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BANKEN Münchner Misere

Trotz des Börsengangs ihrer Immobiliensparte kämpft die HypoVereinsbank weiter mit milliardenschweren Risiken. Im Kreditgeschäft besteht ein gigantischer Abschreibungsbedarf.
Von Beat Balzli und Christoph Pauly
aus DER SPIEGEL 41/2003

Das umstrittene Geschenk kam am vergangenen Freitagabend kurz nach Börsenschluss. Wie von Geisterhand wurde jedem Aktionär der HypoVereinsbank (HVB) für je vier Papiere zusätzlich eine neue Aktie der Hypo Real Estate (HRE) ins Depot gebucht. Seit diesem Montag können Anleger das Papier der Immobilientochter an den Börsen in Wien und Frankfurt frei handeln. Nur die Münchner Rückversicherung wollte nicht so lange warten und trennte sich bereits vergangenen Donnerstag von ihrem 25-Prozent-Anteil.

Die Abspaltung ist der jüngste Befreiungsschlag von HVB-Chef Dieter Rampl. Mit der Entsorgung der gewerblichen Immobilienfinanzierung will er das Profil seiner kapitalschwachen Gruppe als »Bank im Herzen Europas« schärfen, wie er kürzlich bei einer Bankierstagung stolz verkündete.

Vorbei scheinen mit Rampls Hypo-Thesen die Tage der Milliardenverluste. Egal ob Einkaufszentren, Ossi-Fonds oder Bürocenter - gewerbliche Risikokredite im Umfang von 57 Milliarden Euro sind jetzt ausgelagert. Künftig sollen nur noch private Häuslebauer bedient werden.

Rampl sieht sich klar auf Kurs. Nach dem Rekorddesaster im vergangenen Jahr scheint die Rettung der Bank forsch voranzugehen. Die einst gefährlich brüchige Kapitaldecke stabilisiert sich langsam.

Für die rentable Tochter Norisbank bezahlten die Konkurrenten von der DZ Bank einen stolzen Preis von 447 Millionen Euro. Für den Verkauf von 22,5 Prozent an der Bank Austria erhielt Rampl 960 Millionen Euro: »Über den Erfolg des Transformationsprogramms bin ich sehr glücklich.«

Doch so richtig ernst kann er das nicht gemeint haben. Zwar rettete Rampls Nothelfertruppe das hinter der Deutschen Bank zweitgrößte Geldinstitut des Landes kurz vor dem Abgrund, was den Aktienkurs in den vergangenen Monaten deutlich befeuerte. Aber die Misere haben die Münchner deshalb noch lange nicht hinter sich gelassen - im Gegenteil.

Die ständige Umstrukturierung sorgt für Frust und Verunsicherung in der Belegschaft. Verschiedene Unternehmensteile haben noch keinen Käufer gefunden. Die geplante Reduktion der Risikoaktiva um rund 100 Milliarden Euro wird nicht erreicht. Und im Kreditgeschäft schlummert weiterhin ein gigantischer Abschreibungsbedarf.

Wie kritisch die Situation ist, zeigt die Tatsache, dass die Münchner den jüngsten Börsengang der HRE mit kräftigen kosmetischen Tricks begleitet haben.

»Vor dem Hintergrund ihres Transformationsprogramms hat sich die HVB Group entschlossen«, informiert man auf der Internet-Seite die Aktionäre, »sich vom gewerblichen Immobilienfinanzierungsgeschäft zu trennen.«

Bis Ende 2004 steht der Konzern bei der Börsentochter für Verluste von maximal 590 Millionen Euro gerade, dann gehört das riskante Geschäft mit den Gewerbebauten definitiv der Vergangenheit an - so weit die offizielle Darstellung. In Wirklichkeit kann von einer Trennung keine Rede sein.

Trotz des Börsengangs bleibt die Bank auf gewerblichen Immobilienfinanzierungen im Umfang von über 30 Milliarden Euro sitzen. In der digitalen Aktionärsinfo ist dieser zentrale Punkt mit keinem Wort erwähnt.

Die HRE bündelt nur die Geschäfte der Hypothekentöchter sowie die internationalen Immobilien-Aktivitäten des Konzerns. Große Teile des heiklen Inlandsgeschäfts bleiben hingegen weiterhin bleischwer bei der HVB liegen.

In den goldenen neunziger Jahren hat die Bank selbst rund 30 Milliarden Euro an Bauträger, Investoren und Immobilienhaie ausgegeben. Die anhaltende Pleitewelle beschert der HVB als größtem Immobilienfinanzierer Europas stets neue Wertberichtigungen. In diesem Jahr wird es allein in der gewerblichen Immobilienfinanzierung ein Minus von rund 470 Millionen Euro geben, hat Michael Kemmer, Vorstand fürs Risiko-Controlling, errechnet.

Zwar will die Hypo-Spitze aus diesem Geschäft so schnell wie möglich aussteigen. Doch die Darlehen haben oft eine Laufzeit von bis zu zehn Jahren.

»Wenn der Markt nicht besser wird, müssen wir in den nächsten Jahren weitere Vorsorge treffen«, warnt Kemmer. Immerhin etwa 30 Prozent des im Konzern verbleibenden Portfolios, also insgesamt zehn Milliarden Euro, wurden für Projekte in den krisengeschüttelten neuen Bundesländern verliehen. Böse Überraschungen sind programmiert.

