Mobilfunk Trotz Handybooms in die Krise

Die Boom-Zeiten der Handybranche sind vorerst vorbei, die stolzen Zuwachsraten flachen ab. Weil die Hersteller unbeirrt auf Wachstum setzten, stürzen sie nun in eine schwere Krise. Immer mehr Firmen geben die eigene Produktion auf.

Von Klaus-Peter Kerbusk


Bild aus glücklichen Tagen: Heinrich von Pierer
REUTERS

Bild aus glücklichen Tagen: Heinrich von Pierer

Heinrich von Pierer strotzte vor Zuversicht. "Unser Geschäft im In- und Ausland boomt", und "wir sehen kein Abflachen der Nachfragekurve", jubelte der Chef des Münchner Elektro-Multis Siemens. Das Wachstum, versicherte der sonst so zurückhaltende Firmenlenker, werde "lediglich durch die Engpässe bei den Komponentenzulieferungen begrenzt".

Das war im November vergangenen Jahres. Und der Siemens-Chef stand mit seinem schier grenzenlosen Optimismus keineswegs allein da. Marktforscher und Manager waren sich einig, das Handygeschäft, so etwa die Erkenntnisse der Beratungsfirma Frost & Sullivan, stehe "vor einer regelrechten Umsatzexplosion".

Nicht einmal fünf Monate später sind in der erfolgsverwöhnten Branche ganz andere Töne zu hören, statt Sektlaune ist plötzlich Katerstimmung angesagt.

Der Handymarkt sei "extrem brisant", warnt nun Robert Growney, Finanzchef beim Elektronik-Multi Motorola. "Einige Geschäfte", so der US-Manager, "befinden sich im freien Fall."

"Es ist, als würde man mit einem Schlag hart am Kopf getroffen", beschreibt Kurt Hellström, der Chef des schwedischen Telekommunikationsriesen Ericsson, die Lage ­ gerade so, als sei er nach einem schweren Unfall soeben im Krankenhaus aufgewacht.

Gleich reihenweise sind die auf Wachstum getrimmten Handyhersteller in den vergangenen Wochen aus der Bahn geflogen. Mit einem Verlust von 629 Millionen Euro im ersten Quartal 2001 machte Motorola den Anfang in der Krisenserie ­ die erste Verlustmeldung des US-Konzerns seit 16 Jahren.

Wenige Tage später meldete Philips einen Verlust von 118 Millionen Euro in der Mobilfunksparte, die damit den gesamten Bereich Konsumelektronik in die roten Zahlen zog.

In der vergangenen Woche schließlich bekam der Optimismus der Siemens-Manager einen harten Dämpfer: 143 Millionen Euro verloren die Münchner allein seit Jahresanfang im Geschäft mit den Handys. Und die Zeiten, so Konzernchef Pierer, "könnten noch rauer werden".

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Am härtesten traf es den schwedischen Vorzeigekonzern Ericsson, der die Veröffentlichung seiner Bilanzzahlen denn auch passend mit dem Song "Riders on the Storm" einleitete. Der größte Arbeitgeber des Landes, dessen Wert in besseren Zeiten mehr als ein Drittel des Gesamtwerts aller an der Stockholmer Börse notierten Firmen ausmachte, registrierte 52 Prozent Umsatzrückgang. Und da die Skandinavier bei jedem ihrer 6,2 Millionen verkauften Handys 100 Euro drauflegten, summierte sich der Verlust in den ersten drei Monaten dieses Jahres in der Mobilfunksparte auf 624 Millionen Euro.

Die Reaktion auf "die wohl schnellste Tauchfahrt, die unsere Industrie je erlebt hat", so Motorola-Manager Growney, war überall die gleiche: Stellen streichen, Fabriken schließen, Kosten senken. Weltweit werden wohl rund 50 000 Jobs der Krise zum Opfer fallen, die scheinbar ganz ohne Vorwarnung in der Telekommunikationsindustrie ausgebrochen ist.

