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AUFBAU OST Monaco in Vorpommern

Der ganze Osten, klagen Politiker, leidet unter Landflucht und wirtschaftlichem Niedergang. Ein Dorf jedoch lockt mit niedrigen Steuern erfolgreich Unternehmer an.
aus DER SPIEGEL 12/2001

Thierse. Thierse, dieser Schwätzer. Sitzt in seiner Trutzburg am Prenzlauer Berg und hält Grabreden durch seinen Backenbart. Der Osten? Steht »auf der Kippe«, sagt Thierse. Abwanderung. Resignation. Zukunftsangst. Rechtsradikale. Dunkel-Deutschland.

Alles dummes Zeug. Manfred Hering, 48, schiebt einen Zeitungsartikel der »Welt« über den Tisch, er kann es nicht mehr lesen. Er saugt an einer Marlboro. Thierse, sagt er, soll mal herkommen. Kennt Thierse den Osten überhaupt, diesen Osten? Seinen Osten? Es ist ja nicht so, dass alle Ossis blöde seien, sagt er.

Manfred Hering ist Ossi. Er ist Bürgermeister von Wackerow, einer Gemeinde in der Nähe von Greifswald. Wenn er aus seinem Fenster guckt, sieht er einen Bagger. In Wackerow sind jede Menge Bagger im Einsatz. In Wackerow wird gebuddelt und gebaut, und wenn ein Haus fertig ist, fährt der Bagger auf das Grundstück nebenan, und dann entsteht ein neues Haus. Wackerow wächst wie ein Geschwür.

Wackerow ist die Antithese zu Wolfgang Thierse. Der Osten hat 18,9 Prozent Arbeitslose. Wackerow hat 6 Prozent. 1,7 Millionen Menschen haben den Osten seit der Wende verlassen und sind in den Westen gezogen. Als Deutschland vereinigt wurde, gab es in Wackerow 249 Einwohner. Heute sind es 1800.

Nicht, dass Wackerow im Landkreis Ostvorpommern schön wäre. Wackerow sieht aus wie eine Wüste aus lauter Backsteinhäusern, und das Land drum herum ist platt. Hätte die Welt einen Arsch, er könnte Wackerow heißen. Aber er brummt.

Die Leute, die Wackerow kennen, sagen auch »Monaco des Ostens« dazu. Wackerow ist eine Steueroase. Unternehmen, die sich hier niederlassen, zahlen nur etwa ein Drittel der landesüblichen Gewerbesteuer. Das ist das ganze Geheimnis von Wackerow. Weil man hier Geld sparen kann, sind inzwischen 53 Unternehmen in diesem Dorf zu Hause. Und kein Jammer-Ossi, nirgends.

Als es die DDR noch gab, hat Manfred Hering als Baufacharbeiter und Schwimmmeister gearbeitet. 1990 wurde er Bürgermeister von Wackerow. Er wusste nicht, wie Politik geht, und er hatte keine Ahnung von Steuern. Er hatte Glück.

Irgendwann kam nämlich ein Elektromeister aus Greifswald zu ihm, der Mucke hieß. Mucke sagte, er wolle sich selbständig machen. Und Mucke fragte, was er bei Hering für einen »Gewerbesteuerhebesatz« zahlen muss. Hering wusste nicht, was ein Gewerbesteuerhebesatz ist. Mucke erklärte ihm, dass der Gewerbesteuerhebesatz ein Multiplikator ist, mit dem Städte und Gemeinden in Deutschland selber festlegen können, wie viel Gewerbesteuer sie nehmen. Manche nehmen fast 500 Prozent. Manche nehmen auch weniger. Hering beschloss, dass er nur 100 Prozent nimmt. Das war der Anfang.

Manfred Hering ist ein Ossi, der noch immer meint, dass der Ossi vom Wessi was lernen kann. In gewisser Weise bewundert Hering die Wessis. Ohne die Wessis, sagt Hering, wäre sein Dorf nicht so, wie es heute ist. »Ich war nämlich genauso doof, wie jeder Ossi damals doof war«, sagt er.

