SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. Dezember 2001, 18:23 Uhr

Mobilfunker Quam

Harakiri im Weihnachtsgeschäft

Von und Michael Kröger

Der Start des Mobilfunk-Neulings Quam gerät zur absurden Posse. Nur drei Wochen nach der Eröffnung der ersten Filialen verkündetet Quam-Chef Ernst Folgmann einen Lieferstopp. Die Konkurrenten hätten blockiert, sagt er. Doch einiges deutet darauf hin, dass Folgmann sich in erster Linie selbst blockiert.

Quam-Werbeträger Sven Hannawald: Gigantische Werbekampagne für ein Produkt, dass der Hersteller selbst boykottiert
AP

Quam-Werbeträger Sven Hannawald: Gigantische Werbekampagne für ein Produkt, dass der Hersteller selbst boykottiert

Hamburg - Die Verkaufs-Filiale an der Spitaler Straße in bester Hamburger Innenstadtlage verrät viel über die Ambitionen von Quam. Um den Platzhirschen D2 Vodafone und T-Mobil das Feld streitig zu machen, hat der Neuling unter den Mobilfunkanbietern eine feine Adresse eingerichtet, direkt gegenüber dem Hauptbahnhof. Feine Hölzer und Glas dominieren. Das coole, zurückgenommene Styling lässt nur eine Botschaft zu: "Wir sind der Mercedes unter den Mobilfunkern".

Allein die Kunden interessiert das wenig. Das 200-Quadratmeter-Areal ist wie ausgestorben. Ein Mitarbeiter vertreibt sich die Zeit an einem der vielen Flach-Bildschirme, zwei andere testen ein Nokia-Handy, das mit einem Palm-Organizer verbunden ist.

Doch die Ruhe täuscht. Die Nerven liegen blank in der Filiale an der Spitaler Straße. Natürlich könne man einen Vertrag abschließen, sagt einer Berater, was erstaunlich ist, hat doch die Geschäftsführung offiziell einen Verkaufsstopp verkündet. Auf die Frage, ob jetzt weniger Kunden ins Geschäft kämen, verweist Filialleiter Sven Böhm kurz angebunden auf die Pressestelle - aber es ist offensichtlich: leichter ist es nicht geworden, neue Kunden in den Laden zu locken.

Auch in der Quam-Zentrale in München gibt man sich offensiv. Das drastische Schritt sei ein Protest gegen die "Blockadehaltung" der Wettbewerber, sagte ein Quam-Sprecher am Dienstag in München. Aus den Netzen der Mobilfunkanbieter T-Mobil (D1) und D2 Vodafone gebe es nach wie vor nur über eine Servicenummer eine Verbindung ins Quam-Netz. "Man will uns ganz offensichtlich das Weihnachtsgeschäft verderben", so ein Sprecher.

Das besorgt man jetzt lieber selbst. Wie das Unternehmen per Pressemitteilung bekannt gab, habe man den "aktiven Verkauf" vorerst eingestellt. Quam-Sprecherin Susanne Westphal erklärt, was das bedeutet: "Wir weisen die Kunden ausdrücklich auf das Problem mit D1 und D2 hin". Wer einen Vertrag will, bekommt ihn jedoch nach wie vor.

Der Schritt von Quam ist eine ebenso symbolische wie hilflose Geste. Denn dem Unternehmen bleibt kaum etwas anderes übrig, als öffentlich zu schmollen. Einklagbare vertragliche Absprachen mit den Konkurrenten T-Mobil (D1) und D2 Vodafone existieren nicht. Man habe von der Konkurrenz, so Westphal, lediglich eine mündliche "Zusicherung" erhalten, dass die Netzanbindung rechtzeitig funktionieren werde - nur scheint man unterschiedliche Vorstellung über deren Inhalt gemacht zu haben.

Wie ausgestorben: Quam Filiale Hamburg
SPIEGEL ONLINE

Wie ausgestorben: Quam Filiale Hamburg

Fragt man die Konkurrenten, die Quam-Chef Ernst Folgmann als Bösewichte hinstellt, wird die ganze Affäre noch rästelhafter. Denn D2 Vodafone will sich nach wie vor an seiner ursprünglichen Zusicherung festhalten lassen. "Wir haben Quam sogar eine bevorzugte Behandlung versprochen", versichert D2-Vodafone-Sprecher Christian Schwolow. Die Anwürfe des Newcomers könne man sich nicht erklären. "Von Anfang an war klar, dass wir die Anbindung bis Anfang Januar hergestellt haben würden, vielleicht auch etwas früher. Normalerweise dauert so etwas rund drei Monate."

