Arbeiterinnen in der Modeindustrie Die Vergessenen der Coronakrise

In guten Zeiten nähen sie am laufenden Band für Ketten wie C&A oder Primark. Wegen der Coronakrise stornieren Modekonzerne aber Aufträge in Milliardenhöhe, Ländern wie Bangladesch droht eine Katastrophe.
Beschäftigte der Firma Denim Expert: "Ich kann nachts nicht mehr schlafen"

Beschäftigte der Firma Denim Expert: "Ich kann nachts nicht mehr schlafen"

Foto: The Denim expert

In der Jeansfabrik von Mostafiz Uddin in Chittagong arbeiten 2000 Näherinnen. Doch wenn sie kommende Woche aus den in Bangladesch verlängerten Corona-Ferien kommen, wird er keine Arbeit mehr für sie haben. Seine Kunden, darunter der spanische Konzern Inditex (Zara) und der deutsche Discounter Takko, haben Aufträge gestoppt. Selbst laufende Bestellungen werden nicht mehr abgenommen: 20.000 Jeans für Takko seien fertig, sagt Uddin, "Ich solle die erst mal nicht verschiffen, wurde uns mitgeteilt."

Bis auf Weiteres bleibt der 41-Jährige auf der Ware sitzen. Seine Stoffe und den Versand müsse er vorab zahlen, erzählt er, die großen Konzerne hätten dagegen Monate Zeit, um Rechnungen zu begleichen. Während sie sich gegen Krisen wie Pandemien durch Vertragsklauseln absichern, die bei höherer Gewalt sofortige Auftragsstopps erlauben, sitzen Unternehmern wie Uddin die Banken im Nacken und drohen mit der Blockade der Geschäftskonten. An jedem seiner Arbeiter hingen im Durchschnitt fünf weitere Personen, die von dem Lohn versorgt werden müssten. "Ich kann nachts nicht mehr schlafen", sagt Uddin.

Weil Unternehmen wie der Textilriese C&A oder die irische Kette Primark Aufträge für Hunderte Millionen Euro storniert haben, kämpfen die Produzenten der asiatischen Billiglohnländer in der Coronakrise ums Überleben. Am schlimmsten trifft es Myanmar, Kambodscha – und Bangladesch, die Nähstube der Welt, die an der Textilindustrie hängt wie kaum ein anderes Land: 84 Prozent der Gesamtexporte des Landes entfallen auf den Kleidungssektor. Bereits am 22. März, ergab eine Umfrage unter dortigen Arbeitgebern, hatten die Auftragsstopps rund 1,4 Milliarden Dollar erreicht.

Einsamer Kampf

Es ist ein einsamer Kampf, den sie in Bangladesch führen. Solidarität scheinen sie von vielen Auftraggebern nicht erwarten zu können.

Natürlich berücksichtige man auch die Interessen der Näherinnen, lässt etwa ein Sprecher der Billigkette KiK wissen, aber derzeit sei man mit anderen Themen beschäftigt, der Rettung von Arbeitsplätzen in Deutschland.

In den ertragreichen vergangenen Jahren gehörte es zum guten Ton, auch an die Näherinnen zu denken. Kaum ein Wort war den Nachhaltigkeitsmanagern dafür zu groß: Um soziale Verantwortung ging es, um existenzsichernde Löhne. "RESPECT" druckte die Kette Zara vor einigen Monaten auf einen angeblich fair produzierten Kapuzenpulli. "Nun vergessen sie die, die ihnen in den letzten Jahren ordentliche Profite beschert haben", sagt Kalpona Akter, Direktorin des Bangladesh Centre for Worker Solidarity (BCWS). Es gebe einen wichtigen Unterschied zu der Lage im wohlhabenden Westen: "Bei uns bedeutet ein Jobverlust meist, nicht mehr genügend zu essen zu haben." Zudem seien die Arbeiterinnen einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt, nicht nur in den Fabriken. Ein Großteil des Lohns von umgerechnet rund 100 Dollar pro Monat geht für die Miete der Wohnhütten in der Nähe der Fabriken drauf. "Oft teilen sich dort 40 bis 50 Menschen zwei Toiletten und eine Dusche."

Die Situation sei "apokalyptisch", sagt Rubana Huq, Präsidentin des Unternehmerverbands Bangladesh Garment Manufacturers and Exporters Association (BGMEA) am Telefon, "wir sind quasi verloren". In einem Videostatement beschwor sie die westlichen Auftraggeber, "uns nicht hängenzulassen" und zumindest die Produkte abzunehmen, die fertig seien. Man brauche zudem Unterstützung in den kommenden drei Monaten. Die mehr als vier Millionen Arbeiter in den über 4000 Fabriken stünden sonst auf der Straße, es drohe Anarchie.

Auf der BGMEA-Website läuft ein Ticker, der die Katastrophe in Zahlen fasst: Am Wochenende hatten demnach die annullierten und ausgesetzten Aufträge drei Milliarden Dollar überschritten - 1108 Fabriken waren betroffen.