Kaum war die Mauer auf, saß Hering in einem Skoda und fuhr in den Westen. Er sprach mit Menschen, die vorgaben, etwas davon zu verstehen, wie man eine blühende Landschaft baut. Dann fuhr er nach Bonn ins Regierungsviertel. Von Doktor Jürgen Aretz hat er noch heute eine Visitenkarte. Doktor Aretz war damals Leiter des »Aufbaustabs neue Länder«. Er zeigte Hering erst das Arbeitszimmer von Helmut Kohl und erklärte ihm dann die Welt.

Dann fuhr Manfred Hering zurück nach Wackerow. Irgendwann war ein Brief von Klaus-Peter Schneidewind in der Post. Schneidewind war ein Unternehmer, der Anteile an der Handelskette Spar und einen Sinn für alles Geschäftliche hatte. Er wollte nach Wackerow, weil er gehört hatte, dass man hier so wenig Gewerbesteuer zahlen muss.

Herr Schneidewind zog nach Ostvorpommern und gründete eine Immobilien GmbH. Er verdiente viel Geld, und Wackerow bekam viele Häuser. Und immer mehr Firmen kamen, die ihren Sitz vom Westen in den Osten verlegten. Und Manfred Hering fragte sich: »Hering, bist du jetzt eine Geldwaschanlage hier?«

Als Klaus-Peter Schneidewind Wackerow vor ein paar Jahren verließ, kam Helmut Hamann her. Hamann ist auch ein Wessi. Er ist ein Kaufmann aus Hamburg mit grauen Haaren und einem grauen Anzug und einem Siegelring am Finger. Es ist ihm nicht so wichtig, wo er wohnt. Er hat schon mal in Japan gearbeitet. Das war auch nicht unbedingt schön. Jetzt wohnt er eben genau in der Mitte von Wackerow.

Helmut Hamann, 58, ist das wirtschaftliche Zentrum von Wackerow. Er betreibt eine Firmengruppe, die die Menschen im Ort noch immer nicht ganz durchschaut haben. Nicht mal der Bürgermeister begreift, wie die Dinge bei Herrn Hamann nun genau zusammenhängen. Deshalb hat Herr Hamann dem Bürgermeister neulich ein Fax geschickt, damit er es nicht mehr vergisst. Gegenstand der Firmengruppe, heißt es da, sei »die Verwaltung eigenen Vermögens, der Erwerb und die Veräußerung von in- und ausländischen Beteiligungen und der Erwerb und die Veräußerung von Grundstücken und grundstücksgleichen Rechten«.

Einigermaßen klar ist dagegen, wie Hamann zu Geld kommt. Er kauft der Gemeinde den Grund für 8,50 Mark pro Quadratmeter ab, erschließt ihn, vermarktet ihn und verkauft ihn für 90 bis 110 Mark weiter. Das steht nicht in dem Fax.

Wackerow hat im letzten Jahr acht Millionen Mark an Gewerbesteuer eingenommen. Zwei Drittel davon hat Helmut Hamann gezahlt.

Immer, wenn das Jahr anfängt, kommt der Bürgermeister bei ihm vorbei und erzählt, welche gesellschaftlichen Höhepunkte in den nächsten zwölf Monaten auf dem Plan stehen. »Sommer-Sonnen-Wende-Fest« und »Marsch der Jugendfeuerwehren« und solche Sachen. Dann gibt Hamann Geld, »kleine Beiträge, die das Herz erfreuen«, wie er es nennt.

Vorvergangene Woche, am 8. März, gab es in Wackerow ein Fest, das Hamann noch nicht kannte, als er hier ankam. Sie nennen es »Frauentagsfeier«. Frauentagsfeiern sind aus der DDR übrig geblieben. Einmal im Jahr wurden in den volkseigenen Betrieben die Frauen gefeiert. Weil Manfred Hering diese Idee gut findet, macht er weiter mit Frauentagsfeiern. In diesem Jahr wurden drei Gemeindeangestellte ausgezeichnet. Sie bekamen einen Präsentkorb und eine Flasche Sekt. Hering kaufte Ost-Sekt, Marke »Schweriner Burggarten«.

Außer der Frauentagsfeier gibt es nicht mehr viele ostdeutsche Spuren in Wackerow. In Wackerow hat die PDS keine Chance. Die CDU bekam bei der letzten Wahl 87,75 Prozent. Auch deshalb ist einer wie Helmut Hamann noch hier.

Hamann ist ein Wessi, wie man sich im Osten einen Wessi gemeinhin vorstellt. Er sitzt im Wirtschaftsrat des Landkreises. Als er hier zum ersten Mal den Mund aufmachte, weiß der Bürgermeister Hering noch, »da haben sich die anderen aus Angst in die Hosen gemacht«.

Wenn der ganze Osten so wäre wie Wackerow, wäre der Osten in Ordnung, findet Hamann. Aber leider ist der Osten nicht wie Wackerow.

Hätte er Zeit, würde er mittendrin erst mal einen Golfplatz bauen. Aber er hat keine Zeit. In seinem Büro hängen Bebauungspläne. B 103, B 104 a und B 104 b. Macht zusammen 75 Grundstücke. Die meisten müssen noch verkauft werden.

Monika Kaiser, 37, wohnt im B-Plan 104 a. Sie kam in Greifswald zur Welt, sie machte ihr Chemie-Diplom und gründete dann eine Firma. Sie beliefert Arztpraxen mit Spritzen und Mull und was man noch so braucht in einer Arztpraxis. Dann wurden in Greifswald die Mieten teurer, und Frau Kaiser kam nach Wackerow.

Vor kurzem hat Monika Kaiser ihr Geschäft erweitert. Sie beliefert jetzt nicht nur Ärzte, sondern auch Patienten. Zum Beispiel verkauft sie Windeln an solche, die unter Inkontinenz leiden. Der Gedanke dahinter ist der, dass die Bevölkerung immer älter wird. Ihr Job ist krisensicher.

Frau Kaiser hat Bekannte, die so sind, wie Sachsen-Anhalts eben zurückgetretener Wirtschaftsminister Matthias Gabriel die Menschen im Osten beschrieben hat. Eben solche, die »ihre Kissen in die Fensterbank legen und zuschauen, wie andere ihre Autos einparken«. Wenn sie diesen Bekannten erzählte, wie viel sie arbeiten muss, sagten die Bekannten, Frau Kaiser habe es aber gut, weil sie so viel Geld verdiene.

Wenn sich der Chefsache-Aufbau-Ost-Kanzler einen Ossi backen könnte, käme so etwas wie Frau Kaiser dabei heraus. Sie sagt Sätze wie: »Wenn man sich hinsetzt und darauf wartet, dass einem jemand hilft, kommt keiner.«

Vor fünf Jahren kam Doris P. nach Wackerow. Sie war in Mecklenburg groß geworden und hatte dann in New York als Journalistin gearbeitet. Ihre Idee war, dass alles, was sehr amerikanisch ist, im Osten sehr gut laufen müsste. Sie bekam ein Grundstück am Ortsausgang von Wackerow und stellte drei Eisenbahnwaggons darauf. Darin richtete sie ein Restaurant ein, das erste amerikanische Restaurant des Ostens, ein »Diner«, mit offener Küche, Chrom, Neon, Kunstleder und Fotos von Marilyn Monroe und Clark Gable an der Wand. Der Innenarchitekt, den sie engagierte, kümmert sich normalerweise um die Modehäuser von Wolfgang Joop.

Doris P. glaubte, die Nummer liefe überall im Osten, und machte ein zweites Restaurant auf, im sachsen-anhaltinischen Bernburg. Es dauerte ein Jahr, dann war sie pleite. Die Leute in Bernburg hatten zu wenig Geld und zu große Hemmungen. Bernburg ist nicht Wackerow. Die drei Eisenbahnwaggons auf Wackerows Wiese sehen aus wie eine Freiheitsstatue des Ostens.

Bürgermeister Hering war schon lange nicht mehr im »Doris' Diner«. Er muss aufs Geld achten, weil er arbeitslos ist. Er kriegt 1300 Mark Aufwandsentschädigung und 1400 Mark Arbeitslosengeld.

Sein Haus hat er trotzdem abbezahlt. Kurz nach der Wende betrieb er in Wackerow die erste Videothek Vorpommerns. Es gab Tage, da machte er 2000 Mark Umsatz. 40 Prozent seiner Filme waren Pornos. Aber als Wackerow erblühte, musste er schließen.

In Wackerow guckt man nämlich jetzt keine Pornos mehr. MATTHIAS GEYER

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