Auch die Notfallstation, das so genannte Workout-Portfolio, klebt weiter an den Münchnern. Dort werden zurzeit noch Kreditpatienten mit einem Volumen von rund vier Milliarden Euro behandelt.

Zwar wurden seit Anfang 2000 Altlasten wie die viel zu üppig finanzierten Berliner Park-Kolonnaden oder Flops wie Golfplätze mit angeschlossenen Wohnparks mitten in der Mark Brandenburg im Wert von insgesamt fast sechs Milliarden Euro abgestoßen. Doch übrig bleiben die Ladenhüter, der Abverkauf stockt - wie etwa beim Gewerbepark in Berlin-Schönefeld.

»Da wird ein Bodensatz bleiben«, sagt Kemmer. Die Verluste, die 2002 allein für diesen Teil des Geschäfts bei 160 Millionen Euro lagen, werden sich dieses Jahr noch einmal leicht erhöhen.

Und nicht nur im Immobilien-, sondern auch im Kreditgeschäft mit den Firmenkunden ist die Bank noch lange nicht über den Berg. Hier rächt sich, dass die HVB eigentlich aus vier Kreditinstituten besteht, der Bayerischen Hypobank, der Vereinsbank sowie den österreichischen Anstalten Bank Austria und Creditanstalt, die allesamt großzügig Kredite an ihre Klientel verteilt hatten.

Die gute Nachricht: Der gigantische Wertberichtigungsbedarf von 3,8 Milliarden Euro, der im vergangenen Jahr die Aktionäre schockte, wird aller Voraussicht nach nicht mehr erreicht.

Die schlechte Nachricht: Selbst wenn bis Ende des Jahres keine größeren Katastrophen passieren, rechnet Kemmer mit einem Wertberichtigungsbedarf von insgesamt rund drei Milliarden Euro. Damit dürfte die HVB unter allen Banken Europas wieder das Kellerkind sein.

»Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis alle Risiken abgearbeitet sind«, sagt Vorstand Kemmer. Die schwierige Konjunkturlage erleichtert nicht gerade das Geschäft. Selbst das Ziel der HVB, Risikoaktiva im Wert von 100 Milliarden Euro innerhalb eines Jahres abzubauen, könnte sich als zu ehrgeizig herausstellen. Kemmer wäre froh, wenn am Jahresende über 90 Milliarden Euro abgebaut wären.

Um die Kapitalbasis zu stärken, muss Rampl weitere Tochtergesellschaften abstoßen. So sucht er derzeit Käufer für seine beiden Privatbanken BethmannMaffei und die Schweizer Bank von Ernst.

Dass er die beiden Institute am Ende loswird, bezweifelt kaum jemand. Für Bethmann soll es fünf ernsthafte Interessenten geben, darunter die niederländische Bank ABN Amro.

Allerdings dürften Rampls Preisvorstellungen an der Realität vorbeigehen. Insbesondere das eidgenössische Traditionshaus von Ernst, das für seine Kunden rund 13 Milliarden Franken verwaltet, gilt auf dem Zürcher Finanzplatz nicht als starke Marke. Zu viele Kundenvermögen liegen unter der magischen Grenze von einer Million Schweizer Franken.

Mit bescheidenen Einnahmen muss Rampl auch beim Verkauf seiner Brau-und- Brunnen-Beteiligung rechnen. Mehrere ausländische Interessenten sollen inzwischen abgesprungen sein. Und auch bei seiner Fondsgesellschaft Activest stehen die Interessenten nicht gerade Schlange.

Beharrliche Kärrnerarbeit gilt als Rampls Stärke. Nur gelegentlich gestattet sich der gebürtige Münchner strategische Visionen. Die osteuropäischen Länder seien »die Tigerstaaten der Weltwirtschaft«, sagt er dann mit Verweis auf die starke Stellung der Bank Austria in diesen Ländern.

Vor wenigen Tagen scheiterte allerdings die geplante Übernahme der ungarischen Postbanka. Und die Synergien, die beim Kauf der Bank Austria im Jahr 2001 beschworen wurden, lassen sich noch nicht heben. Die HVB leistet sich in München und Wien zwei teure Konzernzentralen. Der Verkauf von 25 Prozent der Aktien an der Bank Austria hat die Strukturen nur zementiert.

Und noch immer kommt es vor, dass sich Österreicher und Bayern bei großen Kunden selbst Konkurrenz machen. Da gilt es bankintern schon als Leistung, dass wenigstens die Risikokontrolle mittlerweile nach einheitlichen Standards vorgenommen wird. Im nächsten Jahr geht der äußerst selbstbewusste langjährige Bank-Austria-Chef Gerhard Randa als HVB-Vorstand in Pension, dann soll der Durchgriff aus München verstärkt werden.

Die Zeit drängt. In der vergangenen Woche schreckte Oswald Grübel die Geldmanager in München, aber auch in Frankfurt auf. »Wir sind in Deutschland mittelfristig an substanziellen Akquisitionen interessiert«, sagte der Chef der Credit Suisse in einem »Handelsblatt«-Interview. Da denke man nicht an irgendwelchen Kleinkram, sondern ans Große. Der Börsenwert der Credit Suisse liegt zurzeit viermal höher als jener der HVB, deren Vorstandschef Rampl schnelle Sanierungserfolge braucht.

Auch er hält es für wahrscheinlich, dass es bald zu einer grenzüberschreitenden Konsolidierung der Banklandschaft in Europa kommt. »Nur wer den Reigen beginnt, ist letztlich die Frage.« BEAT BALZLI,

CHRISTOPH PAULY

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