Eine Art Ranking der Rücksichtslosigkeit

Das Center for Global Workers' Rights veröffentlichte auf Basis einer Onlinebefragung bei Arbeitgebern in Bangladesch Ende März eine Art Ranking der Rücksichtslosigkeit: Ganz vorn rangiert Primark mit gecancelten Aufträgen über 273 Millionen Dollar, gefolgt von C&A mit 166 Millionen Dollar. Insgesamt wurden seit Ausbruch von Corona in Bangladesch demnach rund 46 Prozent der laufenden oder bereits fertiggestellten Produktionen storniert. 72 Prozent der Einkäufer würden zudem die von den Lieferanten bereits gekauften Stoffe nicht bezahlen. Vorübergehend beurlaubten Arbeitern steht laut Gesetz ein Teillohn zu, doch 98 Prozent der Käufer beteiligten sich daran nicht.

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Primark bedauerte die Stornierungen, ohne dafür konkrete Zahlen zu nennen. In einem Statement vom Freitag wies die Kette allerdings darauf hin, dass sie bereits auf einem bezahlten Warenbestand von 1,6 Milliarden Pfund sitze, der sich in den Filialen, Depots oder auf dem Transportweg befände. Durch die Filialschließungen gingen dem Unternehmen jeden Monat Umsätze von 650 Millionen Pfund verloren. Bei den stornierten Waren, die sich bereits in der Produktion befinden, bietet Primark einen Kompromiss an: Zumindest für diese Ware will man die Löhne der Fabrikarbeiter finanzieren.

Auch C&A weist auf die schwierige Lage hin. Man arbeite jedoch hart daran, so ein Sprecher, "die Auswirkungen auf unsere Lieferanten zu minimieren".

Die Mail, die der Vermarktungs- zusammen mit dem Beschaffungschef des Konzerns am 23. März an die Lieferanten aussandte, sprach eine andere, herrische Sprache. "Diese außergewöhnlichen Zeiten", hieß es darin, erforderten "außergewöhnliche Maßnahmen." Unter Punkt eins ließen die Manager ihre Lieferanten wissen, alle Aufträge, egal welchen Status sie haben, "sind hiermit mit sofortiger Wirkung gecancelt." Zudem dürften keinerlei Aufträge weiter produziert werden. Man erwarte (Punkt vier), "dass Sie unverzüglich alle nötigen Schritte unternehmen, um Haftungsrisiken Ihnen und/oder C&A gegenüber auszuschließen oder zu minimieren." Von anwendbarem deutschen Recht war in der Mail noch die Rede und von "höherer Gewalt".

Die Näherinnen der rund 150 C&A-Fabriken in Bangladesch wurden nicht erwähnt. "Es gibt Fabriken, die seit Jahrzehnten für C&A nähen, die haben denen hier das Herz gebrochen", sagt ein Textilunternehmer.

"Wer jetzt wie C&A oder Primark Aufträge storniert, der zeigt wie viel wert sein Verantwortungsgerede wirklich ist", sagt Gisela Burckhardt von der Frauenrechtsorganisation Femnet.

Manche Unternehmen scheinen gesprächsbereiter: Die schwedische Kette H&M betonte, man habe gar nicht erst versucht, bereits gefertigte Aufträge zu widerrufen. Tchibo teilte mit, noch keine Aufträge storniert zu haben, bestehende Bestellungen abzunehmen und die Geschäftsbeziehungen – wenn möglich – auch durch neue Bestellungen aufrechtzuerhalten. Auch die Kette Takko, immerhin Mitglied in der Fair Wear Foundation, gibt sich kompromissbereit: Flächendeckende Stornierungen habe es nicht gegeben, lässt eine Sprecherin wissen. "Wir kommen zu 100 Prozent unseren Zahlungsverpflichtungen den Lieferanten gegenüber nach."

Auch mit Denim Expert, der Firma von Mostafiz Uddin, stehe man im Austausch und habe für einen Auftrag in der Vorproduktion eine "gemeinsame Lösung" gefunden. Uddin schickt nachts noch Mails, die seine Enttäuschung zeigen. Er müsse jetzt umgerechnet ein paar Hunderttausend Dollar auftreiben, um die Arbeiter für April zu bezahlen.

Vielleicht, sagt Gisela Burckhardt, ermögliche die Krise auch einen Wandel. Vielleicht schärfe sie die Erkenntnis, dass für billige Überflussproduktion zu viele zu teuer bezahlen müssen. Womöglich ende die Ära der Wegwerfmode.

Rubana Huq, die Präsidentin des Unternehmerverbands, hat da wenig Hoffnung. "Die Großen werden zu uns zurückkommen und sagen: 'Jetzt haben wir eine andere Welt, wir brauchen jetzt noch billigere Ware.'"