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21. September 2008, 07:28 Uhr

Modellbau

Mini-Lkw für die Oberklasse

Von Jochen Schönmann

Jede Schraube ist handgefertigt, Bremsen und Hydraulik ächzen wie bei den Großen - die Firma ScaleArt setzt mit ihren Modellbaulastern Maßstäbe an Perfektion. Selbst Konzerne wie MAN ordern bei der Firma Mini-Ausgaben ihrer Produkte. Die Akribie der Arbeit grenzt an Manie.

"Allmählich beginne ich, unter mir selbst zu leiden", sagt Bernd Brand. "Nix ist gut genug." Perfektionismus kann zur Krankheit ausarten, keine Frage. Doch manchmal findet man glücklicherweise einen Weg, mit seinen Zwängen umzugehen - und verdient dabei auch noch Geld. So geschehen bei Brand.

Denn was seine Kunden dank manischer Akribie immer wieder geliefert bekommen, ist genau deshalb einzigartig und entsprechend heiß begehrt. Brand baut Modelle. In den Werkstatträumen seiner Firma ScaleArt im pfälzischen Waldsee entstehen originalgetreue Nachbauten von Lkw, Baggern und Raupen im Maßstab 1:15. "Originalgetreu" bedeutet in seinem Fall: Jede einzelne Schraube ist eine Eigenanfertigung, jedes Metall wird mit selbst gefertigtem Werkzeug geformt und bearbeitet.

Die Modelle verfügen über fast jedes technische Merkmal der großen Vorbilder: Vom Anlasser über das Motorengeräusch, das Zischen der Hydraulik, das Ächzen beim Heben der Schaufel, bis hin zu Bremsen, Lichtfunktionen, Farben und Schriftzügen. 50 Kilogramm hebt die Schaufel eines Baggers denn auch ohne Probleme. Wer die Trucks auf der Modellroute sieht, fühlt sich, als schaue er von einem Berg auf eine Baustelle in Hochbetrieb. "Wir machen keine Kompromisse", sagt Brand.

Schnell wird klar: Brand dürfte kein einfacher Chef sein. Wenn er über seine Arbeit spricht, schmelzen die kantigen Gesichtszüge zu einer Mimik der Konzentration ein. Wie eine Skulptur. Zeigefinger und Daumen formen dann meist ein O, die restlichen Finger sind abgespreizt. Die Botschaft: Es geht um Perfektion, Präzision, Pedanterie.

Deswegen haben High-End-Spielzeuge auch ihren Preis. Zwischen 10.000 und 15.000 Euro zahlen Käufer für die Prestigeobjekte, in der Regel. Tatsächlich ist die Skala nach oben offen.

Für die Abnehmer spielen Brands Preise allerdings eine untergeordnete Rolle. Kein Wunder, sind sie doch meist vom Fach. Zum Kundenstamm gehören neben der Nutzfahrzeugindustrie und deren Zulieferer auch Spediteure, Modellbauunternehmen, Modellbaufachgeschäfte und Sammler.

Spontanbestellung für 40.000 Euro

Brand liefert seine Miniaturmaschinen in die ganze Welt. Lkw-Bauer wie MAN kaufen bei ihm ein und verschenken die eigenen Sattelzugmaschinen an Großkunden. Mittlerweile besitzen auch Ferdinand Piëch, der Bischof von Krakau oder der Verkehrsminister von Dubai die Modelle von ScaleArt. Es fällt auch schon mal ein Sammler bei ihm ein und ordert binnen einer Stunde Modelle für mehr als 40.000 Euro. Inzwischen arbeiten 14 Leute in Vollzeit für den Betrieb. Darunter auch Brands eigene Kinder. Rund 780.000 Euro Umsatz machte er mit seinen Edelmodellen im vergangenen Jahr.

Dabei war die große Idee von der Klein-Lkw-Produktion eher ein Zufallsprodukt. Brand hatte vor Jahren die Nase voll von seinem Job als Zahntechniker. Doch was tun stattdessen? Etwas Neues musste her. Wie sein Vater, so ist zum Glück auch Brand Quereinsteiger und Autodidakt von Natur aus. Der Senior war Feinmechaniker, Berufmusiker, Zahntechniker. Die Familienkasse war chronisch knapp. "Wir hatten eigentlich nichts. Und trotzdem war's schön", erinnert sich der Sohn. Der Vater hatte ihm damals Trucks aus Schrott zusammengebaut.

Vergoldete Planierraupe mit 0,8 PS

Daran erinnerte sich Brand. Die Geschäftsidee der Miniaturlaster war geboren. Brand war sich sicher: "Die Firmen müssten doch darauf abfahren, ihre eigenen Produkte als Modell zu haben." Er legte los. Auf der weltgrößten Nutzfahrzeugausstellung IAA in Hannover legte der Tüftler gemeinsam mit einem Freund einen Parcours an: Sie betonierten Straßen, bauten Brücken und setzten Landschaften hinzu.

Sie veranstalteten ein derartiges Präzisionsspektakel, dass Spediteure, Maschinenhersteller und Bauunternehmer ihren Augen nicht trauten, als sie sahen, was Brand da zusammenschraubte. Man schütte ihn mit Aufträgen zu. Die Aussicht, hochwertige Geschenke mit Werbung in eigener Sache zu verbinden, war für viele Unternehmenschefs offenbar sehr interessant.

Also mietete Brand ein altes, verwahrlostes Raiffeisengelände und baute sich eine Werkstatt in das alte Gebäude. Er zog Decken ein und legte Show-Room und Ausstellungsflächen für die Modelle an. Alles vom Feinsten. "Hier kommen eben Leute her, die etwas erwarten", sagt er entschuldigend.

Seither hat Brand seine Arbeit immer weiter verfeinert und perfektioniert. "Meine ersten Modelle haben mit dem, was wir jetzt machen, nicht mehr viel zu tun", behauptet der 46-Jährige. Brands Objekte sind unterdessen echte Geldanlagen: Eine Exklusiv-Edition von 75 originalgetreuen Baggern ging beispielsweise an den Modellbauer Graupner: 24 Karat vergoldet mit 0,8 PS Motorleistung. Die Hydraulik arbeitet mit 17 Bar. Öltank, Ventile, Elektronik – alles wie immer eigene Spezialanfertigung. Kosten pro Exemplar: 11.800 Euro.

Fahrzeugflotten graben Gärten um

Der Kundenschwerpunkt liegt derzeit noch bei den Nutzfahrzeugherstellern wie MAN, Meiller und anderen. Das Geschäft, berichtet Brand, verschiebt sich aber mehr und mehr in Richtung gut betuchter Privatleute, die sich ihre Träume verwirklichen. "Die ordern ganze Fahrzeugflotten. Mit denen stellen sie dann realistische Szenen in Miniatur nach, wie sie auf Großbaustellen tagtäglich stattfinden."

Ein schwerreicher Schweizer Unternehmer und Ferrari-Sammler besucht ScaleArt zwei bis drei Mal pro Jahr und gibt seine Bestellung ab. In einem Brief schriebt er: "Habe mit euren Modellen einen Riesenspaß. Wenn ich damit den Garten umgrabe, vergessen mein kleiner Sohn und ich alles andere!"

Doch Brand ist noch immer nicht am Ziel. Gerade überlegt er, massiv zu investieren. Neue Ausrüstung, neues Werkzeug, neue Software. Die Frage nach dem Grund erübrigt sich. "Wir wollen noch besser werden", verkündet der Perfektionist.

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