Wenigstens in diesem Punkt hatte Folgmann richtig verstanden. Noch vor zwei Wochen hatte er in einem Interview gesagt, "die Kollegen von D1 und D2 haben großes Interesse, ihre Netze so schnell wie möglich freizugeben." Doch ansonsten muss in der Kommunikation mit den Vertragspartnern von Anfang etwas schief gelaufen sein, und Quams Anteil daran war nicht eben gering: Ein erstes Quam-Schreiben vom Oktober, das die Chefetage von D2 Vodafone erreichen sollte, landete nicht in der Düsseldorfer Zentrale, sondern im D2-Call-Center in Ratingen. Auch ein Versuch des Chef-Regulierers Matthias Kurth, zwischen den Parteien zu vermitteln, blieb ohne Erfolg. So liegt denn auch der Schluss nahe, dass es die Wut der Ohnmacht war, die Folgmann zu diesem Weihnachtsharakiri veranlsste.

Intern wachsen inzwischen die Zweifel, ob sich der Ex-Bosch-Manager Folgmann noch lange auf seinem Sessel halten kann. Bisher ist der Quam-Chef vor allem durch Pleiten, Pech und Pannen aufgefallen. Zudem gilt Folgmann, seit Februar im Amt, als verbindlich und harmoniebedürftig oder - anders ausgedrückt - als entscheidungsschwach. In der Branche ist man von Quams Schiffbruch wenig überrascht. "Allen war klar, dass die nie eine Chance hatten", sagt ein Unternehmensberater aus der Telekommunikationsbranche, "Quam ist nur deshalb so früh an den Start gegangen, weil sich die gebuchte Werbung nicht mehr stoppen ließ."

Schwarze Weihnachten

Quam war am 22. November mit seinen Diensten gestartet. Auf dem heiß umkämpften Mobilfunk-Markt hatten Branchenkenner dem Spätstarter allerdings von vornherein nur wenig Chancen eingeräumt, sich gegen die großen Konkurrenten durchzusetzen. Durch den Ausfall des lukrativen Weihnachtsgeschäfts wird Quam es nach Einschätzung von Experten nun noch schwerer haben.

Quam ist die Marke des spanisch-finnischen Konsortiums Group 3G, die sich im August vergangenen Jahres neben D1, D2 Vodafone, E-Plus, Viag Interkom und Mobilcom für mehr als 16 Milliarden DM eine UMTS- Lizenz ersteigert hatte. Bis zum Start des neuen Mobilfunkstandards bietet Quam die Dienste auf dem heutigen GSM-Standard an und nutzt dabei das Netz von E-Plus.

Quam-Werbung läuft weiter

Quam hatte in den vergangenen Wochen in TV-Spots massiv mit Slogan "I Have a Dream" geworben, der vom US-Bürgerrechler Martin Luther King geprägt wurde. Der Spot läuft auch jetzt, nach dem Verkaufsstopp weiter. "Die Werbung", so eine Unternehmenssprecherin, lässt sich nicht mehr stoppen".

Beim offiziellen Verkaufsstart versprach Quam-Chef Ernst Folgmann: "Wir werden für frischen Wind auf dem deutschen Mobilfunkmarkt sorgen". Schon bald werde die gemeinsame Tochter der spanischen Telefongesellschaft Telefónica und der finnischen Mobilfunkfirma Sonera über ein funktionierendes UMTS-Netz in Deutschland verfügen. Mit anspruchsvollen Diensten wie Live-Übertragungen von Sportereignissen, Online-Spielen oder Fotoversand per Handy werde Quam schon bald "die Zukunft in deinem Leben" sein.

Rund 100 Millionen Mark, so schätzen Branchenkenner, hat Folgmann in die Hand genommen, um sein Unternehmen mit Hilfe der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt schnell bundesweit bekannt zu machen. Aber noch immer wissen wenige, was sich hinter der giftgrünen Kunstmarke eigentlich verbirgt. Zahlreiche neue Geschäfte sollen deshalb in besten Innenstadtlagen eröffnet werden und den Kunden lange vor dem Start in die neue Mobilfunkära einen "Vorgeschmack auf UMTS" geben, so Quam-Manager Peter Gottschlich.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung