Mietwucher in München Wenn das Dach überm Kopf zum Luxus wird

Die Mietpreise im Großraum München explodieren - und mit ihnen die Zahl der Menschen ohne feste Bleibe. Schätzungen zufolge ist bereits rund jeder 200. Bewohner wohnungslos.

Familie Kharabanda: Man muss viel Rücksicht nehmen"
Tobias Lill

Familie Kharabanda: Man muss viel Rücksicht nehmen"

Von , München


Samar Kharabanda wächst anders auf als die meisten Gleichaltrigen - das merkt er zum Beispiel bei Regen: Wenn Freunde zu ihm nach Hause wollen, muss er das meist ablehnen. "Wir haben ja nicht genug Platz zum Spielen", sagt der 14-Jährige.

Seit über einem Jahr lebt er mit seiner wohnungslosen Familie in einem Notquartier eines Wohlfahrtsverbands im Münchner Vorort Planegg. Bad und Küche teilen sich dort 15 Menschen. Samar, sein zwölfjähriger Bruder, seine sechsjährige Schwester und die Eltern leben in zwei Zimmern des alten Hauses auf gut 30 Quadratmetern. "Man muss viel Rücksicht nehmen", sagt Samar.

"Zu fünft bleibt keine Privatsphäre", sagt der arbeitslose Vater Raj. Wie so oft sitzen sie an diesem Sommertag im Wohnzimmer auf einer alten Couch, die einen großen Teil des Zimmers ausfüllt. Oft sorgen die beengten Verhältnisse für Streit - etwa, wenn ein Teil der Familie fernsehen will, der andere aber spielen.

Das Bild eines Sportwagens hängt an der Wand - ein PS-Bolide, wie er nur wenige Häuser von den Kharabandas entfernt parkt. Hier im Süden von München prallen immer öfter die Gegensätze von Arm und Reich aufeinander. Die Zahl der Menschen ohne eigenes Zuhause sei zuletzt ausgerechnet im wohlhabenden Großraum München massiv gestiegen, berichtet Thomas Duschinger von der Wohnungslosenhilfe Südbayern: "Anders als früher sind zunehmend auch Alteingesessene aus der unteren Mittelschicht betroffen, die sich die Wohnungen schlicht nicht mehr leisten können." Darunter seien immer mehr Familien. Auch beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Oberbayern heißt es, Wohnungslosigkeit gehöre in München und seinem Umland "längst auch für Normalverdiener zur Realität".

"Wer seine Wohnung verliert, kann sich oft keine neue leisten"

Kein Wunder: München wächst pro Jahr um gut 25.000 Einwohner, im Mai wurde die 1,5 Millionen-Marke geknackt. Laut dem städtischen Sozialreferat entstehen an der Isar jährlich etwa 6000 bis 7000 zusätzliche Wohnungen. Um den Bedarf zu decken, müssten es jedoch etwa doppelt so viele sein.

Wer auf Seiten wie immowelt.de nach einer Mietwohnung in München sucht, zahlte zuletzt etwa 18 Euro pro Quadratmeter, bei weniger als 40 Quadratmetern sogar noch einmal die Hälfte mehr. Doch 900 Euro Kaltmiete für 50 Quadratmeter ist für viele Menschen mit Durchschnittsgehalt zu viel. "Wer seine Wohnung verliert, kann sich nicht selten schlicht keine neue leisten", sagt Anja Franz, Sprecherin des örtlichen Mietervereins. Immer öfter wenden sich Münchner, die ihre Wohnung verlassen müssen, an den Verein. Etwa, wenn eine energetische Sanierung oder der neue Aufzug die Miete auf einen Schlag um einige hundert Euro nach oben treiben.

Mitunter werden bezahlbare Wohnungen auch einfach abgerissen. Da ist etwa das Rentnerpaar im zentrumsnahen Glockenbachviertel: Weil ihr Mietshaus einem Neubau weicht, mussten sie vor Kurzem ihre Wohnung verlassen - nach beinahe fünf Jahrzehnten. Obwohl der Mann sein Leben lang bei einem Autobauer am Band geschuftet hatte und der alte Vermieter eine ordentliche Abfindung zahlte, fanden sie keine Ersatzwohnung.

Der Trend ist klar: Lebten Ende 2010 nur rund 2400 Menschen in von der Stadt und Verbänden bereitgestellten Notquartieren, Pensionen oder Gemeinschaftsunterkünften, waren es Ende April dieses Jahres laut Münchner Sozialreferat bereits knapp 4700. Hinzu kommen nach Angaben des Sozialreferats noch etwa 550 Menschen, die sich auf der Straße durchschlagen - Ende 2010 sollen es lediglich 340 gewesen sein. Geschätzt weitere 2000 Wohnungslose sind einem Behördensprecher zufolge nur deshalb nicht in der Statistik erfasst, weil sie vorläufig bei Freunden, der Familie oder anderswo notdürftig privat unterkommen. So etwa das Rentnerpaar aus dem Glockenbachviertel, das mangels Alternativen getrennt voneinander beim Sohn und bei der Tochter einziehen musste.

Es trifft immer öfter die Schwächsten der Gesellschaft

Rechnet man diese Menschen hinzu, ist derzeit fast jeder 200. Münchner wohnungslos. Und es trifft immer öfter die schwächsten der Gesellschaft: Die Zahl der notdürftig untergebrachten Kinder stieg in der bayerischen Landeshauptstadt seit Oktober 2012 von gut 800 auf zuletzt fast 1400.

