Molkereien-Boykott "Lieber schütte ich die Milch weg"

Verschwendung aus Protest: 800 Liter Milch hat die Bäuerin Schneebichler einfach verfüttert. Sie und Tausende andere Landwirte haben einen Lieferboykott gestartet, um höhere Preise zu erzwingen. Doch die Industrie gibt sich unbeeindruckt - sie droht, mehr Milch im Ausland zu kaufen.


München - Christine Schneebichler reicht's. 800 Liter Milch, die sie sonst täglich an die Molkerei liefert, hat sie am Dienstag an ihre Tiere verfüttert. Den Verlust von rund 300 Euro nehme sie in Kauf. "Lieber schütte ich sie weg, bevor ich sie an die Molkereien verschenke", sagt die 42-jährige Bäuerin.

Bäuerin Schneebichler: "Wir nehmen unsere Geschäfte jetzt selbst in die Hand"
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Bäuerin Schneebichler: "Wir nehmen unsere Geschäfte jetzt selbst in die Hand"

Wie Schneebichler haben heute Tausende Bauern in Deutschland ihre Milch verfüttert. Andere haben sie in die Gülle geschüttet, um sie später als Dünger auf die Felder zu fahren. Mit dem Lieferboykott wollen sie einen höheren Milchpreis erreichen. 34 Cent je Liter bekommt beispielsweise Schneebichler derzeit. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter, der zu der Protestaktion aufgerufen hat, fordert wegen gestiegener Produktionskosten 43 Cent. Nach Angaben des Verbands machten am ersten Tag des Lieferstopps bundesweit viele der 32.000 Mitglieder mit. "Wir liefern solange nicht, bis unsere Forderungen Gehör finden", sagt Schneebichler.

Ihre Abnehmer dagegen geben sich unbeeindruckt. Auf die deutschen Molkereien habe der Streik der Milchbauern kaum Auswirkungen, sagte der Sprecher des Milchindustrieverbands (MIV), Michael Brandl. "Die große Welle läuft unseres Erachtens nicht." Auch der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels demonstriert Gelassenheit. "Wir erwarten keine Lücken im Kühlregal", sagt Einzelhandelssprecher Hubertus Pellengahr. Das derzeitige Überangebot an Milch mache es leicht, fehlende Lieferungen auszugleichen. "Notfalls kommt die Milch eben aus dem Ausland. Mit Boykott kann man Marktgegebenheiten nicht ändern."

Im vergangenen Jahr hatten die Milchpreise angezogen, nachdem das Angebot auf dem Weltmarkt knapp geworden war. Daraufhin sei die Milcherzeugung gestiegen, die Nachfrage habe aber wieder nachgelassen, erklärt Monika Wohlfarth von der Zentralen Markt- und Preisberichtsstelle (ZMP). In der Folge seien die Preise gesunken.

"Wir nehmen das jetzt selbst in die Hand"

Bei guter Nachfrage hätten die Bauern im Herbst wieder Chancen auf höhere Preise, meint Pellengahr. Die Milchpreise könnten aber nicht die Händler bestimmen. "Das müssen wir dem Markt überlassen."

Der Agrarwissenschaftler Johannes Holzner ist skeptisch, ob wirklich der Markt die Preise bestimmt. Die weltweite Nachfrage nach Milcherzeugnissen sei nach wie vor groß, der Preisverfall bei der Milch deshalb nicht eindeutig zu erklären. Die Marktmacht der Discounter spiele aber eine wichtige Rolle, meint Holzner. "Die Lage für Milchbauern ist momentan sehr kritisch", sagt er.

Laut ZMP bekamen die Bauern für den Monat April bundesweit durchschnittlich 33,20 Cent je Kilo Milch. Parallel zum gesunkenen Milchpreis seien die Produktionskosten durch höhere Energie- und Futtermittelpreise stark gestiegen, sagt Holzner. "Was dadurch aus dem Geldbeutel fließt, kommt durch das Milchgeld gerade noch rein."

Darum könne er den Zorn der Bauern und den Milchlieferstopp nachvollziehen. Allerdings müssten sich die Bauern auf Preisschwankungen bei der Milch einstellen, sagt Holzner. Die Milchquote, die in der EU regelt, wie viel Milch jedes Land produzieren darf, werde 2015 auslaufen. Darum könne man auch keinen festen Milchpreis regeln.

Weitere Bauern müssen in den nächsten Jahren wohl aufgeben, meint Holzner. "Ein kleiner Betrieb ist mit schwankenden Preisen einem wesentlich größeren Risiko ausgesetzt."

Milchbäuerin Christine Schneebichler, die rund hundert Tiere auf ihrem Hof hat, gibt sich trotz solcher Prognosen kämpferisch. "Wir nehmen jetzt unsere Geschäfte selber in die Hand", sagt sie. Der Lieferstopp mache dies deutlich.

Allein in ihrem Dorf beteiligten sich 22 von 23 Bauern an der Aktion. An deren Erfolg glaubt die Bäuerin fest. Die Botschaft an den Handel und die Verbraucher laute: "Milch ist ein Lebensmittel, aber es ist auch ein Mittel, von dem der Bauer lebt."

Maria Marquart, AP

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