S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Ein deutsches Tabu nach dem anderen wird kippen

Negative Zinsen und ein umfangreiches Aufkaufprogramm von Anleihen und Krediten: Die EZB wird zu unkonventionellen Mitteln greifen müssen, um die schwelende Euro-Krise einzudämmen. Fragt sich nur, wie die Notenbanker den Tabubruch kommunizieren.

Eine Kolumne von


In diesen Wochen bahnt sich eine wichtige Korrektur in der europäischen Geldpolitik an. Die Geschichte, um die es hier geht, ist ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn Zentralbanken politische Tabus brechen müssen. Ein solcher Tabubruch steht jetzt unmittelbar bevor.

Die Geschichte nahm vor gut vier Jahren ihren Anfang. Im Mai 2010 war die Euro-Krise gerade mal ein gutes halbes Jahr alt. Sie erinnern sich vielleicht noch? Der damalige Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, legte unter deutschem Protest ein Aufkaufprogramm von Staatsanleihen auf. In den darauffolgenden Monaten kaufte die EZB mehr als 200 Milliarden Euro an Staatsanleihen - rund die Hälfte davon aus Italien.

Die beiden damaligen deutschen Vertreter im EZB-Rat, der ehemalige Bundesbank-Chef Axel Weber und EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark, waren strikt dagegen. Sie verloren. Die Skeptiker setzten aber in den Verhandlungen ein wichtiges technisches Detail durch: Die EZB musste für jeden Euro, den sie aufkaufte, einen Euro anderswo aus dem System abschöpfen. Im Jargon der Zentralbanker nennt man das eine Sterilisierung. Die Idee dahinter: Die Geldmenge im Euro-Raum sollte sich nicht erhöhen.

Danach passierte lange nichts, bis der neue EZB-Chef Mario Draghi vor zwei Jahren Geld in den Markt pumpte. Die Banken bekamen einen Dreijahreskredit von rund einer Billion Euro. Seit ungefähr einem Jahr zahlen die Banken diesen Kredit kräftig zurück.

Das hört sich alles zunächst nach einem Abhaken der Krise an. Die voreilige Rückzahlung ist aber aus Sicht der EZB ein Problem. Denn je schneller die Banken den Kredit tilgen, desto höher steigen die Zinssätze an den Märkten.

Der Euro-Raum erlebte ganz still und heimlich eine Zinserhöhung

Warum das so ist, ist technisch ein wenig kompliziert. Es hängt mit dem System zusammen, mit dem die EZB die Zinsen an den Märkten steuert. Sie benutzt dazu zwei Zinssätze - einen für die normalen Geldgeschäfte. In den Medien spricht man hier von dem Leitzins. Dann gibt es noch einen Zinssatz, den die Banken erhalten, wenn sie überschüssiges Geld bei der EZB kurzfristig parken.

Jetzt liegt der Leitzins bei 0,25 Prozent, der "Parkzins" bei null. Die Bandbreite dazwischen nennt man den Zinskorridor. Als die Banken den Dreijahreskredit aufnahmen, hatten sie mehr Geld, als sie brauchen. Die Zinsen an den Märkten fielen damals auf fast null - auf den unteren Rand des Korridors. Da die Banken aber immer mehr Geld zurückzahlen, hat sich wieder alles fast normalisiert. Die Zinsen sind wieder nahe am oberen Rand. Der Euro-Raum erlebte also ganz still und heimlich eine Zinserhöhung. Und damit hat die EZB ein Problem. Die Inflation liegt mittlerweile bei nur 0,7 Prozent. Steigende Marktzinsen wirken da wie Gift.

Eine Lösung des Problems wäre dabei sehr einfach - womit wir bei den Sterilisierungen wären: Man hört auf, den auf mittlerweile 175 Milliarden Euro geschrumpften Bestand des damaligen Aufkaufprogramms jede Woche erneut aus dem Markt zu schöpfen. Damit würde sich die überschüssige Liquidität im System mehr als verdoppeln. Die Marktzinsen könnten dann de facto wieder in Richtung null fallen.

Die EZB wird weitergehen müssen

Dagegen gibt es zwei Einwände, die sich widerlegen lassen. Erstens: Würde man damit nicht Staatsschulden finanzieren? Nein, das würde man nur bei einem Zahlungsausfall. Wenn Italien seine Schulden nicht mehr bezahlen könnte, dann hätten wir aber ganz andere Probleme als die Sterilisierungen.