Im Umland sieht es oft nicht viel besser aus. Selbst im 70 Kilometer von München entfernten Ingolstadt verzeichneten die Behörden von Ende 2012 bis Mai dieses Jahres einen Anstieg der gemeldeten Wohnungslosen um 38 Prozent. Deren hohe Zahl ausgerechnet im reichen Freistaat sei "beschämend", ärgert sich Thomas Beyer, Chef der bayerischen Arbeiterwohlfahrt: "Viele dieser Menschen gehen einer geregelten Arbeit nach."

Anderswo in der Republik wuchs die Zahl der Menschen ohne feste Bleibe zuletzt in weit geringerem Tempo. Das ergab eine Umfrage von SPIEGEL ONLINE unter den zehn größten deutschen Städten. In Köln etwa stieg die Zahl der gemeldeten Wohnungslosen von Mitte 2008 bis Mitte 2014 um 27 Prozent, in Bremen von 2008 bis Ende 2013 um etwa sechs Prozent. Frankfurt am Main verzeichnete seit 2008 einen Zuwachs in der offiziellen Statistik um etwas mehr als ein Drittel auf zuletzt 2500. In Dresden gab es einen Anstieg um 53 Prozent auf 297 Wohnungslose. Im prosperierenden Leipzig mussten Stadt und Wohlfahrtsverbände zuletzt nicht einmal mehr halb so viele Menschen in Notquartieren unterbringen wie noch vor sieben Jahren.

Hamburg hatte in derselben Zeit dagegen einen Zuwachs von 70 Prozent auf 6147 Wohnungslose zu stemmen - dieser geht jedoch der Sozialbehörde der Hansestadt zufolge fast ausschließlich auf ein massives Plus bei anerkannten Flüchtlingen zurück. Für deren Unterbringung sind die Städte und Gemeinden zuständig, weshalb es auch in Düsseldorf zuletzt etwas mehr Wohnungslose gab. Einen prozentual höheren Anstieg als München (plus 112 Prozent) verzeichneten seit 2008 lediglich Essen und Dortmund. In beiden Städten sind die Wohnungslosenzahlen auf die Einwohnerzahl gerechnet jedoch noch immer weit geringer als an der Isar.

Etwa hundert neue Wohnungslose in München pro Monat

Sprecher der zuständigen Behörden in Stuttgart und Berlin konnten nicht sagen, wie sich die Zahl der Wohnungslosen in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Und eine bundesweite Statistik existiert bislang nicht. Klar ist: Noch liegt die bayerische Landeshauptstadt pro Kopf hinter einzelnen Städten wie Köln, wo bereits 2014 auf 10.000 Einwohner 51 Wohnungslose kamen. Allerdings wächst die Zahl der Wohnungslosen in München um etwa hundert pro Monat. Weshalb Sozialverbände damit rechnen, dass die Isar-Metropole auch auf die Einwohnerzahl gerechnet bald Spitzenreiter sein könnte.

Der Anteil des Netto-Einkommens, den die Münchner für die Miete ausgeben, ist seit Jahren höher als in anderen Städten. Die Wohnungslosenhilfe Südbayern sieht deshalb den Freistaat in der Pflicht. Doch das Land Bayern hat vor zwei Jahren sogar rund 10.000 staatseigene meist günstige Wohnungen in München verkauft. Auch die Stadt tut aus Sicht von Kritikern zu wenig gegen den Mangel. So sank die Zahl der Sozialwohnungen in München von 72.000 im Jahr 1990 auf heute gut 44.000. Pro Jahr werden nur 3700 dieser Wohnungen frei, ihnen stehen über 20.000 Interessenten gegenüber.

Das Wohngeld hilft Betroffenen kaum. Nicht einmal 4471 Haushalte an der Isar profitierten im April davon. "Die Miet- und Einkommensgrenzen sind für München zu niedrig", klagt ein Sprecher des Sozialreferats.

Glück haben dagegen die Kharabandas. Sie haben kurzfristig die Zusage für eine Gemeindewohnung erhalten und können dort bereits in den kommenden Tagen einziehen.

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Seite 1
johnnybach 01.09.2015
1. Überraschung ...
... wenn der Wohnungsbau unattraktiv gemacht wird, sinkt in einer wachsenden Stadt wie München das Angebot (bzw. wächst nicht schnell genug).
spon-facebook-1261351808 01.09.2015
2. Katastrophale Wohnungsbaupolitik!
Das liegt an der so gut wie nicht vorhandenen Wohnungsbaupolitik in München. Dass die Menschen dort nicht längst auf die Straße gegangen sind. Das entspricht aber wohl nicht dem bayerischen Naturell...
mkuh 01.09.2015
3. Teurer Wohnraum
Hallo es muss ja nicht München, Frankfurt oder Berlin sein - wer neu nach Deutschland kommt kann in jede Gegend ziehen, seinem Geldbeutel entsprechend.
deus-Lo-vult 01.09.2015
4.
Zitat von johnnybach... wenn der Wohnungsbau unattraktiv gemacht wird, sinkt in einer wachsenden Stadt wie München das Angebot (bzw. wächst nicht schnell genug).
Alternativ könnte man der Stadt den Rücken kehren!
Jo aus Pö 01.09.2015
5. wegziehen?
Arbeitslose Eltern (über deren Berufsqualifikation leider nichts gesagt wird) mit drei Kindern müssen nicht unbedingt in einer der teuersten Wohnregionen Deutschlands leben, denn es ist wohl kaum anzunehmen, dass es eventuelle Jobs für die Eltern nur in München gibt. Logische Konsequenz wäre ein Umzug in eine Region mit deutlich günstigerem Mietpreisniveau.
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