SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

04. November 2006, 14:43 Uhr

Münteferings Generalanklage

"Geld darf nicht die Welt bestimmen"

Arbeitsminister Müntefering poltert wieder gegen internationale Finanzinvestoren. Vergangenes Jahr beschimpfte er sie als "Heuschrecken". Jetzt erklärt er in einem Interview, die Branche sei "das hässliche Gesicht des modernen Kapitalismus". Und auch die deutschen Manager bekommen ihr Fett weg.

Hamburg - "Es gibt eine Finanzindustrie weltweit, die mit Geld wie mit einer Ware hantiert. Da wird mit astronomischen Summen schnell viel zusätzliches Geld verdient - ohne Rücksicht auf die Frage, was das für Arbeitsplätze und das Wohlergehen der Menschen bedeutet. Das ist das hässliche Gesicht des modernen Kapitalismus", sagte Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD) der "Bild am Sonntag".

Franz Müntefering (SPD): "Wirtschaft ist für die Menschen da, nicht umgekehrt"
DDP

Franz Müntefering (SPD): "Wirtschaft ist für die Menschen da, nicht umgekehrt"

Er habe "kein Patentrezept gegen solche Machenschaften", sagte der Vizekanzler und fügte hinzu: "Geld darf nicht die Welt bestimmen. Wirtschaft ist für die Menschen da, nicht umgekehrt."

Außerdem bezeichnete Müntefering die Spitzengehälter mancher Topmanager als "sittenwidrig". Er könne akzeptieren, dass Spitzenleute das zehn- oder 20-fache des einfachsten Arbeiters verdienen, aber manchmal sei es das Hundertfache und mehr. "Da endet mein Verständnis", sagte der SPD-Politiker. "Mehr Bescheidenheit stünde manchem Topmanager gut zu Gesicht."

Ebenfalls "sittenwidrig" sei auch das Gegenteil der Spitzengehälter: Niedriglöhne, die unter dem Existenzminimum liegen. "Das kann und wird die Politik nicht weiter akzeptieren", sagte der Minister mit Hinweis auf Mindestlohnpläne. Müntefering betonte bereits Ende September, man könne eine Mindestlohnregelung "so organisieren, dass es der Wirtschaft nicht schadet".

Die jetzige Generalanklage Münteferings ist nunmehr der dritte Versuch, die Kapitalismusdebatte anzufachen. Im vorigen Jahr hatte der SPD-Politiker Finanzinvestoren als "Heuschrecken" bezeichnet und damit heftige Debatten ausgelöst. Im Mai dieses Jahres warnte er in einer Grundsatzrede zur Europapolitik vor einer ungehemmten Macht der Märkte.

fba/AP/ddp

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung