Mobilfunk-Eldorado Österreich Deutsche Touristen finanzieren Tarifwunder

In Österreich über das Festnetz zu telefonieren, ist unklug. Das Handy ist meist billiger. Die Ursachen sind vielfältig, als Urlaubsland aber profitiert Österreich besonders von den hohen Roaming-Tarifen.

Von Daniel Sokolov, Wien


Skifahrerin: Deutsche Touristen vertelefonieren reichlich Geld im Urlaub
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Skifahrerin: Deutsche Touristen vertelefonieren reichlich Geld im Urlaub

Wien - Österreichische Handynutzer haben es gut. Netzinterne Gespräche sind in jedem Mobilfunknetz gratis oder für einen Cent pro Minute zu haben, auch Gespräche ins Festnetz sind ohne Mengenbegrenzung ab einem Cent im Angebot. Üppige Freiminutenpakete, netzinterne SMS ab einem Cent und Verbindungen in andere Mobilfunkernetze ab fünf Cent pro Minute sind der Traum deutscher Konsumenten. Österreicher erachten diese Preise als Selbstverständlichkeit, gibt es doch sogar einen Wertkarten-Tarif, bei dem Gespräche in alle Netze nur 15 Cent kosten.

Die niedrigen Tarife bescheren hohe Umsätze, was wiederum niedrigere Tarife ermöglicht. Ein Kreislauf zu Gunsten der Konsumenten, aber zu Lasten der Festnetzbetreiber. Ex-Monopolist Telekom Austria hat versäumt, rechtzeitig die eigene Kostenstruktur zu optimieren und kann preislich nicht mithalten; halb so schlimm, schreibt doch das eigene Mobilfunknetz Mobilkom Austria fette Gewinne. Schlimmer trifft es hingegen die alternativen Festnetzbetreiber, die von Leistungen der Telekom Austria abhängig sind und im Kampf gegen die Mobilnetze kaum bestehen können.

Dabei ist in Österreich das Ende der Fahnenstange noch gar nicht erreicht, seit kurzem sind mobile Datentransfer-Pakete mit 500 Megabyte über UMTS billiger zu haben als gleich große DSL-Pakete. Ein Gigabyte Übertragungsvolumen über GPRS, UMTS oder WLAN ist ab 55 Euro zu haben.

Fette Gewinne trotz niedriger Tarife

Das Erstaunlichste am Preisniveau sind aber die gleichzeitig erwirtschafteten Gewinne der Mobilfunk-Anbieter. Die vier GSM-Netzbetreiber hatten 2003 trotz hoher Investitionen in ihre neuen UMTS-Netze zusammen gerechnet ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) von 1,15 Milliarden Euro, Tendenz steigend. Einzig der erst seit 2003 aktive reine UMTS-Netzbetreiber "3", eine Tochter des Hutchison-Whampoa-Konglomerats aus Hongkong, steckt in tiefroten Zahlen.

Seit dem Fall des Mobilfunk-Monopols der Mobilkom Austria im Jahr 1996 haben die vier neu auf den Markt getretenen Netzbetreiber einen Preiskampf nach dem anderen vom Zaun gebrochen. Sie wollten schnell Marktanteile gewinnen und den Markt insgesamt vergrößern. Zunächst geringen Erfolg hatte Spätstarter tele.ring, eine Tochter des Vodafone-Konzerns. Der überschaubare Kundenstock und hohe Verluste veranlassten Vodafone Chart zeigen nach drei Jahren zum Verkauf. Der amerikanische Mobilfunk-Konzern Western Wireless zahlte symbolische zehn Euro für das entschuldete Netz und einen Euro für die von Vodafone für 113 Millionen Euro ersteigerte UMTS-Lizenz.

Der schuldenfreie Netzbetreiber startete mit einem aggressiven Angriff an der Preisfront durch. Die Konkurrenz prophezeite tele.ring den baldigen finanziellen Zusammenbruch und schaute zu, wie insbesondere Vieltelefonierer scharenweise zum Preisbrecher wechselten. Als der kleine Anbieter sogar den Sprung in die schwarzen Zahlen schaffte, mussten auch die Konkurrenten ihre Preise deutlich senken. Heute sorgen neun Mobilfunknetze (viermal GSM, fünfmal UMTS) für Überkapazitäten und beinharten Wettbewerb, was anhaltend niedrige Preise sichert.

Die Geldquelle Roaming sprudelt

Vodafone tröstete sich nach dem Fehlschlag in Österreich durch eine lukrative Partnerschaft mit Marktführer Mobilkom Austria. Fährt ein Vodafone-Kunde nach Österreich, bucht sich sein Handy automatisch in das Mobilkom-Netz ein, umgekehrt profitiert Vodafone von reisenden Mobilkom-Kunden. Auch innerhalb des T-Mobile-Konzerns schanzt man sich gegenseitig die Roaming-Umsätze zu. Und Roaming ist das profitabelste Geschäft für Mobilfunker überhaupt. Von einem Cent pro Minute kann da keine Rede sein. Gastnetz und Heimnetz des Kunden verdienen sich mit den im Ausland geführten Gesprächen goldene Nasen.

Als Urlaubsland profitiert Österreich davon besonders. Bei einem Gesamtumsatz der österreichischen Netzbetreiber von weniger als vier Milliarden Euro summiert sich alleine der Roaming-Umsatz im Inland auf 400 bis 500 Millionen Euro. Rund die Hälfte davon stammt aus den Taschen deutscher Urlauber und Geschäftsreisender. Danke, Deutschland.



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