarbeiterversammlung verboten worden. Ansonsten wolle man sich zu dem Augsburger Fall nicht äußern, solange das juristische Verfahren noch laufe.

In nur 64 Filialen der weit über 300 H&M-Läden in Deutschland gibt es überhaupt einen Betriebsrat. Der Gewerkschaft Ver.di zufolge hat das seinen Grund: "Bei H&M werden systematisch Betriebsräte behindert und diskriminiert – das geht bis hin zu Mobbing", sagt Malene Volkers, die bei Ver.di deutschlandweit die H&M-Betriebsräte betreut. Mitarbeiter würden gezielt gegen das Gremium "aufgehetzt", berichtet Volkers. Schließlich arbeiteten 30 Prozent der Angestellten in dessen deutschen Filialen in "prekären Arbeitsverhältnissen". Volkers: "Die wissen nie, wie viele Arbeitsstunden sie am Ende des Monats zusammenbekommen." H&M widerspricht: Das Unternehmen entlohne seine Mitarbeiter stets "nach Tarif".

Ausschluss aus der H&M-Familie

Meist agierten die Filialleiter laut Volkers allerdings "subtiler" als in Augsburg. "In Einzelgesprächen werden Mitarbeiter, die einen Betriebsrat gründen wollen, regelrecht zermürbt." Ihnen würden mögliche Nachteile für die Karriere aufgezeigt. "Dann wird ihnen klar gemacht, dass sie nicht länger zur Familie gehören, wenn sie an ihren Plänen zur Betriebsratsgründung weiter festhalten", sagt Volkers. Wahlvorstände würden von einem Tag auf den anderen nur mehr gesiezt. "Das ist in einem Unternehmen mit vielen jungen Mitarbeitern, in dem das Du obligatorisch ist, durchaus wirkungsvoll", so Volkers.

Laut Orhan Akman, der bei Ver.di Bayern für H&M zuständig ist, bezeichnen H&M-Verantwortliche "das gezielte Ausgrenzen" von Betriebsräten als "Liebesentzug". Dem Ver.di-Mann zufolge gibt es bei H&M Deutschland sogar einen eigenen Mitarbeiter, der nur dafür zuständig sei, Betriebsratsneugründungen zu sabotieren. Akman kritisiert, dass H&M in deren Vorfeld eigene Mitarbeiterversammlungen abhalte. "Darin geht es nur um angebliche Kosten und Nachteile für die Mitarbeiter", sagt der Gewerkschafter. Auch Treusch erinnert sich: Bei der Vorbereitung von Betriebsratswahlen habe sie die interessierten Mitarbeiter "privat und inkognito" treffen müssen, damit die jeweilige Filialleitung nicht vorab Druck ausüben konnte.

H&M-Sprecherin Swetlana Ernst sagt auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, dass es ein Konzept darüber gebe, wie Filialleiter mit geplanten Betriebsratsgründungen umzugehen hätten. Dieses Konzept diene aber nicht dazu, Wahlen zu verhindern, sondern Beeinträchtigungen zu vermeiden. "H&M stellt dabei neutrale Informationen auf Basis der bestehenden Gesetze zur Verfügung und verfolgt in keiner Weise das Ziel, die Wahl eines Betriebsrates zu verhindern", sagt Ernst. Zum Fall in Augsburg wollte sie sich nicht explizit äußern. Die Behauptung, dass H&M dort keine ausreichenden Räumlichkeiten zur Verfügung stelle, sei jedoch falsch.

Generell erkenne H&M das Recht der Mitarbeiter auf die Gründung von Betriebsräten "voll und ganz" an. Deshalb sei der Konzern immer sehr darum bemüht, allen gesetzlichen Maßgaben sowie den Regeln eines solchen Umgangs zu entsprechen. "In Einzelfällen gibt es aber sicher Filialleiterinnen, denen die Sensibilität im Umgang mit Betriebsräten fehlt", gibt Ernst auf Nachfrage zu. Die Mehrheit der Arbeitnehmervertreter sei jedoch zufrieden.