Der zweite Einwand ist: Es macht doch keinen Unterschied, ob die Zinsen bei null oder 0,25 Prozent liegen. Auch das ist falsch. Wenn es nur um Tagesgeschäfte der Banken ginge, dann macht ein Viertelprozent-Pünktchen in der Tat nichts aus. Aber mit jeder Zinsänderung bewegen sich alle Zinsen im Markt. Hinzu kommt, dass die EZB mittlerweile jetzt auch im Voraus sagt, dass sie die Zinsen nicht erhöhen will. Wenn die Marktzinsen klammheimlich steigen, dann verpufft dieser Effekt.

Die EZB könnte jetzt diese unsäglichen Sterilisierungen aussetzen. Sie könnte die Leitzinsen noch weiter senken. Nach meiner Einschätzung wird sie am Ende noch darüber hinausgehen. In diesem Prozess wird ein deutsches Tabu nach dem anderen kippen: Die Sterilisierungen sind nicht zu halten, die negativen Zinsen kommen und irgendwann auch das große Aufkaufprogramm von Anleihen und Krediten. Man muss nur noch einen Weg finden, das alles zu kommunizieren.

Ich wünsche dabei viel Spaß. Die Wahrheit über die Euro-Zone im Jahre 2014 ist aber, dass ohne die EZB nichts mehr läuft. Sie ist die eigentliche Macht im Euro-Raum.



insgesamt 148 Beiträge
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Seite 1
Flugor 05.02.2014
1. Laberkopf
Inflation entsteht durch höhere Löhne, nicht durch Monetisierungen Seitens einer Zentralbank. Derzeit liegt die Inflation in der Eurozone u.A. deshalb so niedrig, weil die Arbeitslosigkeit hoch ist und so geringere Nachfrage auf hohe Produktionskapazität trifft. Wollte eine ZB Inflation generieren, müsste sie nur jedem Bürger Geld schenken, nicht aber (wie von Münchau vorgeschlagen) durch Monetisierung riskante Depotwerte in risikolose Bankguthaben verwandeln. Münchau sucht wohl einen Dummen als Käufer seiner Aktien und verortet ihn bei der EZB.
THINK 05.02.2014
2.
Zitat von sysopNegative Zinsen und ein umfangreiches Aufkaufprogramm von Anleihen und Krediten: Die EZB wird zu unkonventionellen Mitteln greifen müssen, um die schwelende Euro-Krise einzudämmen. Fragt sich nur, wie die Notenbanker den Tabubruch kommunizieren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/muenchau-kolumne-ezb-muss-negative-zinsen-und-anleihekaeufe-zulassen-a-951658.html
Die EZB und die Politiker versuchen mit untauglichen Mitteln und erfolglos ein totes Finanzsystem und damit die globale Finanzindustrie wieder zu beleben. Um so länger sie das versuchen, um so schlimmer wird die Situation. Seit Jahrzehnten ist eine komplette und radikale Neuordnung der Weltwirtschaft und der Finanzindustrie überfällig.
prince62 05.02.2014
3. Nach 6 Jahren keine Krise mehr, jetzt Dauerzustand.
Zitat von sysopNegative Zinsen und ein umfangreiches Aufkaufprogramm von Anleihen und Krediten: Die EZB wird zu unkonventionellen Mitteln greifen müssen, um die schwelende Euro-Krise einzudämmen. Fragt sich nur, wie die Notenbanker den Tabubruch kommunizieren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/muenchau-kolumne-ezb-muss-negative-zinsen-und-anleihekaeufe-zulassen-a-951658.html
Herr Münchau, immer noch nicht kapiert, eine Krise die jetzt stramm ins 6. Jahr maschiert ist keine Krise mehr, das ist schon der Dauerzustand. Das wird solange anhalten, solange Deutschland zahlungsfähig ist, erst dann wird das jahrzehntelange Lügengebilde Euro in sich zusammen brechen.
malocher77 05.02.2014
4. Dieser Euro
Funktioniert nicht ohne Markt Manipulation, und was nicht funktioniert muss abgeschafft werden.
Progressor 05.02.2014
5. Der heisse Brei
Zentralbanken können nur die Zinsen festlegen, nicht aber, was auch und vor allem im Euroland nötig wäre, die nachfragewirksame Geldmenge. Man kann jetzt die EZB-Geldpolitik hin und her schlaubergern, es nutzt aber alles nichts mehr: Es werden staatliche Konjunkturprogramme auf Pump in Höhe von mehreren hundert Milliarden Euro benötigt. Mein Vorschlag: Einfach abwarten bis wir uns in einer Depression mit Deflation und Liquiditätsfalle befinden. Vielleicht gehen dann einige makroökonomischen Zusammenhänge in die Birnen rein.
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