Euro-Krise Die Mär von der Überlastung Deutschlands

Kanzlerin Merkel warnt vor einer Überforderung Deutschlands in der Euro-Krise. Doch läuft das Land wirklich Gefahr, sich zu übernehmen? Schon einmal wurde der Bundesrepublik die Funktion einer globalen Konjunktur-Lokomotive aufgedrängt - gegen erheblichen innenpolitischen Widerstand, aber mit Erfolg.
Angela Merkel im Kanzleramt: Blufft die Bundeskanzlerin?

Angela Merkel im Kanzleramt: Blufft die Bundeskanzlerin?

Foto: Wolfgang Kumm/ dpa

Man sollte vorsichtig sein, Deutschland zu überfordern. So sagte es Angela Merkel vor dem Bundestag. Es ist nicht das erste Mal in der bundesdeutschen Geschichte, dass der Rest der Welt Forderung an Deutschland stellt, die Deutschland nicht erfüllen will oder kann. Man erinnere sich an den vierten Gipfel der G7, der damals sieben größten Industrieländer, der im Jahre 1978 in Bonn stattfand. Bundeskanzler Helmut Schmidt und sein japanischer Kollege Takeo Fukuda kamen unter Druck durch Jimmy Carter und andere, die heimische Wirtschaft zu stimulieren. Politiker und Journalisten sprachen damals von Deutschland als einer Lokomotive für die Weltkonjunktur.

Schmidt lenkte ein. Die Lokomotive geriet durch die zweite Ölkrise etwas später erneut ins Stocken, aber die Weltkonjunktur brach trotz Ölschocks und Rezessionen in den USA und Großbritannien zumindest nicht zusammen. Der Beschluss von 1978 war ein wichtiges und gutes Beispiel, wie globale Wirtschaftskoordination funktionieren kann. Deutschland und Japan haben die Weltkonjunktur nicht eigenhändig aus dem Schlamassel gezogen. Aber sie haben einen wichtigen Beitrag geleistet, dass es nicht noch schlimmer kam.

Wenn Angela Merkel jetzt ebenfalls darum bittet, man solle Deutschland nicht überfordern, dann fragt man, ob sie wie Schmidt damals einknicken wird, wenn sich die Staats- und Regierungschef der zwanzig größten Industriestaaten Anfang der Woche in Mexiko treffen, oder beim Euro-Gipfel eine Woche später.

Blufft die Bundeskanzlerin?

Was ich immer häufiger in Diskussionen im Ausland höre, ist die Frage, ob die Bundeskanzlerin blufft. Deutschland wäre bei einem Euro-Zusammenbruch der Hauptleidtragende. Der Grund sind Überschüsse im europäischen Zahlungssystem und die Kreditgarantien für Griechenland, Irland, Portugal und bald auch Spanien. Das könnte zu Verlusten von locker einer Billion Euro führen. Angesichts dieser Zahlen fragen sich immer mehr ausländische Politiker und Ökonomen, ob man vielleicht mal den Härtegrad von Angela Merkel testen sollte?

Ich rate davon ab. Die deutsche Position ist zum Teil irrational. Man will seine Kreditrisiken strikt begrenzen, aber man will auch nicht, dass der Euro auseinander bricht. Und wenn man die beiden Ziele nicht in Einklang bringen kann, dann schlägt man verbal um sich. Das Verhalten erinnert eher an einen Psychopathen, der sich eine Waffe an die Schläfe hält und Drohungen ausspricht. Auch wenn die Gefahr für den Betroffenen größer als für die Umwelt ist, besteht immer noch ein gewisses Restrisiko. Und so warne ich davor, deutsche Rationalität in der Debatte zu überschätzen.

Auch Merkels Warnung vor einer Überlastung Deutschlands ist so ein irrationaler Akt. Ich würde von einem Kategorienfehler sprechen. Wenn man von Deutschland fordern würde, die Schulden von Griechenland, Italien, Spanien, Portugal und Irland zu bezahlen, dann wäre das in der Tat eine Überladung. Das kann Deutschland natürlich nicht. Aber das ist es auch nicht, was irgendjemand mit Einfluss in dieser Debatte verlangt. Die Idee der Bankenunion ist nicht, wie man in Deutschland landläufig meint, dass deutsche Sparer griechische Konten garantieren. Die Idee ist, dass man in Europa einen gemeinsamen Fonds zur Rekapitalisierung der Banken schafft, auch deutscher Banken, und die Aufsicht zentralisiert. Wenn das einmal geschaffen ist, dann ist die Frage nach einer Einlagenversicherung eine ganz andere. Und es ist auch nicht unbedingt notwendig, dass das von den Sparern selbst finanziert werden muss. Wenn die Bankenunion steht, dann kann diese Funktion auch bei der Europäischen Zentralbank angesiedelt werden.

Verlangt wird die Vergemeinschaftung unabsehbarer Risiken

Was von Deutschland und von allen anderen 16 Euro-Ländern verlangt wird, ist nicht die Vergemeinschaftung von Schulden selbst. Es ist die Vergemeinschaftung unabsehbarer Risiken. Ohne diese ist die Lage aussichtslos. Deswegen bastelt man jetzt in Brüssel an Maßnahmen, die man treffen muss, damit man morgen noch atmet, und an den Atemregeln danach.

Ein weiteres Zeichen der Irrationalität ist die Verbreitung von Verschwörungstheorien, etwa dass Ausländer an unser hartverdientes Geld wollen. Ich musste neulich laut lachen, als ich in einer konservativen Zeitung von einer Verschwörung angelsächsischer Investoren und den Linken in Deutschland las. Wie erklärt das die Massenflucht asiatischer Anleger aus dem Euro-Raum? Sind das etwa auch Angelsachsen? Oder Mitglieder der Linken?

Man erwartet von Angela Merkel keine Opfer, sondern lediglich die Bereitschaft, ein Problem zu lösen. Stattdessen sucht sie Zuflucht in langfristigen Themen wie die politische Union. Das ist so, als würde eine Feuerwehr bei einem Brand anrücken, aber anstatt zu löschen, erst einmal erklären, was alles nicht gelöscht werden wird, und sich vor dem Einsatz alle möglichen Papiere unterschreiben und ratifizieren lässt. Ist es ein Minderwertigkeitskomplex, der diese irrationale Haltung bestimmt? Oder die Unfähigkeit, über den eigenen Teller hinauszusehen? Oder vielleicht ein Unverständnis ökonomischer Ereignisse?

Vor 34 Jahren lief Deutschlands Wirtschafts-Establishment ebenfalls Sturm gegen die Politik der Regierung. Es hat sich seitdem wenig geändert. Der wesentliche Unterschied ist, dass mit der Währungsunion heute der Einsatz höher ist.