Kontroverse bei Münchner Sicherheitskonferenz Was die einzige Teilnehmerin über das Foto ohne Frau sagt

Ein Bild mit vielen Männern – und keine einzige Frau: Das Foto eines Businesslunchs am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz hat Diskussionen ausgelöst. Eine Frau kam später dazu. Wir fragen sie: Was war da los?
Ein Interview von Kristina Gnirke
Julie Linn Teigland, Managerin bei Ernst & Young

Julie Linn Teigland, Managerin bei Ernst & Young

Foto:

Ernst & Young

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Ein Foto Dutzender Topmanager ohne nur eine einzige Frau beim formellen Mittagessen am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) hat eine Welle der Empörung ausgelöst. »Wie aus einer anderen Welt« wird in sozialen Medien gespottet und gefragt: »Ist das wirklich 2022?«. Nach dieser Reaktion ist die MSC ebenfalls erschrocken. Man »bedauert den Vorfall sehr«, heißt es nach längerer Bedenkzeit. Der Lunch aktueller und ehemaliger CEOs bleibe »weit hinter unseren eigenen Ansprüchen« und sei ein »Ansporn, es beim nächsten Mal besser zu machen«.

Im Raum allerdings saß tatsächlich doch eine Frau. Julie Linn Teigland, Partnerin bei der Wirtschaftsberatung Ernst & Young (EY) und 2021 vom Magazin »Fortune« zu einer der weltweit mächtigsten Frauen gekürt. Teigland, geboren in den USA und seit 30 Jahren in Deutschland, ist verantwortlich für Europa, den Mittleren Osten, Indien sowie Afrika und führt ein Team von mehr als 120.000 Beschäftigten in 98 Ländern. Und die 52-Jährige ist eine Verfechterin der Gleichstellung von Mann und Frau. In Anbetracht der Reaktionen auf das Foto reagiert sie wiederum verwundert.

SPIEGEL: Frau Teigland, angesichts von rund 30 Männern beim Businesslunch von derzeitigen und ehemaligen Wirtschaftschefs ging ein Aufschrei der Empörung durch die sozialen Medien. Keine Frau weit und breit. Sie waren da, als einzige, nur nicht auf dem Bild. Wie hat sich das angefühlt, waren Sie empört?

Teigland: Ich war etwas zu spät zu dem Essen gekommen und habe daher den Anfangsredner abgewartet, bis ich eingetreten bin. Vielleicht bin ich deshalb nicht auf dem Foto. Es fühlt sich natürlich nicht umwerfend an, allein als Frau in eine so große Männerrunde zu kommen. Als ich dann das Bild sah, war ich ebenfalls erschrocken. Aber ich frage mich eher, warum die Leute so überrascht sind.

SPIEGEL: Wieso?

Teigland: Mir scheint, hier sagt ein Bild mehr als tausend Worte. Wir brauchen nur die Statistik zu lesen, um zu erkennen, wo wir 2022 stehen, wenn es um Frauen in Toppositionen geht. Vielleicht aber sind die Zahlen zu nüchtern, um das Problem deutlich zu machen.

SPIEGEL: Dann spiegelt dieses Mittagessen nur die Realität und der Rest ist Wunschdenken. Kein Grund zum Aufregen?

Teigland: Zum Aufregen schon, aber nicht über das Foto, sondern über die sich so zäh verändernde Situation. Die Hälfte aller in den Dax-Indizes notierten Firmen in Deutschland haben nicht eine einzige Frau im Vorstand. Langsam bessert sich zwar die Lage, doch noch immer sind von den insgesamt 700 Vorstandsmitgliedern lediglich 94 weiblich.

SPIEGEL: Der ehemalige Siemens-Chef Joe Kaeser betonte, es seien zehn Frauen zu dem Essen eingeladen gewesen, jedoch hätten acht abgesagt, eine weitere sei nicht erschienen. Die Einladungspraxis soll kommendes Jahr verändert werden. Liegt es nicht aber hier auch an den Frauen selbst?

Teigland: Ich kann leider nicht sagen, wer noch eingeladen war, und ich weiß auch nicht, warum jemand nicht kam. Ich weiß aber aus eigener Erfahrung, dass es manchmal Mut braucht, sich in männlich dominierten Gruppen Gehör zu verschaffen. Wir sind nicht viele, also müssen wir uns bemerkbarer machen. Das fühlt sich nicht immer angenehm an. Sicher ist, dass wir solche Momente ergreifen müssen.

SPIEGEL: Die Organisatoren der Sicherheitskonferenz betonen, sich seit Jahren für mehr Diversität auf der Konferenz einzusetzen, tatsächlich liege der Anteil von Frauen im Hauptprogramm bei 45 Prozent.

Teigland: Meiner Ansicht nach bemüht sich die MSC sehr um mehr weibliche Präsenz, die Panels bei der Konferenz waren sehr ausbalanciert. Was sich hier zeigt, ist, dass sich in der Politik schon sehr viel mehr geändert hat als bei den Unternehmen. In Deutschland liegen wir schon im obersten Drittel weltweit beim Anteil von Frauen in parlamentarischen Führungspositionen. Ich würde mir das Gleiche endlich auch in der Wirtschaft wünschen. Wir müssen uns dort mehr anstrengen.

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