Müllers Memo Wir müssen viel besser werden

Eine Wachstumsstrategie für Deutschland: Wir müssen deutlich mehr Geld für Bildung ausgeben, gerade jetzt. Ertragreichere Investitionen gibt es nicht.

Auszubildende im VW-Qualifizierungszentrum (Archiv): In Menschen investieren
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Auszubildende im VW-Qualifizierungszentrum (Archiv): In Menschen investieren

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Der Bazar ist eröffnet: Die Konjunktur lahmt, die Angst vor Deflation geht um, und während die Finanzmärkte auf die nächsten geldpolitischen Gehhilfen durch die Europäische Zentralbank (EZB) warten, die am Donnerstag über den weiteren Kurs befindet, streitet das politische Deutschland darüber, ob und wie der Staat gegensteuern soll. Investieren, Sparen, Steuern senken, "Strukturreformen" (was immer damit gemeint ist) - darf's noch etwas mehr sein?

Es ist nur so: All diese Maßnahmen werden wenig bringen, solange die Deutschen eine alternde, mäßig gebildete Gesellschaft bleiben. Ohne ein Upgrade der Demografie und des Arbeitsmarktes wird die Wirtschaftsnation unweigerlich erschlaffen. Sicher, Straßen sind löchrig, Brücken wackelig, Bahntrassen ruckelig. Aber ohne Investitionen in Menschen, in die nächsten Generationen, bleiben Infrastrukturprojekte sinnlose Anhäufungen von Steinen und Beton.

Es braucht eine produktivitätsorientierte Bildungspolitik, als dritte Säule einer Wachstumsstrategie neben einer entschlossenen Integrations- und einer flexibleren Tarifpolitik. Nur so haben wir die Chance zu verhindern, dass der Wachstumspfad Richtung Nulllinie abfällt.

Worum es geht? In den meisten westlichen Ländern und in vielen Schwellenländern ist die jüngere Generation viel besser ausgebildet als die ihrer Eltern. Nicht so in Deutschland: Bislang verharrt der Akademikeranteil auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Die Bundesrepublik hinkt auf dem Sonderweg der dualen Berufsausbildung der internationalen Konkurrenz hinterher. Nur 27 Prozent der 25- bis 64-Jährigen haben einen Hochschulabschluss. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 33 Prozent. Top-Performer wie Finnland oder Israel kommen auf weit höhere Werte: 38 Prozent respektive 45 Prozent.

Industrie und Handwerk fürchten um ihren Nachwuchs

Die OECD, der Club der reichen Länder, hat eine große Zahl von Bildungsindikatoren zusammengetragen. Sie zeigen: Wir sind Durchschnitt, international gesehen. Für eine Volkswirtschaft, die sich selbst an der Spitze wähnt, ist das zu wenig.

Immerhin, inzwischen steigen auch in Deutschland die Studentenzahlen. Aber statt diese gute Entwicklung zu unterstützen, versuchen Bundesregierung und Arbeitgeber gegenzusteuern.

Industrie und Handwerk fürchten um ihren Nachwuchs. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks behauptet, die Lehre sei "gleichwertig zur akademischen Bildung". In diesem Geiste hat Bildungsministerin Johanna Wanka durchgesetzt, dass der Meisterbrief im Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) mit einem Bachelorabschluss gleichgesetzt wird. Überhaupt will die Ministerin das duale Ausbildungssystem aus Lehre und Berufsschule wieder attraktiver machen.

Was die Bürger, insbesondere die jungen unter ihnen, inzwischen verstanden haben - Hochschulbildung ist besser -, versucht der Staat zu bremsen. Reichlich absurd.

Natürlich hat das deutsche Ausbildungssystem seine Vorteile für Handwerk und Industrie, weil es zuverlässig und kostengünstig Nachwuchs liefert. Der nahtlose Übergang zwischen Lehre und Job ist ein Grund für die niedrige Jugendarbeitslosigkeit. Dass allerdings dieser Nachwuchs in einer sich rasch wandelnden Arbeitswelt auch künftig gebraucht wird, ist alles andere als sicher.

Der bisherige Erfolg des Ausbildungsmodells steht und fällt mit den Exportrekorden der deutschen Industrie. Doch was in der Vergangenheit funktioniert hat, dürfte so nicht weitergehen: Der große Wachstumsschub in den Schwellenländern ist vorbei. Fraglich auch, welche menschliche Arbeit überhaupt noch benötigt wird, wenn Roboter aller Art immer mehr bislang humanoide Tätigkeiten übernehmen. Denkbar, dass die schwache deutsche Lohnentwicklung und die steigende Ungleichheit auch eine Folge des geringen Akademisierungsgrads ist. Themen übrigens, die den deutschen Arbeitgebertag am Dienstag in Berlin beschäftigen sollten.

Je mehr Bildung, desto besser

Natürlich können auch Hochqualifizierte nicht davon ausgehen, lebenslang ihren Job zu behalten. Umso wichtiger ist die Fähigkeit zur Flexibilität. Wer sich auf veränderte Anforderungen einstellen kann, erhöht seine Beschäftigungschancen. In puncto Flexibilität schneiden die Absolventen der klassischen Berufsbildung nicht sonderlich gut ab. Was sich an den Arbeitslosigkeitsprofilen zeigt: In jungen Jahren, kurz nach der Lehre, sind die Beschäftigungschancen gut. Logisch, die Absolventen sind passgenau für ihren Lehrbetrieb ausgebildet. Mit zunehmendem Alter allerdings steigt das Risiko des Jobverlusts. Die spezielle Qualifikation erweist sich leicht als Falle.

