Mobilfunktrend PTT Wie das "Puscheln" nun auch nach Deutschland kommt

In Amerika gibt es den Trend seit Jahren, demnächst kann man das Handy auch in Deutschland zum Funken benutzen: Mehrere Betreiber planen, die "Push to Talk"-Technologie groß rauszubringen – damit allerdings riskieren sie, sich den lukrativen Markt für SMS kaputt zu machen.

Von Mario Gongolsky


"QRX, Moritz, bitte kommen!" Zwischen Rutsche und Springbrunnen begann so manches kindliche Funkabenteuer, damals, Ende der siebziger Jahre, als die amerikanische CB-Funk-Welle nach Deutschland schwappte. Aus den kleinen Funkern, die stolz wie Oskar mit ihren Handfunkgeräten herumliefen, sind inzwischen gestandene Mobilfunknutzer geworden. Nun soll auch das Handy "funken". Möglich wird dies durch einen Dienst mit dem Kürzel PTT, was für "Push to Talk" steht: "drücken und sprechen". Alternativ sind auch die Abkürzungen P2T oder PoC (Push to Talk over Cellular) gebräuchlich.

PTT wie "Praktisch Total Trendy"

Ein Teilnehmer spricht in sein PTT-Handy, und eine vorab definierte Anzahl von Empfängern kann den "Funkspruch" sofort hören - und das überall, wo das Mobilfunknetz hinreicht, denn der Funkspruch wird digitalisiert und mit GPRS über das Mobilfunknetz übertragen. Das kann ausgesprochen praktisch sein: Soll zum Beispiel das Vereinsfußballspiel wegen der Witterungsbedingungen abgesagt werden, reicht dem Trainer eine einzige PTT-Message, um die ganze Mannschaft zu informieren. Das spart eine Menge Zeit und wird zudem viel günstiger sein, als einzelne Telefonate zu führen oder elf einzelne SMS-Mitteilungen zu versenden. Für die Mobilfunkunternehmen kann sich das trotzdem rechnen, weil eine solche Sprachmeldung zu einer Lawine von SMS-Nachrichten oder weiteren Sprachkommentaren aus der Empfängergruppe führen kann.

Nextel-Handy mit Funktechnologie, hier beim Polizeieinsatz in Pennsylvania: Lawine von Sprachkommentaren als Antwort
AP

Nextel-Handy mit Funktechnologie, hier beim Polizeieinsatz in Pennsylvania: Lawine von Sprachkommentaren als Antwort

T-Mobile ist der erste Mobilfunkanbieter mit eigenem Netz, der mit PTT verdienen will. Das Unternehmen stellte erste Geräte am Freitag bei der Berliner Jugendmesse "You" vor. Über die Preise für den Dienst und die Art der Abrechnung werde noch entschieden, hieß es.

Mobilcom Chart zeigen wiederum gab schon vor einigen Wochen als erster deutscher Mobilfunkdienstleister Pläne für einen eigenen PTT-Service bekannt - und das auf allen drei angebotenen Netzen von T-Mobile, Vodafone und E-Plus. Hierzu läuft derzeit ein Nutzertest, der Erkenntnisse über Nutzungsverhalten und -akzeptanz bringen soll. Ein spezieller PTT-Tarif soll den Dienst zusätzlich attraktiv machen. Auch wenn es hierzu noch keine Details gibt, verrät Bernd Eilitz, Pressesprecher von Mobilcom, auf Anfrage die generelle Marschroute: "Als Zielpreis für eine solche Sprachnachricht wird der SMS-Preis anvisiert." Vielleicht ja noch einen Cent darunter.

PTT als Hoffnung für SMS-Phobiker

Noch ist der Erfolg der PTT-Dienste in Europa nicht ausgemacht. Die Netzbetreiber fragen sich, ob man den kostengünstigen PTT-Dienst, der sowohl den SMS-Markt als auch den Markt für kurze Telefongespräche kannibalisieren wird, überhaupt haben möchte. Die Meinungen hierzu und über die Marktakzeptanz gehen auseinander. Kritische Stimmen unterstellen, der Dienst tauge allenfalls als SMS-Alternative für die Nutzergruppe der über 40-jährigen SMS-Phobiker und bringe kaum zusätzliche Umsätze.

Bei Mobilcom hingegen glaubt man, dass "Puscheln", wie der Walkie-Talkie-Dienst schon liebevoll von den Testnutzern genannt wird, völlig neue Nutzungsmöglichkeiten erschließen wird: "Heute fahren Fahrradkuriere mit einem Funkgerät durch die Gegend", veranschaulicht Eilitz. "Die haben manchmal extra ein Diktiergerät in der Tasche, um sich den nächsten Auftrag noch mal anzuhören. Ein PTT-Handy legt die Sprachnachricht nach der Wiedergabe in einen Speicher ab. Dann braucht es kein Funkgerät und kein Diktiergerät mehr."



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