Paradoxer könnte es kaum sein

Mit Steigerungsraten von voraussichtlich gut 20 Prozent zählt die Handybranche selbst im laufenden Jahr zu den wachstumsstärksten Industriezweigen. Und auch die weiteren Aussichten sind durchaus rosig.

Mit zurzeit rund 700 Millionen Handynutzern sind gerade mal zwölf Prozent der Weltbevölkerung mobil erreichbar. China und Südamerika, ja selbst die USA sind noch längst nicht erschlossen.

Es ist eine Krise, in die sich eine vom Erfolg geblendete Branche selbst gestürzt hat. Aus Erfolg wurde Größenwahn, der führte zu Wahnsinnsinvestitionen und diese jetzt zu Milliardenverlusten ­ und das mitten im größten Boom-Markt der Nachkriegsgeschichte, in dem es fast zehn Jahre nur aufwärts ging.

Zur Überraschung der Branche wurde die Wachstumskurve sogar noch steiler ­ bis hin zum Rekordjahr 2000, in dem sich zum Beispiel in Deutschland die Zahl der Handynutzer innerhalb von nur zwölf Monaten mehr als verdoppelte. Inzwischen zählen die Netzbetreiber hier zu Lande mehr als 50 Millionen Kunden.

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Ähnliche Erfahrungen machten die Handyfabrikanten fast überall in Europa, aber auch in Australien, Japan oder Korea. Um der sprunghaft steigenden Nachfrage Herr zu werden, bauten die Hersteller ihre Fabriken eilig weiter aus. Dabei zogen sie die Fertigungskapazitäten jedoch so hoch, als könne man die Entwicklung der vergangenen Jahre mit einem Lineal ohne weiteres fortschreiben.

Ende vergangenen Jahres reichten die weltweiten Kapazitäten, so schätzen Branchenkenner, schließlich für eine Jahresproduktion von gut 700 Millionen Handys. Doch selbst die optimistischsten Prognosen sahen für 2001 allenfalls einen Absatz von 580 Millionen Geräten voraus. Inzwischen hat die Branche ihre Erwartungen auf 400 bis 450 Millionen Geräte gesenkt. Frühestens im Jahr 2004, so die neuesten Prognosen von Gartner Dataquest, werden die jetzt bestehenden Fabrikkapazitäten ausgelastet.

Die Gründe für die Flaute sind vielfältig. In den großen europäischen Ländern steht die Marktsättigung, also wenn rund 70 Prozent der Bevölkerung ein Handy besitzen, unmittelbar bevor. Und in den USA, wo immer noch kein einheitlicher Standard existiert, entwickelt sich die Nachfrage viel langsamer als erwartet.

Zudem war der Super-Boom der vergangenen zwei Jahre ungesund. Die Netzbetreiber hatten das Wachstum in vielen Ländern künstlich gepuscht. Statt die Telefone zu normalen Preisen zu verkaufen, legten sie bei jedem Handy bis zu 400 Mark an Subventionen drauf, um rasch möglichst viele Kunden in ihr Netz zu locken.

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Doch als Netzbetreiber und Handyhersteller vergangenes Jahr den Startschuss für das nächste Zeitalter des Mobilfunks gaben, brach das Subventionsmodell zusammen. Denn um die so genannten UMTS-Lizenzen zu bekommen und die neuen Netze auszubauen, mussten sich die Netzbetreiber so hoch verschulden, dass für Subventionen beim Geräteverkauf nun kaum noch Geld übrig ist.

Der dadurch gebremste Absatz und die nochmals verschärften Preisverhandlungen der Netzbetreiber mit ihren Lieferanten hinterlassen nun hässliche Spuren in den Bilanzen. Verstärkt wird die Krise durch individuelle Managementfehler, die das Hierarchiegefüge in der Branche kräftig durchgerüttelt haben.

So verschliefen der US-Konzern Motorola und die schwedische Traditionsfirma Ericsson, die am Anfang des Booms noch die Anführer der Branche waren, den Trend zum Handy als Modeartikel mit einfachster Bedienung.

Statt auf niedrige Preise und flottes Design zu achten, setzten sie vor allem auf anspruchsvolle Technik. "Wir haben Fehler gemacht", räumt nun Ericsson-Chef Hellström ein, "unsere Ingenieure hatten zu viel Einfluss."

Die Folge: Beide Firmen verloren in den vergangenen Jahren drastisch Marktanteile.

Während sich Motorola mit gut 14 Prozent im vergangenen Jahr aber immerhin noch auf dem zweiten Platz halten konnte, wurde Ericsson jetzt sogar vom deutschen Konkurrenten Siemens überholt.

Überraschender Sieger in der Schlacht um die Vorherrschaft auf dem Handymarkt ist der Newcomer Nokia, der bis vor einigen Jahren noch Gummistiefel und Papier herstellte. Mit einem Marktanteil von gut 30 Prozent haben die Finnen sich inzwischen weit von allen Konkurrenten abgesetzt: Rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche spuckt das Nokia-Imperium in jeder Sekunde etwa vier neue Handys aus ­ und dabei haben die Finnen ihre zehn Fabriken so effektiv organisiert, dass sie nun als einzige Firma unter den großen Herstellern immer noch Milliardengewinne einfahren können.

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Genau daran hapert es aber bei der Konkurrenz. Das Angebot bei vielen Herstellern ist zu breit gefächert, die Grundmodelle sind zu unterschiedlich, die Zahl der Bauteile zu hoch. Während etwa Motorola in seinen Geräten bis zu 650 Einzelteile verbaut, kommt Nokia bei seinen Handys mit nur rund 250 Komponenten aus. Und weil für fast alle Modelle die gleichen Chips, Displays und Batterien verwendet werden, kann die Fertigung viel flexibler organisiert werden, und nebenbei sinken die Preise durch die hohen Stückzahlen beim Einkauf der Einzelteile.

Der Konkurrenzkampf in der Boom-Branche ist inzwischen so hart geworden, dass immer mehr Firmen die eigene Produktion der Taschentelefone einstellen. Nachdem im vergangenen Jahr bereits der Stuttgarter Traditionskonzern Bosch aus dem Mobilfunkgeschäft ausstieg, gibt nun auch Ericsson seine Fabriken auf. Um auch noch bei den Entwicklungskosten zu sparen, wollen die Schweden eng mit dem japanischen Elektronik-Multi Sony zusammenarbeiten, der im Telefongeschäft bislang kaum Fuß fassen konnte.

Vergangene Woche kapitulierte schließlich die französische Telefonfirma Alcatel, bei der im ersten Quartal ein Verlust von 150 Millionen Euro im Handygeschäft angefallen war. Auch bei Philips gehört die Einstellung der Produktion neben einem Verkauf der Sparte zu den Handlungsszenarien des neuen Konzernchefs Gerard Kleisterlee, der am 1. Mai die Führung übernimmt.

Gewinner der Krise ist der bislang fast unbekannte kalifornische Konzern Flextronics. Die 1969 gegründete Firma hat sich auf die Auftragsfertigung von Elektronikgeräten verschiedenster Hersteller spezialisiert und übernahm in den vergangenen Jahren etwa 150 stillgelegte Fabriken mit rund 70 000 Beschäftigten in 27 Ländern. Die einstigen Besitzer geben dann Abnahmegarantien, und Flextronics fertigt nach den Vorgaben der Auftraggeber.

Das Geschäft entwickelt sich prächtig, da Flextronics durch die Bündelung der Produktion gute Preise bei den Zulieferern aushandeln kann. So stieg der Umsatz des offiziell in Singapur ansässigen Multis in den vergangenen fünf Jahren von 450 Millionen auf 12 Milliarden Dollar.

Und das ist erst der Anfang.

Die US-Firma Motorola, die vergangenes Jahr einen Großauftrag über 30 Milliarden Dollar an Flextronics vergab, will langfristig rund 40 Prozent der Produktion dorthin verlagern. Selbst Nokia-Chef Jorma Ollila überlegt, Teile der Produktion auszulagern.

Am Ende des wilden Wettbewerb steht womöglich das, was alle am wenigsten erwartet hätten: ein Handymonopol.



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