Die Folgen: Unter Akademikern sind nur rund zweieinhalb Prozent arbeitslos. Bei Menschen, die eine Lehre absolviert haben, liegt die Quote doppelt so hoch. Unter Unqualifizierten beträgt der Anteil gar 20 Prozent.

Die Zahlen sind völlig eindeutig. Je mehr Bildung, desto besser - für die Beschäftigten und für die Volkswirtschaft. Nirgends sind die Milliarden besser angelegt. Keine andere Investition wirft so hohe Renditen ab, wie Studien der OECD zeigen. Nur wo es viele exzellent Gebildete gibt, gedeiht die Wirtschaft.

Eine produktivitätsorientierte Bildungspolitik, wie sie etwa die skandinavischen Länder betreiben, verfolgt das Ziel, so viele junge Leute wie möglich zum Hochschulabschluss zu geleiten. Das beginnt in Kindergärten und Grundschulen und zieht sich durch bis in die Hochschulen, wo sich künftig auch Erwachsene mittleren Alters weiterbilden sollten. Egal wohin man schaut: Auf all diesen Feldern können wir in Deutschland vieles besser machen.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche

Montag

Frankfurt - Blühende Landschaften 2.0 - Helmut Kohl stellt sein Buch "Aus Sorge um Europa" vor, Parteifreund Jean-Claude Juncker lobt.

Berichtssaison - Neue Zahlen - Vom dritten Quartal berichten L'Oréal, Holcim, Ryan Air.

Dienstag

Berlin - Lobbying XXL - Wer Rang und Namen in der Berliner Politik hat, trifft sich beim Deutschen Arbeitgebertag, darunter Merkel, Gabriel, Seehofer, Oettinger, Wanka.

Frankfurt - Draghi, bitte übernehmen! Die EZB bekommt die Zuständigkeit für die Bankenaufsicht im Euroraum.

Berichtssaison - Neue Zahlen - Vom Quartal berichten unter anderen BMW, Fresenius und der Verband der chemischen Industrie.

Luxemburg - Strahlende Einnahmequellen - Am Europäischen Gerichtshof wird über die Rechtmäßigkeit der Brennelementesteuer verhandelt - eine Spätlast des Konjunkturprogramms von 2009.

Washington - Angekündigte Ohrfeige - Die Kongress-Zwischenwahlen in den USA zur Mitte von Barack Obamas zweiter Amtszeit dürften zur Abrechnung des Volkes mit einem glücksarmen Präsidenten werden.

Mittwoch

Berichtssaison - Neue Zahlen - Kion, Alstom und Rupert Murdochs News Corp. berichten vom vorigen Quartal.

Donnerstag

Brüssel - Die Euro-Gruppe der Finanzminister der Währungsunion guckt sich die Haushaltspläne einzelner Länder noch mal genauer an, vor allem jene Frankreichs und Italiens.

Frankfurt - Schön locker bleiben - Der Rat der Europäischen Zentralbank befindet über den weiteren geldpolitischen Kurs.

Berichtssaison - Neue Zahlen - Neue Einsichten in den Geschäftsverlauf von Deutsche Telekom, Commerzbank, Lanxess, SGL Carbon.

Freitag

Berichtssaison - Neue Zahlen - Quartalsberichte von Allianz, ArcelorMittal, Richemont und Asklepios.



insgesamt 123 Beiträge
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Seite 1
hotgorn 02.11.2014
1.
Ich habe mich trotz mobbing und fehlender Unterstützung aus dem Elternhaus gebildet das kapital dankt es mir nicht.
Monsterwelle 02.11.2014
2. Hausgemacht
Man hätte einfach das deutsche Bildungssystem nicht ständig "reformieren" sollen. Aber es durfte ja jeder Soziologe oder Pädagoge seine Theorien ausprobieren. Jetzt ist es zu spät, freuen sich die Firmen schon darüber, wenn ihre jungen neuen Mitarbeiter wenigstens ab und zu auch mal ein Komma setzen.
eisbärchen_123 02.11.2014
3. Wir müssen deutlich mehr Geld für Bildung ausgeben...
Wir müssen deutlich mehr Geld für Bildung ausgeben. Ja, genau. Der Meinung bin ich auch. Nur, der Herr Schäuble will die schwarze Null erreichen, mehr zum Selbstzweck und für den Eintrag seines Namens in die Geschichtsbücher. Sinnvolle Zukunftsinvestitionen mit dieser Bundesregierung?? Fehlanzeige!!
marxtutnot 02.11.2014
4. Bessere Bildung und Qualifikation
ist aber politisch und wirtschaftlich NICHT gewollt. Eine verbesserte Bildung kostet Zeit und Geld und widerspricht dem Ziel der sofortigen Renditemaximierung. Die "bessere" Beschäftigungslage bei Akademikern ist teilweise auch dem Ausnutzen von Praktika anstelle von regulären Anstellungen geschuldet. Der Vorwurf der Geiz-ist-geil-Menthalitaet bei Verbrauchern, trift verstärkt auf unsere Wirtschaft zu.Sie verlangt Spitzenleistung zum Billigtarif
Espejo en vivo 02.11.2014
5. Kinder sind keine Wähler
Deshalb wird die Regierung weiter lieber Geschenke für Rentner verteilen, statt in Bildung zu investieren.
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