Schlafstörungen und das Gefühl, stigmatisiert zu sein

Eine in der Öffentlichkeit bislang weitgehend unbeachtete Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2006 kommt zu einem anderen Ergebnis: Es könne "sowohl von Behinderungen als auch von einer systematischen Diskriminierung gegenüber Interessenvertretern gesprochen werden", heißt es darin. Die in elf H&M-Filialen befragten Betriebsräte bejahten durchweg die Frage nach Behinderungen der alltäglichen Arbeit ihres Gremiums. Zwei Drittel der Arbeitnehmervertreter berichteten, sie erlebten diese sogar "häufig" oder "sehr häufig".

"Einschüchterung, Ausgrenzung oder Diskriminierung einzelner Mitarbeiterinnen oder Betriebsräte, Beeinflussung der Stimmung in der Belegschaft gegen die Wahl eines Betriebsrates, Missachtung der Mitbestimmung" – die Liste der in der Studie enthaltenen Vorwürfe ist lang. Mehrere Betriebsräte schildern Fälle, in denen Mitarbeiterinnen wegen des hohen Drucks kündigen. Sie berichteten von Schlafstörungen, dem Gefühl, ausgegrenzt und stigmatisiert zu werden, wie die Probleme bei der Arbeit zu Schwierigkeiten mit dem Ehe- oder Lebenspartner führen. In zwei Filialen verloren Beschäftigte aufgrund des psychischen Drucks laut der Studie massiv an Gewicht.

Ein besonders krasser Fall von "Liebesentzug" soll sich in einer Darmstädter H&M-Filiale ereignet haben: Dort setzte der Gesamtbetriebsrat im Jahr 2004 einen Wahlausschuss zur Gründung eines Betriebsrates ein. Alle Wahlausschussmitglieder erkrankten laut dem Böckler-Bericht in den folgenden Monaten immer wieder an ihrer psychischen Belastung. In einem Fall bescheinigte ein Arzt einem Mitglied des Wahlvorstandes der Studie zufolge, seine Depression sei Folge "wiederholter Kränkungen im Zuge ungelöster Konflikte bedingt durch die Betriebsratswahlen". H&M beauftragte daraufhin eine Konfliktberatungsgesellschaft. Diese kam laut H&M-Sprecherin Ernst zu dem Ergebnis, dass zwar ein Konflikt vorliege, Mobbing aber nicht feststellbar sei. Gewerkschafterin Volkers mag das nicht glauben: "Das war eindeutig Mobbing."

Kündigungen scheiterten

Treusch und Glaser wollen sich von der Geschäftsführung in Augsburg nicht unterkriegen lassen. Sie nehmen ihre Arbeit ernst - und waren im Laufe der Jahre reichlich unbequem. "Wir haben uns gegen willkürliche Behandlung der Arbeitnehmer, gesetzeswidrige Arbeitsverträge und falsche Tarifeingruppierungen von Mitarbeitern gewehrt", so Treusch. Außerdem waren die beiden an rund einem Dutzend Betriebsratsgründungen in H&M-Filialen beteiligt.

Auch die Sache mit der geöffneten Post wollten sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie zeigten die Filialleitung an. Die versuchte, Glaser und Treusch daraufhin zu kündigen. Doch die Entlassung eines Betriebsrats muss vor dem Arbeitsgericht durchgefochten werden. Die Richter kamen zu dem Ergebnis, dass die beiden Betriebsräte mit der Anzeige "weder wissentlich falsch noch unverhältnismäßig" gehandelt hätten.

Derzeit ist Glaser trotzdem noch freigestellt. Treusch arbeitet jetzt im Lager ihrer Filiale. Beide wollen H&M trotz der Vorfälle auf keinen Fall verlassen. "Wir lassen uns nicht unterkriegen", sagt Treusch.

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